Eltern haben keine Ferien – Schüler schon

„Endlich Ferien!“ – die wohl beliebteste Floskel eines jeden Schülers. Gar nicht selten hört man aber mitten im Schuljahr auch den Satz „Jetzt wären Ferien recht.“ Mit anderen Worten: Die Schulzeit, die jedes Kind bzw. jeder Jugendliche durchläuft, ist ein Wechsel von Unterricht und Ferien. Die Abfolge von Schule und Freizeit ist nicht naturgegeben, sondern die Folge der Schulpflicht. Durch Verordnung vom 23. Dezember 1802 wurde in Bayern der allgemeine Schulzwang eingeführt. Es wäre aber völlig falsch zu glauben, daß dadurch den Kindern die Freiheit genommen wurde, denn sie waren billige Arbeitskräfte in der Landwirtschaft. Die Eltern hatten also gar kein Interesse, den Nachwuchs in die Schule zu schicken. So gesehen war der Unterricht gleichsam ein Schutz vor harter körperlicher Arbeit. Die flächendeckende Durchsetzung der Schulpflicht erfolgte erst in der zweiten Jahrhunderthälfte, zumal in weiten Kreisen der landwirtschaftlich geprägten Bevölkerung das Interesse an einer schulischen Ausbildung anhaltend gering blieb.

Das bäuerliche Leben folgte zunächst dem Rhythmus der Jahreszeiten. Deren Wenden wiederum waren nicht selten durch kirchliche Feste markiert. Hier ist nicht nur an Weihnachten, Ostern und Pfingsten zu denken.

Dorfschule im 19. Jahrhundert

Dorfschule im 19. Jahrhundert

Zahlreiche Feiertage gliederten den Jahresrhythmus: Mariä Lichtmeß, der Josephitag, Mariä Verkündigung, Fronleichnam, der Johannitag, Mariä Geburt, Kathrein usw. Mit anderen Worten: Der Wechsel zwischen Arbeit und Feiern war vom kirchlichen Kalender abhängig. So nimmt es nicht wunder, daß sich die Ferien als Folge der Schulpflicht an die althergebrachten Rhythmen anlehnten. Die Säkularisation hatte zwar die weltliche und wirtschaftliche Macht der Kirche gebrochen, zu Verirrungen wie dem französischen Revolutionskalender, der dem Dezimalsystem huldigend die siebentägige Woche durch eine zehntägige Dekade ersetzte, ist es in Bayern nie gekommen. Auf die Säkularisation folgte keine Säkularisierung. So hieß es in Bayern bis ins 20. Jahrhundert hin nicht der “20. Januar” oder gar der 20. 1.”, sondern “an Sebasti”. Als Bauernregel ist der 24. Februar bis heute geläufig: “Mattheis bricht’s Eis, hat er koans, macht er oans.” Und an den 25. Juni erinnern bis heute die frühen “Jacobi-Äpfel”. Und wer geht nicht gern am 24. August in die “Barthlmä-Dult.” Und am 25. November stellt “Kathrein den Tanz ein.” Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Sie beweist, daß die kirchlich ausgerichtete Jahresgliederung zumindest in Rudimente bis in die Gegenwart fortexistiert. Fragt man aber einen Dult- oder Galli-Markt-Besucher nach dem Anlass des Festes ist kaum mehr jemand dazu in der Lage, diese Jahrmärkte mit dem Apostel Bartholomäus oder mit dem irischen Wandermönch und Missionar Gallus in Verbindung zu bringen. Diese Feste haben also ihren sakralen Überbau verloren und sind ins ausschließlich Profane abgeglitten. Dabei darf aber nicht übersehen werden, daß jedes weltlich motivierte Fest, z. B. ein Vereinsjubiläum,  einen konkreten Anlass hat, der für jeden Besucher erkennbar ist.

In den Klosterschulen, die der Säkularisation wie ihre Träger zum Opfer fielen, kannten keine Ferien im eigentlichen Sinn, aber häufige Unterbrechungen des Unterrichtsbetriebs durch Schulfeste, z. B. Nikolaus, der Tag der unschuldigen Kinder oder Fasching. Auch vor und nach hohen kirchlichen Feiertagen waren in der Regel wenige Tage unterrichtsfrei. Auf den Landschulen wurden von Allerheiligen bis Ostern oder von Martini (11. November) bis Georgi (23. April) unterrichtet.
(Fortsetzung folgt!)


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