“Habemus Papam”

Benedikt XV.

Benedikt XV.

Einem kirchlichen Ritus entsprechend wird nach einer Papstwahl von der Außenloggia der Peterskirche in Rom mit dieser lateinischen Formel auch heute noch der neue Pontifex der Öffentlichkeit präsentiert. Die vollständige, seit dem 15. Jahrhundert schriftlich überlieferte Wendung lautet: “Annuntio vobis magnum gaudium, Papam habemus”, zu Deutsch: “ich verkünde euch eine große Freude, wir haben einen Papst.” Eine bekannte deutsche Boulevardzeitung warb einen Tag nach der Wahl Joseph Kardinal Ratzingers zum Nachfolger des verstorbenen Johannes Paul II. (1978-2005) mit der Schlagzeile “Wir sind Papst!” um die Gunst der laufenden Kundschaft. Können sich aber mit Bedacht auf 26 211 000 Lutheraner,   85 000 Baptisten und 64 000 Methodisten wirklich alle Deutschen über diese Wahl freuen? Hat nicht Martin Luther, der Reformator, der zwei Jahre vorher bei einem vom ZDF durchgeführten Ranking, das den Titel “Unsere Besten” trug, hinter Konrad Adenauer (1876-1967) und vor Karl Marx (1818-1883) den 2. Platz belegt, den Mann in den Schuhen des Fischers als “Antichristen” diffamiert? Er identifizierte ihn also als jene apokalyptische Persönlichkeit, die nach den Zeugnissen des Neuen Testaments und der christlichen Tradition gegen die Ordnung Gottes und die Botschaft Christi ausgerichtet ist. Was aber oft übersehen wird: Die Anschuldigung ist bei Luther an Voraussetzungen gebunden: Wenn der Papst das Evangelium nicht zulässt, wenn er den Menschen die Tür zum Himmelreich nicht aufschließt und wenn er nicht will, dass jemand selig werde. Und selbst als die Papstschelte des Reformators immer maßloser wurde, äußerte er noch, er wäre bereit, dem Bischof von Rom die Füße zu küssen und ihn auf Händen zu tragen, wenn er nur das Evangelium, d. h. die Lehre von der Glaubensgerechtigkeit zulassen würde. Und Philipp Melanchthon (1497-1560), das Alter Ego Luthers, wollte dem Papst gar “um des Friedens und der gemeinsamen Einigkeit willen … seine Superiorität über die Bischöfe, die er iure humano hat”, anerkennen.

Im späteren Protestantismus fielen derartige Differenzierungen völlig weg; nun schien es mehr und mehr, dass Luthers Anliegen in erster Linie eine “Los-von-Rom-Bewegung” gewesen sei. Und nach den Dogmen des Ersten Vatikanischen Konzils (1869/70) schien alle Hoffnung auf die Ökumene endgültig zu Ende zu sein. Der evangelische Theologe Karl Barth (1886-1968) sprach vom “Vatikanischen Frevel” und das Nein zum Papst erschien jetzt als der Grundpfeiler nahezu aller nichtrömischen Kirchen. Angesichts der zunehmenden Globalisierung merkte man allerdings recht bals, dass weder die konfessionellen Weltbünde noch der Ökumenische Rat eine Struktur der Einheit zu gewährleisten vermochten. So räumt der “Evangelische Erwachsenenkatechismus” von 1975 auch ein, dass “die nichtrömischen Kirchen bisher kein überzeugendes Modell vorgelebt [haben], wie die Einheit der Kirche sichtbare Gestalt gewinnen könnte”. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass die Stellung der anderen Konfessionen zum Papstttum weitgehend davon abhängen wird, ob es Rom gelingt, das Amt als einen Dienst an der Einheit darzustellen.

Nach dem Zusammentreffen zwischen dem Vorsitzenden des Rates der Evanglischen Kirche in Deutschland Eduard Lohse (1979-1985) und Papst Johannes Paul II. am 17. November 1980 in Mainz wurde angesichts der Dringlichkeit einer Verbesserung des ökumenischen Miteinander die “Gemeinsame Ökumenische Kommission” eingesetzt, von der nicht nur praktische, sondern auch prinzipiell-theologische Probleme diskutiert und womöglich gelöst werden. Insgesamt verabschiedete das Gesamtprojekt acht Einzeltexte, von denen sich das letzte Teildokument mit den gegenseitigen Verwerfungen des jeweiligen Amtsverständnisses beschäftigt. Was die Diffamierung des Papstes als “Antichristen” angeht, kam man überein, dass dieser Vorwurf schon unter den Bedingungen des 16. Jahrhunderts nicht gerechtfertigt war. Evangelischerseits wird die Verwendung des Begriffs und die daraus folgende Wirkungsgeschichte bedauert. Hinsichtlich der sachlichen Kontroverse über das Papstamt hat das Vaticanum II durch seine Aussage der Unterordnung des Lehramts unter das Wort Gottes in der dogmatischen Konstitution “Dei Verbum”, durch seine Kollegialität der Bischöfe und durch die Betonung der Ortskirchen, in denen und aus denen “die eine und einzige katholische Kirche [besteht] (Lumen Gentium 23), sowie durch die Erinnerung an die Patriarchate als “Stammütter des Glaubens” (Lumen Gentium 23) Gesichtspunkte entwickelt, die Möglichkeiten der Verständigung öffnen. Festgehalten wurde ferner, dass der Genfer Reformator Jean Calvin (1509-1564) nie bestritten hat, dass die Gemeinschaft der Bischöfe sich im Laufe der Geschichte stets an einigen durch ihren apostolischen Ursprung hervorgehobenen Gemeinden, unter denen die römische und ihr Bischof von alters her einen besonderen Vorrang hatte, orientierten. Schließlich kann auf ein Papsttum, dessen Amt dem Evangelium untergeordnet ist, das Urteil der Reformation keine Anwendung finden. Wenn sich nun nichtrömische Christen oder gar religiös Indifferente spontan mit dem neuen Pontifex identifizieren, liegt das aber sicher nicht an interkonfessionellen Erklärungen aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, sondern an der Lehre, die unverrrückbare Wahrheiten kennt, und das in einer Zeit, in der politische und wirtschaftliche Konzepte schneller wachsen als die Mode und sich diametral gegenüberstehen, obwohl es für sie jeweils einleuchtende Ansätze gibt. Will man erahnen, was die Zukunft mit Benedikt XVI. bringt, muss man zunächst in die Vergangenheit schauen. Wohl selten ist nach der Wahl eines neuen Papstes dessen Name mehr diskutiert worden. Benedikt von Nursia, der Mönchsvater und Patron Europas, wurde ins Spielgebracht oder Benedikt XIV. (1740-1758), weil er der Pontifex war, der as “Heilige Uffiz” aufgrund seiner Tätigkeit von innen kannte.

Der bayer auf dem Stuhl Petri selbst beruft sich aber auf Benedikt XV. …

(Fortsetzung folgt!)

Kommentieren ist momentan nicht möglich.