Der Kampf ums Schulkreuz 1941

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Am 23. April 1941 gab der Gauleiter Oberbayerns Adolf Wagner in seiner Eigenschaft als bayerischer Kultusminister einen Erlaß heraus, der sich inhaltlich in zwei Punkte untergliedern läßt. Zum einen ordnete Wagner an, daß das Schulgebet durch einen Spruch aus dem nationalsozialistischen Gedankengut oder einem Lied der HJ ersetzt werden soll, zum anderen, daß kirchlicher Bilderschmuck sowie Kruzifixe in der Schule am falschen Platz seien und entfernt werden müssen. Während das Verbot des Schulgebets in der allgemein vorhandenen Mißstimmung über die nationalsozialistische Kirchenpolitik aufging, kam es hinsichtlich der Entfernung der Schulkreuze zu spontanen Gegenmaßnahmen in weiten Kreisen der bayerischen Bevölkerung, so daß sich Wagner noch im selben Jahr genötigt sah, drei weitere Erlasse herauszugeben, von denen die letzten beiden den ersten abstoppten und schließlich sogar bedingt rückgängig machten. Wie sehr die Bevölkerung über die Entfernung der Schulkreuze aufgebracht war, zeigt ein Brief des Münchener Kardinals Michael von Faulhaber (1917-1952) an den bayerischen Episkopat vom 18. September 1941, in dem er schreibt:

“Offenbar hat seit der Beseitigung der Geisteskranken auf dem Wege der Euthanasie keine Maßnahme dem Volke so stark ans Herz gegriffen wie dieser Kampf gegen das Schulkreuz.”

Die nahezu einzigen Quellen für das Verhalten der bayerischen Bevölkerung im Kampf um das Schulkreuz bilden die Berichte der Regierungspräsidenten der Bezirke Bayerns. Bereits in der ersten Hälfte des des 19. Jahrhunderts waren die Präsidenten dazu angehalten worden, über die allgemeine politische Lage, die wirtschaftlichen Verhältnisse und über etwaige besondere Vorkommnisse dem Ministerium des Innern eingehende Berichte zuzustellen. Abdrucke dieser sogenannten Monatsberichte erhielten der bayerische Ministerpräsident, die Staatskanzlei, die bayerischen Minister, die übrigen Regierungspräsidenten, der Reichsstatthalter seit der Gleichschaltung im März 1933, das neu errichtete Reichskirchenministerium die kirchenpolitischen Abschnitte seit August 1935 und die Gestapoleitstelle in München seit Januar 1938. Diese Berichte stützen sich ihrerseits auf entsprechende Monats- und Sonderberichte der Landratsämter und der kreisfreien Städte, die wiederum ihre Informationen aus Berichten aus den Gemeinden und Gendarmeriestationen bezogen; die Polizei erhielt ihre Meldungen von örtlichen NSDAP-Funktionären und von Spitzeln.

Die Verfasser der Regierungspräsidentenberichte waren aber nicht die Präsidenten selbst, sondern die Stellvertreter der Regierungs- bzw. Oberregierungspräsidenten. Obwohl die Personalien und der berufliche Werdegang einiger Referenten bekannt ist, kann heute nicht mehr festgestellt werden, inwieweit sich die Einstellung der Verfasser zum Nationalsozialismus auf die Formulierung der Berichte auswirkte. Der Wert dieser Monatsberichte liegt aber auch weniger auf den Urteilen der Referenten als auf der lückenlosen Aneinanderreihung konkreter Fakten. Die große Zahl von Einzelnachweisen belegt “die fortlaufende Existenz einer religiös fundierten Volksopposition” (Helmut Witetschek). Ferner liegt mit diesen Berichten eine Quelle über eine Gesellschaftsschicht – Pfarrer und Kirchenvolk, Ortsgruppenleiter und kleine Parteifunktionäre – vor, über die ansonsten kaum berichtet wird.

Eine zweite Quelle zum Kampf um das Schulkreuz stellen die Akten des Kardinals der Erzdiözese München und Freising Michael von Faulhaber (1917-1952) dar. Aus ihnen lassen sich die Maßnahmen des bayerischen Episkopats gegen die Entfernung des Schulkreuzes rekonstruieren. Unter diesen Akten befinden sich insgesamt 18 Schriftstücke, die sich mit der Schulkreuzproblematik befassen; si e wurden zwischen dem 9. Mai und dem 21. November 1941 verfaßt. 14 dieser 18 Dokumente sind Briefe, von denen acht aus der Feder Faulhabers stammen und sechs an den Erzbischof gerichtet sind. Die Empfänger dieser Schreiben sind je einmal die Bischöfe Michael Buchberger (1928-1961) und Michael Rackl (1935-1948), der Diözesanklerus und Adolf Wagner in seiner Eigenschaft als bayerischer Kultusminister. Vier Briefe waren an den bayerischen Episkopat adressiert. Die Briefe, die Faulhaber erhielt stammen von den Bischöfen Landersdorfer, Rackl, Hauck und Buchberger, wobei der Regensburger Bischof zwei Schreiben verfaßte, und vom Passauer Generalvikar Riemer. Die restlichen vier Dokumente bestehen aus einem Entwurf Faulhabers für ein Hirtenwort des bayerischen Episkopats, das Hirtenwort, das am 17. August 1941 verlesen wurde, ein Lagebericht des Ausschusses für Ordensangelegenheiten und ein Entwurf Faulhabers für ein gemeinsames Hirtenwort der katholischen Bischöfe Deutschlands.

Der erste bekannte Fall einer Schulkreuzentfernung im Deutschen Reich ereignete sich bereits im Jahre 1936 im Bistum Regensburg, und zwar in Konnersreuth. Dorthin wurde im Sommer 1936 ein Lehrer versetzt, der bald nach seinem Amtsantritt das Schulkreuz hinter die Tafel stellte, von wo aus es die Putzfrau an seinen ursprünglichen Ort wieder zurückbrachte. Im Oktober entfernte der Lehrer der Lehrer das Kreuz abermals, nahm es mit nach Hause und ersetzte es durch ein kleineres. Dies geschah ohne jegliches Vorbild und ohne irgendeine Weisung einer Behörde oder der Partei. Als Tun für sein Tun gab der  Lehrer an, daß ihn das Kreuz bei der Arbeit störe, genauso wie das Feldkreuz in der Nähe seiner Wohnung. Offensichtlich war dieser Lehrer so sehr von der NS-Ideologie durchdrungen, daß er glaubteeinen Satz von G. Sebecker in die Tat umsetzen zu müssen: ” Wem das Hakenkreuz ins Herz gebrannt, der haßt all’ anderen Kreuze.” Als auch der Bürgermeister nichts unternahm, griffen die Konnersreuther am 28. Februar 1937 zur Selbsthilfe, indem sich ca. 70 Personen vor der Wohnung des Lehrers versammelten und die Herausgabe des Kreuzes verlangten, um es in einer Prozession in die Schule zurückzubringen. Ob und inwieweit das unerschrockene Verhalten der Bevölkerung des Landes Oldenburg beim dortigen Schulkreuzstreit die Konnersreuther Bürger zu diesem Schritt veranlaßt hat, bleibt dahingestellt; jedenfalls löste diese Auseinandersetzung auch in Bayern lebhafte Unruhe aus. Erst als das Bezirksamt Gendarmerieverstärkung zusammenzog, zerstreuten sich die Leute wieder. Das Kreuz wurde dann auf Anordnung von Holzschuher unauffällig zurückgebracht.

Der Nationalsozialismus war keine in sich geschlossene Weltanschauung, sondern ein Konglomerat verschiedener Ideologie wie übersteigerter Nationalismus, Rassismus, Sozialdarwinismus und das “Führerprinzip”. Sie machten den Nationalsozialismus zu einer totalitären Weltanschauung, die   An- spruch auf die völlige Verfügbarkeit aller Menschen erhob. Um diesen Totalitarismus zu verwirklichen, schaltete Hitler nach und nach den Reichstag, die Lämder, die innerpartliche Opposition, die Parteien und die Gewerkschaften aus. Aus diesem Totalitätsanspruch heraus ist es logisch, daß er auch die Kirchen und ihre Institutionen nicht dulden würde, zumal die katholische Kirche vor der “Machtübernahme” dem Nationalsozialismus eine klare Absage erteilt hatte. Trotzdem versuchte Hitler nicht sofort, die Kirchen und ihre Institutionen zu vernichten, sondern sie als ein Instrument des Totalitarismus in den NS-Staat einzubauen, da er die beiden Kirchen völlig falsch einschätzte: “so wie sie [die Kirchen] Häckel und Darwin, Goethe und Stefan George zu Propheten ihres Christentums gemacht haben, so werden sie das Kreuz durch unser Hakenkreuz ersetzen”. So erklärte Hitler in seiner Reichstagsrede vom 23. März 1933: “Die nationale Regierung sieht in den beiden christlichen Konfessionen wichtigste Faktoren der Erhaltung unseres Volkstums. Sie wird die zwischen Ihnen und den Ländern abgeschlossenen Verträge respektieren: ihre Rechte sollen nicht angetastet werden.” Am 20. Juli 1933 kam es sogar zum Abschluß eines Reichskonkordats mit dem Hl. Stuhl. Trotzdem ließ sich die katholische Kirche nicht gleichschalten, was zum offenen Kirchenkampf führte. Es gelang der NSDAP jedoch nicht, die Kirche zu brechen. Da die antiklerikalen Methoden von Männern wie z. B. Julius Streicher (1885-1946) das Verhältnis zwischen Kirchenvolk und Klerus eher festigte, kamen andere NS-Größen zu der Überzeugung, daß man den Einfluß der Kirche dadurch zurückdrängen könne, indem man durch lokale administrative Maßnahmen Staat und Kirche trennt. Infolgedessen ordenete Martin Bormann (1900-1945) am 7. Januar 1936 alle Parteidienststellen an, von religiösen bzw. kirchlichen Fragen unbedingt Abstand zu nehmen. Auf dieser Grundlage kam es am 4. November 1936 im Land Oldenburg erstmals zur Entfernung der Schulkreuze infolge einer ministeriellen Verordnung.

Kaum war der Präzedenzfall geschaffen, fand die Aktion in weiten Teilen Bayerns Nachahmung. So meldet der Regierungspräsident Oberbayerns in seinem Monatsbericht vom 7. Februar 1937, daß sich auch hier ähnliche Fälle ereignet haben. In Niederbayern und in der Oberpfalz zogen sich die kirchenfeindlichen Maßnahmen bis 1939 hin. Zu einer besonders harten Auseinandersetzung kam es in der Pfalz. Dort hatte der Speyerer Bischof Ludwig Sebastian (1917-1943) am 26. Dezember 1936 ein Hirtenwort verlesen lassen, das sich mit den Vorgängen in Oldenburg befaßte. Am 25. Januar 1937 wurden schließlich auf Anordnung des Schullleiters in der Ortschaft Frankenholz das Bild des Führers anstatt des Kreuzes ins Blickfeld der Kinder gehängt. Die Kruzifixe wurden über der Eingangstür angebracht. Nachdem die Proteste der Eltern nichts gefruchtet hatten, entschlossen sie sich zu einem Schulstreik und man entsandte eine Delegation zur Schulabteilung des Reichskommissariats nach Saarbrücken. Jedoch gingen Partei und Gestapo gegen die am Streik Beteiligten vor, indem einige Personen in Schutzhaft genommen wurden und 14 Familienväter ihre Arbeit verloren. Dies geschah, obwohl die Behörden eine gütliche Regelung der Angelegenheit zugesagt hatten. Darauf ließ Sebastian am 14. und am 21. Februar zwei weitere Hirtenbriefe folgen, von denen letzterer die Anordnung eines Sühnegottesdienstes für die entlassenen Arbeiter beinhaltet hat.  Gauleiter Josef Bürckel (1895-1944) reagierte mit der Einführung der Gemeinschaftsschule und mit einer Diffamierungskampagne gegen Sebastian. Obwohl das Frankenholzer Schulkreuz nicht zurückgebracht wurde, ließ Bürckel keine weiteren Entfernungen mehr zu. Neben Sebastian brachte von den bayerischen Oberhirten nur noch der Bamberger Erzbischof Johann Jakob von Hauck (1861-1943) in seiner Silvesterpredigt die Oldenburger Vorgänge in die Öffentlichkeit.

Zum eigentlichen Kampf um das Schulkreuz kam es in Bayern erst 1941. Am 23. April erließ Kultusminister Wagner einen Erlaß; darin hieß es unter anderem: “Gleichzeitig weise ich darauf hin, daß kirchlicher Bilderschmuck, auch wenn er künstlerischen Wert besitzen sollte, sowie Kruzifixe in der Schule am falschen Platze sind; ich ersuche daher, Sorge dafür zu tragen, daß solcher Wandschmuck allmählich entfernt oder durch zeitgemäße Bilder ersetzt wird. Eine geeignete Gelegenheit hierzu ergibt sich beispielsweise bei Erneuerungsarbeiten in den Klaßzimmern und Anstaltsgebäuden oder im Zuge räumlicher Änderungen. Ich ersuche entsprechend zu verfahren.” Ab Juni 1941 beinhalten alle Monatsberichte der einzelnen Bezirksregierungen Berichte über die Reaktionen der bayerischen Bevölkerung, die überall ablehnend war. Obwohl Wagner ausdrücklich angeordent hatte, die Kreuze bei “geeigneter Gelegenheit” zu entfernen, gingen übereifrige Vollzugsbeamte mancherorts unmittelbar nach dem Erlaß daran, die Anweisung zu vollstrecken. Die Reaktionen der Bevölkerung waren dementsprechend. Die aufgebrachten Eltern beschwerten sich, wobei sie sich oftmals auf die Zusicherung anläßlich der Einführung der Gemeinschaftsschule im Jahre 1937  stützten, nämlich, daß die Kruzifixe nicht entfernt werden. In einigen Fällen hatten sie sogar Erfolg, und das Kreuz wurde zurückgebracht. Wenn Wagner erwartet hatte, daß die Reaktionen der Bevölkerung, die antiklerikale Maßnahmen mit sich brachten, auch in diesem Fall nachlassen würden, so hatte er sich geirrt: “Die Anordnung über die Abschaffung des Schulgebets und die Entfernung der Kruzifixe aus den Schulen beunruhigte die Bevölkerung auch weiterhin sehr stark und belastete die allgemeine Stimmung erheblich. In verschiedenen Fällen kam es zu Schulstreiks oder Drohungen mit solchen, wobei auch Ortsgruppenleiter und Ortsbauernführer ihren Unwillen über diese Maßnahme zum Ausdruck brachten. Man erinnerte an die während des Kampfes um die Gemeinschaftsschule gegebenen Versprechungen, daß die Kruzifixe in den Schulen bleiben würden, und hält die Maßnahme für eine Vorläuferin weiterer Anordnungen, namentlich der völligen Aufhebung  des Religionsunterrichts. Ein Landrat weist darauf hin, daß der Vollzug sich wohl wesentlich reibungsloser gestaltet hätte, wenn die Bevölkerung durch die Partei für diese Aktion vorbereitet worden wäre. Vielfach wird betont, daß diese Anordnungen die Bevölkerung in eine mißtrauische Einstellung zu Partei und Staat brächten und auch in einem Rückgang der Opferwilligkeit ihren Niederschlag fänden.”
Dem bayerischen Episkopat wurde der Erlaß nicht mitgeteilt. So wußten die Oberhirten anfangs Mai immer noch nicht, ob er nur für höhere Schulen oder für alle Schultypen Geltung haben sollte. In der Öffentlichkeit nahm der Bamberger Bischof Johann Jakob von Hauck (1912-1943) als erster Stellung. Am 8. Juni ließ er in einer Kanzelankündigung auf den Erlaß hinweisen und in allen Kirchen Bambergs Sühne-Andachten abhalten, die gut besucht waren. Am 26. Juli 1941 – ein Vierteljahr nach dem “Krizifixerlaß” – richtete schließlich Faulhaber im Namen der bayerischen Bischöfe ein Schreiben an Kultusminister Wagner. Der Münchener Erzbischof wies die regionale Nazi-Größe darauf hin, daß es das Volk erwarte, daß die Oberhirten zu den fraglichen Vorgängen Stellung nehmen, daß es aber auch deren Gewissenspflicht sei, angesichts eines solchen Vorfalls bei den höchsten Schulbehörden vorstellig zu werden. Ferner sah Faulhaber einen Widerspruch darin, daß ein Staat, dessen Soldaten den “Feind des Kreuzes”, den Bolschewismus niederwerfen wollen, selbst die Kruzifixe entfernen läßt. Schließlich erinnerte er den Kultusminister daran, daß anläßlich der Einführung der Gemeinschaftsschule der Verbleib der Kreuze in den Schulen zugesichert wurde. Wagner selbst äußerte, daß jeder, der das Gegenteil behaupte, sich schwer gegen Gott und den Menschen versündige. Schließlich dachte Faulhaber daran, am Tag des hl. Laurentius (10. August) herauszugeben, da er befürchtete, daß der Kruzifixerlaß während der Schulferien durchgeführt werden soll. Er verschob den Termin aber wieder, da ihm der Kultusminister am 1. August mündlich ein bald zu erwartendes Antwortschreiben ankündigen ließ.

(Fortsetzung folgt!)

Karl Geisenfelder

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