100 Jahre Marktkrankenhaus Rohr i. NB

Die institutionell organsierte Krankenpflege ist in Rohr i. NB fast so alt wie die historische Überlieferung. Bereits im fünften Jahr nach der Gründung des Augustiner-Chorherrenstifts im Jahre 1133 stiftete der Regensburger Domherr Heinrich, ein Bruder des Klostergründers Adalbert, eine Infarmie, d. h. eine Krankenstation. Sie bestand mindestens bis 1280, als Bischof Heinrich II. (1277-1296) Besitz in Sittelsdorf an sie übertragen hat. Bald danach scheint sie untergegangen zu sein, denn am 25. März 1354 stiften Ulrich III. von Abensberg und seine Gemahlin Gertrud in Rohr ein Siechhaus (= Siechkobel). 1803, im Jahr der Säkularisation, ist für den sozialen Bereich nurmehr der Unterhalt eines kleinen Armenhauses nachweisbar. Bis zum Bau des Marktkrankenhauses bestand ein “Lokalkrankenhaus”, das auf Dauer aus gesetzlichen und vor allem hygienischen Gründen nicht mehr zu halten war. Ein Krankenhaus kann nicht zugleich Armenhaus sein. Deshalb drängte auch das Bezirksamt Kelheim auf die Errichtung eines neuen Krankenhauses. Schließlich wurden von den verantwortlichen Gremien folgende Beschlüsse gefasst:

Sitzungsprotokoll des Magistrats Rohr vom 30. Juli 1910

“Gemäß Verfügung des Kgl. Bezirksamtes sollen das Armen- und Krankenhaus in Rohr getrennt und demnach ein neues Krankenhaus nach einer Planskizze des Bezirksbautechnikers erbaut werden. Der Magistrat beschließt mit Vorbehalt der Zustimmung der Gemeindebevollmächtigten den Neubau eines Krankenhauses.

Beck, Geberl, Stöckl, Winhard, Brand, Geisenfelder, Westermeier”

Sitzungsprotokoll der Gemeindebevollmächtigten vom 31. Juli 1910

“Bezüglich Neubau eines Krankenhauses nach dem Entwurfe und der Planskizze des Bezirksbautechnikers wird beschlossen, es sei das bezeichnete Bauprojekt genehmigt und wird dem Magistratsbeschluß vom 30. d. M. zugestimmt.

Die Gemeindebevollmächtigten: Ferg, Weichenrieder, Hafenbrädl, Obermeier, Trattner, Zieglmeier, Neumayer, Knitl, Röll, Ostermayer, Brand, Meier, Danner, Zeitler, Joh. Brand, Jos. Jackermeier, Vögel, Hart.”

 

Dieses Protokoll war gleichsam die “Geburtsurkunde” (P. Romuald Schweidler OSB) des Rohrer Krankenhauses. Aber bis zur Verwirklichung war noch ein weiter Weg. Den Aufzeichnungen in den Protokollbüchern des Magistrats zufolge antworten unterm 29. Dezember 1910 die Räte auf eine Zuschrift des Bezirksamtes Kelheim mit der “Bitte um Stundung und gütige Nachsicht, da die Gemeinde mit ihren kaum 1200 Seelen ohnehin eine vorhandene Schuldenlast zu verzinsen hat und nicht neue Schuldenlast auf sich nehmen kann”.

An dieser Stelle sei es gestattet, einen kleinen allgemeinen kommunalpolitischen Exkurs einzufügen: In der fraglichen Zeit ist zwischen dem Markt Rohr und der Gemeinde Kloster-Rohr zu unterscheiden. Der Markt hatte eine so genannte städtische Verfassung, d. h., neben dem “Magistrat – bestehend aus dem Bürgermeister und sechs Räten -, nahmen an der Leitung der Gemeinde die Bevollmächtigten des Gemeindekollegiums teil, die aus ihrer Mitte einen Vorsitzenden wählten. Kloster-Rohr hingegen hatte eine Dorfverfassung, d. h. nur ein Kollegium.

Zu Beginn des Jahres 1911 drängte das Landratsamt neuerdings den Bau, ja “der verstärkte Distriktsauschuß Abensberg hat am 6. März 1911 beschlossen, der Magistrat Rohr sei aufzufordern, noch im heurigen Jahre mit dem Neubau eines Krankenhauses zu beginnen, widrigenfalls der Krankenhausbezirk Rohr vom 1. Januar 1912 an aufgeteilt und dieser Zustand solange aufrechterhalten wird, bis ein neues Krankenhaus gebaut ist”.
Infolge dieser unmissverständlichen Forderung der vorgesetzten Behörde wird in den Sitzungen der beiden Gemeindekollegien der Baugrund “südlich vom Markte als geeignet und vom hygenischen Standpunkte empfehlenswert in Vorschlag gebracht, und soweit erforderlich und ausreichend, von den Besitzern Anton Aenderl und Anton Kammermeier um den geforderten Preis von 15 M pro Dezimal für die Gemeinde übernommen”. Am 20. Mai 1911 forderte das Königliche Bezirkamt Kelheim abermals den Bau mit letzter Fristangabe, nämlich den 1. Juni 1911.

Bereits im Mai 1911 hatte sich die Gemeinde an das Mutterhaus der Armen Franziskanerinnen in Mallersdorf gewandt, um zwei Schwestern für Rohr zu erbitten. Schwester M. Cyrilla Mitterhuber schrieb indes an den Bürgermeister, dass man das Krankenhaus leider nicht übernehmen könne, da den Statuten zufolge für Filialen mindestens drei Nonnen gefordert werden. Diesem Wunschen stimmte die Marktgemeinde in einem Vertrag mit dem Mutterhaus am 4. Dezember 1912 zu, sodass im folgenden Jahr M. Viventia Resch, M. Goar Spratter und M. Almeida Wein die Krankenpflege übernehmen konnten.

Die diversen Bauarbeiten wurden dann im Herbst 1912 vergeben. Der Magistrat genehmigte am 5. Oktober die vorher durchgeführte Vermessung und Abmarkung der Platznummern 2381½ und 239½ in der Steuergemeinde Kloster-Rohr als Krankenhausplatz.

Rohr Krankenhaus

Bezirksbaumeister Nell in Kelheim hatte den Bauplan entworfen und war auch der Bauleiter. Die Darlehnskasse Rohr finanzierte den Bau und Tierarzt Josef Plötz (1860-1926) leitete als Rechner der Darlehnskasse die Geldvorschüsse an die Baukasse. Die Baufirma Nock aus Schierling führte den Bau aus. Die Warmwasserheizungs-, Lüftungs- und Warmwasserbereitungsanlage wurden an die Firma Emhardt und Auer in Regensburg übertragen. Den Wasserleitungsbau und die Entwässerung besorgte die Firma Ludwig Froschhammer ebenfalls aus Regensburg. Die elekrtrische Klingelanlage war an Schlossermeister Friedrich Seitz aus Rottenburg übertragen worden. Und schließlich legte der Bezirksbaumwart den Garten an.
Der Bauausschuss, dem Bürgermeister Friedrich Beck und die Magistratsräte Brand, Geberl und Huber sowie die Gemeindebevollmächtigten Jackermeier, Scheumpflug und Zeitler angehörten, überwachte und kontrollierte die Arbeiten. Wenngleich im Jahre 1913 der Bau des neuen Krankenhauses der Vollendung entgegenging, fehlte es noch lange an medizinischem Gerät, was zu einem richtigen Krankenhausbetrieb notwendig ist. Trotzdem weihte der Rohrer Pfarrer Alois Heilingbrunner das neue Gebäude ein. Das einstige Lokalkrankenhaus wurde zum Armenhaus.
Infolge des Ersten Weltkriegs konnte das Krankenhaus immer weniger seiner urspünglichen Zweckbestimmung nachkommen. Es war noch schwach besetzt, sodass mangels Einnahmen die Gemeinde einen Kredit von 4000 RM aufnehmen musste. Eine, wenn auch bescheidene Einnahmequelle ergab sich, indem man im Krankenhaus ein “Volksbad” eröffnete. Privatpersonen konnten am Freitag und am Samstag dieses Bad gegen eine Gebühr von 30 Pfennig, später einer Reichsmark benützen. Die Badedauer betrug eine Viertel, später eine halbe Stunde. Im März 1919 musste wegen Kohlenmangels das Samstagsbad aufgelassen werden, konnte aber wegen, nachdem sich die Verhältnisse gebessert hatten, im Dezember desselben Jahres wieder eröffnet werden. Eine andere Einnahmequelle ergab sich aus dem Mietzins eines Zimmers, in dem ein Zahnarzt zweimal wöchentlich seine Sprechstunde abhielt.
Als die Belegung des Krankenhauses wieder stieg und alle Räume benötigt wurden, war auch für die Gemeinde der Verzicht auf diese Einnahmen gegeben. Während des Ersten Weltkriegs stand das Krankenhaus ohne Arzt da. Unter diesen Umständen war auch die Abberufung der Schwestern in das Mutterhaus in Mallersdorf zu befürchten. Die Rohrer mussten medizinische Hilfe zeitweise auswärts in Anspruch nehmen. Der finanzielle Ausfall war für die Gemeinde verhängnisvoll, denn es gab keine Einnahmen mehr. Schließlich fuhren die Verantwortlichen nach Nürnberg, um beim Generalkommando des IV. Armeekorps den unhaltbaren Zustand zu schildern. Nach hartem Ringen gelang es, einen Militärarzt für das Marktkrankenhaus freizustellen. Wenige Wochen später traf Dr. Haitzer in Rohr ein. So kam der Betrieb im Krankenhaus wieder in Gang. An dessen inneren Ausbau war aber immer noch nicht zu denken. Es nimmt also nicht wunder, dass der Arzt im Jahre 1919 Rohr wieder verließ. Sein Nachfolger war Dr. Hämmerle. Der wurde 1925 von Dr. Hans Frey vertreten. Ein Jahr später blieb er endgültig in Rohr. Frey war es dann, der 13 Jahre nach der Errichtung des Gebäudes für das notwendige Inventar sorgte.

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