Der “Campanile” der Stiftskirche von Rohr

Wer bewundert sie nicht – die italienischen Kirchturme? Der “Campanile”, von ital. campana “Glocke”, steht im Gegensatz zu den Kirchtürmen nördlich der Alpen frei. Bedeutende Beispiele sind der “Schiefe Turm” zu Pisa, der Campanile am Dom in Florenz von Giotto (1266-1337) oder der Turm der Markuskirche in Venedig.

Campanile der Markuskirche in Venedig

Campanile der Markuskirche in Venedig

In Bayern waren Kirchtürme dieser Art eine Seltenheit. Lediglich auf der Fraueninsel im Chiemsee hat sich ein Campanile erhalten. Auch in Rohr i. NB hat nach der Gründung des Augustinerchorherrenstifts im Jahre 1133 offensichtlich ein freistehender Turm zum Gottesdienst gerufen. Jedenfalls lassen die bildlichen Quellen einen solchen Schluß zu. Die älteste erhaltene Darstellung des Rohrer Kirchturms ist auf dem Grabmal des Stifters, des edlen Adalbert von Rohr, zu sehen. Es stammt aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und zeigt eine romanische Basilika.(1) Der frei stehende Turm wirkt schlank und hoch. Er zeiht allerdings bereits die stark horizontale Gliederung der einzelnen Geschosse und jeweils ein Fenster nach den vier Himmelsrichtungen in jeder Etage von der zweiten aufwärts. Das oberste Geschoß zeigt je zwei Rundbogenfenster auf jeder Seite und führt durch Spitzgiebel in ein hohes Spitzdach über.

Adalbert von Rohr

Grabmal des Stifters des Augustinerchorherrenstifts Rohr, des Edlen Adalbert von Rohr (Kupferstich in Dalhammers "Canonia Rohrensis" 1784)

Im Jahre 1443 wurde der Turm neu gedeckt.(2) Die um die Mitte des 15. Jahrhunderts erreichte Gestalt des Turms dürfte in den folgenden 150 Jahren ihre Form wohl kaum verändert haben.

Im Jahre 1632 wurde das Augustinerchorherrenstift ein Opfer des Dreißigjährigen Krieges.(3) Die Klostergebäude gingen in Flammen auf, die Kirche indes blieb verschont. Nach den Schweden steckten am 21. Mai 1648, also in den letzten Kriegsmonaten, kaiserlich-katholische  Truppen das Kloster abermals in Brand. Erst gegen Ende des Jahrhunderts hatte sich das Stift soweit erholt, daß mit dem Bau notwendiger Wirtschaftsgebäude begonnen werden konnte. 1696 ließ Propst Patritius II. Freiherr von Heydon (1682-1730) das Obergeschoß des Turmes in barocker Form neu aufführen. Er erhielt die Form, wie sie im wesentlichen heute noch besteht. Damals saß auf dem eigenartigen Helm, der dem Turm bekrönt, noch ein kleines Türmchen. Dem Stich Michael Wenigs zufolge war noch vor dem Jahre 1701 dan die Westfassande eine barocke Vorhalle gebaut worden.(4)

(1) Näheres zum Folgenden bei Zeschick, Johannes: Zur Baugeschichte der ersten Stiftskirche, in: Bayerns Assunta. Marienkirche und Kloster in Rohr, hg. v. der Abtei der Benediktiner zu Rohr in Niederbayern, Landshut 2. Aufl. 1973, 33-42, hier 34.

(2) Ebd. 38.

(3) Zum Folgenden ebd. 40.

(4) Ebd. 39f.

(Fortsetzung folgt!)

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