Ökumene und Oktoberfest

Auf den ersten Blick scheint es reichlich konstruiert, zwischen dem Ökumenischen Kirchentag und dem Oktoberfest eine Verbindung herzustellen. Die Einheit des Ortes allein gibt keinen Anlass, eine Beziehung zwischen einer frischen Mass und der Annäherung der Konfessionen zu erkennen. Im Rahmen des zentralen Eröffnungsgottesdienstes, der auf der Theresienwiese stattfand, formulierte der Münchener Oberbürgermeister Christian Ude indes den Satz: „Als weltoffene Stadt des ökumenischen und interreligiösen Brückenbaus setzt München große Hoffnung in den Ökumenischen Kirchentag.“ Was veranlasste das Stadtoberhaupt dazu, einen solchen Satz zu formulieren? Dachte er dabei vielleicht an die Braut des Kronprinzen Ludwig, die der Festwiese ihren Namen gab? Sie war nämlich evangelisch und Mischehen waren 1810 – also genau 200 Jahre vor dem Ökumenischen Kirchentag – im katholischen Königreich Bayern etwas Seltenes.1

Doch wie kam der Kronprinz dazu, sich eine Prinzessin aus einem lutherischen Duodezfürstentum als Gemahlin zu erwählen? Die Parität, also die völlige Gleichberechtigung der Konfessionen, war in Bayern bereits durch das Toleranzreskript vom 26. August 1801 und das Toleranzedikt vom 10. Januar 1803 hergestellt worden.2 Dadurch wurden auch Mischehen offiziell zugelassen. Die bayerische Gesetzgebung auf diesem Gebiet hatte Vorbildcharakter für das Königreich Württemberg und das Großherzogtum Baden.3 Die mittleren und kleineren nord- und mitteldeutschen Staaten verzichteten auf vergleichbare gesetzliche Regelungen. In Staaten wie Braunschweig, Sachsen und den beiden mecklenburgischen Großherzogtümern hingegen wurde die Entwicklung der katholischen Kirche bis zum Ende des Kaiserreichs durch die staatskirchenhoheitliche Gesetzgebung massiv behindert.4 In Mecklenburg-Schwerin unterlagen sogar periodische Gottesdienste durch im Land zugelassene Priester der staatlichen Genehmigung.

Doch nun zum Kronprinzen: Ludwig hatte miterlebt, wie seine Schwestern Auguste5 und Charlotte6 unter dem Druck Napoleons mit Männern vermählt wurden, die sie sich nicht gewünscht hatten. Er fürchtete daher, ebenfalls zu einer politischen Heirat gezwungen zu werden.7 Sein Vater Maximilian I. Joseph hatte ihm zu wissen gemacht, dass „eine Prinzessin von Hildburghausen … lieb, freundlich und gütig“8 sei. Dass die Staatskasse des künftigen Schwiegervaters Herzog Friedrich (1787-1834) leer war, machte die geplante Verbindung politisch unbedenklich.9

Schließlich reiste der bayerische Kronprinz am 20. Dezember 1809 in die kleine sächsische Residenz an der Werra.10 Seine Eltern weilten währenddessen auf Einladung des kleinen Korsen in Paris. Ludwig musste befürchten, dass dort eine politische Vermählung angebahnt und Napoleon ihm die Braut wählen würde. Folglich wollte er vollendete Tatsachen schaffen. In Hildburghausen angekommen, hatte er die Wahl zwischen Therese und ihrer Schwester Luise. Ludwig erkor die zwei Jahre ältere Therese.11 Er teilte den Entschluss seinen Eltern mit. König Max gab seine Zustimmung: „Gott segne Deine Wahl … Die Ursache, daß ich so spät antworte, ist diese: In dem Publicum ging acht Tage lang die Rede, der Kaiser würde Deine zukünftige Frau heirathen. Stelle Dir meine Angst vor, auch wie er mir auf einem Ball bey Savari selbst davon anfing zu sprechen.“12

Die feierliche Verlobung wurde am 12. Februar 1810 in Hildburghausen gefeiert. Nach der Rückkehr brach am Münchener Hof Hektik aus, denn Ludwig hatte das Verlangen, möglichst bald zu heiraten. Doch König Max wollte die Niederkunft seiner Frau, Königin Caroline13, abwarten. Sie wiederum lehnte es ab, der Anlass für einen Hochzeitaufschub ihres Stiefsohns zu sein. Schließlich brachte sie am 21. Juli 1810 ihre Tochter Maximiliane zur Welt.14

Der Kronprinz war in seine Braut bis über beide Ohren verliebt. Am 28. Februar schrieb er ihr folgende Zeilen: „Glücklich werde ich sein mit Dir, liebe, liebe Therese, doch wie Trübe und Helle wechselt Freude und Trauer im Leben, Seligkeit gibt es auf Erden nicht, auch in der Ehe nicht, selbst in der glücklichsten, und oh, wie weit bin ich entfernt von Vollkommenheit! Überspannte Erwartungen mindert sie mehr als die Wirklichkeit. Geliebte Therese, präge Dir tief dies ein, es ist Wahrheit, Deiner Zukunft Glück hängt davon ab …“15

Ende September kam für Therese der Abschied aus Hildburghausen.16 Die Hochzeit war auf den 12. Oktober 1810 festgelegt worden, den Namenstags des Königs. Die Trauung fand am Abend in der Hofkapelle der Residenz statt. Fünf Tage sollten die offiziellen Feierlichkeiten dauern. Damit bot sich eine Gelegenheit, das junge Königreich glänzend darzustellen, hatte die Stadt München doch seit 1722 keine Fürstenhochzeit mehr in ihren Mauern gesehen. Eines der Feste, welches das Königshaus mit seinem Volk feierte, war ein Pferderennen der Kavallerie der Nationalgarde. Als Austragungsort wählte man eine Wiese vor dem Sendlinger Tor, „seitwärts der Straße, die nach Italien führt“17. Der Ort wurde nach der frischgebackenen Kronprinzessin „Theresienwiese“ benannt. Ein Jahr später wiederholte man das Fest und verband damit die erste Landwirtschaftsausstellung. „Das größte Bierfest der Welt, das Münchener Oktoberfest war geboren.“18

Die „Wies’n“ verdankt ihre Entstehung also einer Mischehe, die zu einer Zeit geschlossen wurde, in der es noch zu „Tragödien [kam], wenn die Liebe an der Konfessionsverschiedenheit auflief“19. Mittlerweile spricht man von konfessionsverbindene[n] Paare[n]20. Thereses Treue zum lutherischen Bekenntnis war dem verliebten Kronprinzen zunächst ein Dorn im Auge.21 Ludwigs Erziehung war streng katholisch ausgerichtet. Er hatte sich vorgestellt, dass es ein Leichtes sei, seine Braut zur Konversion zu veranlassen. Sie kam diesem Wunsch allerdings nicht nach. Zahlreiche Tagebuchaufzeichnungen lassen erkennen, wie hartnäckig Ludwig auf einen Konfessionswechsel hinarbeitete und wie sehr es ihn ärgerte, dass Therese ihrer Religion treu blieb. Die Angst, von Napoleon verheiratet zu werden, ließ Ludwig schließlich nachgeben. Auch späteren Versuchen, doch noch einen Wechsel des Bekenntnisses zu bewirken, war kein Erfolg beschieden. Wichtigster Verbündeter der Kronprinzessin war König Max, der eine Beeinträchtigung des Verhältnisses zwischen den Konfessionen befürchtete. Der Ehevertrag hatte auch bestimmt, dass einige oder mehrere Personen in Thereses Hofstaat protestantischer Konfession sein können.22 Zwar hat die Kronprinzessin bei den gelegentlichen konfessionellen Spannungen im Land keine Rolle gespielt, doch für die Protestanten des Königreichs mochte es eine gewisse Beruhigung und Gewähr für das Vertrauen in die regierende Dynastie ausmachen, dass ihre Herrscher ihre Frauen aus lutherischen Häusern geholt hatten. Auch nachdem Therese 1821 durch die Gebete eines katholischen Geistlichen auf wundersame von einer lebensgefährlichen Krankheit geheilt worden war, hielt sie unbeirrbar an ihrem Glauben fest.23

Wenngleich sich bereits 1799 um die Kurfürstin Caroline eine evangelische Hofgemeinde gebildet hatte, erhielt erst 1801 der erste Protestant das Bürgerrecht in München.24 Die Lutheraner durften sich aber bis 1824 nicht als Kirche bezeichnen. Folglich war es nicht einfach in altbayerisch-katholischen Gebieten Gotteshäuser zu errichten. 1806 zählte die evangelische Gemeinde Münchens aber bereits 1200 Gläubige.25 Sie nahmen als Gäste an den Hofgottesdiensten teil. Durch nachdrückliche Bemühungen der Königin Caroline bewilligt König Max I. schließlich die Bildung einer eigenen Gemeinde. Der Errichtung einer evangelischen Kirche sollte jedoch erst unter seinem Nachfolger in Angriff genommen werden. Der knausrige Ludwig zögerte zunächst wegen der Kosten. Nach langem Hin und Her konnte am 25. August 1833 die erste protestantische Kirche Münchens eingeweiht werden, die nach dem Evangelisten Matthäus benannt wurde. Ludwig, der großherzige Förderer der Klöster, ließ aus seinen Privatmitteln dem Bau nichts zukommen. Seine Stiefmutter Caroline und ihre Schwiegertochter Therese hingegen stifteten große Summen für die Inneneinrichtung. Dies war eine unabdingbare Voraussetzung für die Ökumene; Brückenbau – um mit Christian Ude zu sprechen – ist nämlich nur dann möglich, wenn zwei Pfeiler vorhanden sind. Heute sieht der Münsteraner Fundamentaltheologe Johann Baptist Metz die Aufgabe der Ökumene weniger „im Miteinander und Zueinander im direkten Religionsvergleich, sondern in der Praxis gemeinsamer Weltverantwortung, im gemeinsamen Widerstand gegen die Ursachen ungerechten Leidens in der Welt, gegen Rassismus, gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen nationalistisch oder rein ethnisch imprägnierte Religiosität mit ihren Bürgerkriegsambitionen“26.

In den Wirren der Jahre 1847/48 und um die Affäre um Lola Montez erwies sich Therese als würdevolle und von selbstloser Liebe erfüllte Lebensgefährtin des Königs, der am 20. März 1848 zu Gunsten seines Sohnes Maximilian Joseph (1848-1864) zurücktrat.27 Ludwig I. bekannte seine gereifte Liebe zur Königin immer stärker. Nach seinem Tod wurde nicht nach oft geübtem Brauch der Wittelsbacher sein Herz, sondern der Ehering nach Altötting gebracht. Wie sagt doch der Apostel Paulus: „Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“ (1 Kor 13,13).

1 Es ist schwierig zu eruieren, wie groß der Anteil der Mischehen in Bayern zu Beginn des 19. Jahrhunderts war. Offensichtlich wurde die Konfessions-verschiedenheit lange Zeit als Ehehindernis angesehen. So waren von den 48521,2 Ehen, die zwischen 1901 und 1905 in Bayern durchschnittlich geschlossen wurden, nur 4639 konfessionell gemischt. Krose, Hermann Anton: Kirchliche Statistik Deutschlands, in: ders. (Hg.): Kirchliches Handbuch 1, Freiburg im Breisgau 1908, 63-210, hier 140.

2 Weis, Eberhard: Montgelas 2. Der Architekt des modernen bayerischen Staates 1799-1838, München 2005, 250.

3 Ders.: Die Begründung des modernen bayerischen Staates unter König Max I. (1799-1825), in: Schmid, Alois (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte IV/1, München 22003,3-126, hier 86.

4 Näheres bei Aschoff, Hans-Georg: Diaspora, in: Gatz, Erwin (Hg.): Geschichte des kirchlichen Lebens in den deutschsprachigen Ländern seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, Freiburg – Basel – Wien 1994, 39-212, hier 56-60.

5 Prinzessin Auguste Amalia Ludovika (1788-1851) wurde mit Eugène Beauharnais (1781-1824), dem Stiefsohn Napoleons, verheiratet. Nach der Zustimmung des Vaters zu dieser Verbindung wurde Bayern am 1. Januar 1806 zum Königreich erhoben. Trotz des politischen Charakters wurde die Ehe sehr glücklich; aus ihr gingen sieben Kinder hervor. Näheres bei Rall, Hans: Wittelsbacher Lebensbilder von Kaiser Ludwig bis zu Gegenwart, München o. J., 58-60.

6 Prinzessin Caroline Charlotte Auguste (1792-1873) wurde 1808 – nach evangelischem und katholischen Ritus – mit Kronprinz Wilhelm von Württemberg vermählt. Er ging seiner Gemahlin aber aus dem Weg und die Ehe wurde nie vollzogen. Nach dem Sturz Napoleons wurde die Verbindung annulliert. Papst Pius VII. (1800-1823) entband die Wittelsbacherin von ihrem Ehegelöbnis. Ihr Bruder Ludwig fädelte schließlich die Wiederverheiratung seiner Schwester mit Kaiser Franz I. von Österreich (1792-1895) ein. Kinderlos widmete sie sich karitativen Aufgaben. Näheres bei Hauser, Susanne Elisabeth: Caroline Auguste von Bayern, die vierte Gemahlin Kaiser Franz I. von Österreich, Diss. Salzburg 1988.

7 Zum Folgenden Schad, Martha: Bayerns Königinnen, Regensburg 1992, 96.

8 Ebd.; siehe auch Gollwitzer, Heinz: Ludwig I. von Bayern. Eine politische Biographie, München 1986, 146.

9 Gollwitzer 147. – Infolge übergroßen Aufwands musste 1769 die kaiserliche Zwangsschuldenverwaltung hingenommen werden. Köbler, Gerhard: Histo-risches Lexikon der deutschen Länder. Die deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 72007, 598.

10 Näheres zum Folgenden bei Schad 97.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Näheres zu Königin Caroline Friederike Wilhelmine (1776-1841) ebd. 15-91.

14 Ebd. 98.

15 Ebd. – Nach Gollwitzer 147 war Ludwig zwar kein „leidenschaftlich Verliebter, wohl aber … [ein] leidlich glücklicher Hochzeiter.“

16 Zum Folgenden Schad 99-101.

17 Ebd. 101.

18 Ebd.

19 Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866-1918 I, München 1990, 529.

20 Nagel, Eduard: Verschieden, einig unverbindlich. Eindrücke vom und Gedanken zum 2. Ökumenischen Kirchentag, in: Gottesdienst 11 (2010) 89-92, hier 92.

21 Schad 98; Gollwitzer 147.

22 Gollwitzer 318.

23 Näheres zur „Wunderheilung“ bei Schad 105f.

24 Zum Folgenden Baier, Helmut: Die evangelische Kirche, in: Schmid, Alois (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte IV/2, München 22007,331-355, hier 331-333.

25 Zum Folgenden Schad 54f. und 103.

26 Metz, Johann Baptist: Memoria passionis. Ein provozierendes Gedächtnis in pluralistischer Gesellschaft, Freiburg -Basel – Wien 32006,174.

27 Rall 135. – Näheres zu den Leidenschaften des Königs und Lola Montez (1821-1861) bei Schad 142-147; Gollwitzer, passim.

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