Herzog Stephan III. der Kneißel, Italien und das Angelusläuten.

Kirchliche Bräuche werden oft als uralt angesehen. Man glaubt, sie bis in die Zeit der Apostel zurückführen zu können, und sah bis zur Säkularisierung der Gesellschaft in ihnen gleichsam Gebote, die wie Gesetze befolgt werden müssen. Noch zwischen den beiden Weltkriegen gingen ganze Familien beim Angelusläuten auf die Knie und beteten vor dem Herrgottswinkel gemeinsam den “Engel des Herrn”.

Jean François Millet: Angelus

Jean François Millet: Angelus

Und doch handelt es sich hier nicht um die Beachtung eines kirchlichen Gebots, sondern um die Reaktion auf ein Privileg, das Papst Bonifaz IX. (1389-1404) im Jahre 1391 Stephan III. dem Kneissel, dem Herzog von Bayern-Ingolstadt, verliehen hatte. Es geht also nicht um das Beten müssen, sondern um das Beten dürfen.

Der “Engel des Herrn” geht auf Franz von Assisi (1181/82-1226) zurück. Der Ordensgründer, der im Jahre 1219 eine Missionsreise nach Palästina unternommen hatte, war vom Gebetsruf des Muezzin so sehr beeindruckt, daß er nach seiner Rückkehr diesen Brauch, wenn auch in abgewandelter Form, auch in Italien eingeführt wissen wollte. So schrieb er an die Kustoden seines Ordens: “Und sein Lob sollt ihr allen Leuten so künden und predigen, daß zu jeder Stunde und wenn die Glocken läuten, dem allmächtigen Gott vom gesamten Volk auf der ganzen Erde immer Lobpreis und Dank dargebracht werde.”

Der eigentliche Initiator des “Angelus” war Bruder Benedikt Sinigardi aus Arezzo, der sich im Jahre 1211 den Franziskanern angeschlossen hatte. Als er 1241 in seine Vaterstadt zurückkehrte, führte er bei seinen Mitbrüdern folgende Marienantiphon ein: “Angelus Domini locutus est Mariae.” Dabei ordnete er an, dies am Abend zu beten und mit der Klosterglocke gleichsam ein Zeichen zu geben. Das Beispiel von Arezzo machte Schule; Der hl. Bonaventura, der 8. Generalminister der Franziskaner riet nämlich auf dem Generalkapitel zu Pisa im Jahre 1263 seinen Mitbrüdern: ” Die Brüder sollen die Gläubigen anleiten, am Abend, wenn es in den Klöstern zur Komplet läutet, Maria dreimal zu grüßen. Sie sollen es mit den gleichen Worten tun, mit denen der Engel Gabriel Maria gegrüßt hatte, also mit dem Ave Maria.” Hinter dieser frommen Gebetsempfehlung stand im Mittelalter die Vorstellung, daß es Abend gewesen sei, als der Erzengel Maria die Botschaft brachte. In Rom wird das Gebet erstmals 1327 bezeugt, zu einer Zeit als der Papst nicht am Tiber, sondern in Avignon residierte.

Daß ausgerechnet Stephan III. der Kneissel, was so viel wie der “Prächtige” heißt, das Privileg des Angelus-Läuten erwirkte, ist sicher kein Zufall. Der Ingolstädter Herzog war Halbitaliener. Seine Mutter Elisabeth (1309[?]-1349) war die Tochter des Königs Friedrich III. (1296-1337) von Sizilien aus dem Hause Aragón. Es darf also angenommen werden, daß  Stephan der italienischen Sprache mächtig war. 1364 heiratete er Thaddäa, die Tochter des Mailänder Signore Bernabò Visconti (1354-1385). Dies war eine von vier Ehen zwischen den Wittelsbachern und den Visconti.

Stephan III. (1375-1413)

Stephan III. (1375-1413)

Poltisch motivierte Bündnisse mit dem Mailänder Adelsgeschlecht waren für die bayerischen Herzöge nichts Neues. Die Visconti waren das ganze 14. Jahrhundert hindurch an deutschen Verbündten interessiert, um ihre expansive Politik in Italien abzusichern. Südliches Ziel dieses Strebens war zunächst Bologna, aber auch Mittelitalien. Damit war der Machtbereich des Papstes tangiert; der residierte aber seit 1309 in Avignon. Wie gefährlich Papst Johannes XXII. (1316-1334) die Visconti einschätzte, zeigt sein Kampf gegen Kaiser Ludwig den Bayern (1314-1347), den er 1323 vor ein päpstliches Gericht laden wollte. In der Zitation beschuldigte er ihn unter anderem, mit Galeazzo Visconti (1322-1328) und seinen Brüder Feinde der Kirche unterstützt zu haben. Der hatte nämlich 1324 mit Unterstützung des Kaisers in Vaprio an der Adda der päpstlichen Armee eine vernichtende Niederlage beigebracht. Als 1342 Herzog Ludwig V. (1347-1361) Margarete Maultasch, die Erbin Tirols, heiratete, entstand zwischen Bayern und Mailand eine gemeinsame Grenze. Nach dem Tod des Wittelsbachers im Jahre 1361 erbte sein Sohn Meinhard Oberbayern und Tirol, doch der starb schon zwei Jahre später. Nach den Teilungsverträgen wären alle anderen bayerischen Teilherzöge erbberechtigt gewesen. Trotzdem übergab Margarete, die Witwe Ludwigs, die Grafschaft Tirol ihrem habsburgischen Vetter Herzog Rudolf IV. von Österreich (1358-1365). Da Kaiser Karl IV. (1347-1378) zustimmte, wurde der Übergang Tirols an Habsburg im Vertrag von Schärding am 29. September 1369 besiegelt und war damit endgültig.

Der Verlust der Grafschaft wurde allerdings nicht so leicht weggesteckt, und so wurde die Bündnispolitik der folgenden Jahre stets auf die Rückgewinnung Tirols ausgerichtet. In diesem Sinne verlobte Herzog Stephan II. (1347-1375) seinen Sohn Johann mit Katharina, der jüngsten Tochter des Grafen Meinhard VII. von Görz (1338-1385), der ebenfalls Ansprüche auf Tirol erhob. Wichtiger für den Fortgang der geschichte ist aber seine Entzweiung mit Kaiser Karl IV., an dessen Italienzug im Jahre 1354 er noch teilgenommen hatte, sich aber dann mit ihm zerstritt, als zwei Jahre später mit der Goldenen Bulle Bayerns Rechte auf eine Kurstimme übergangen wurden.

Und auch die Visconti sollten sich alsbald mit dem Kaiser überwerfen. Bereits Innozenz VI. (1352-1362) begann die Rückkehr der Päpste von Avignon nach Rom vorzubereiten. Unter dem Kardinallegaten Gil Álvarez Carillo de Albornoz (um 1310-1367) wurde der Kirchenstaat unter Einsatz erheblicher finanzieller Mittel weitgehend befriedigt; Bologna kehrte 1360 in den Machtbereich des Papstes zurück. Innozenz’ Nachfolger Urban V. (1362-1370) sah die Visconti als seinen Hauptfeind in Italien, exkommunizierte 1363 Bernabò und rief gegen ihn und seine Verwandten, “den Räubern kirchlichen Besitzes”, sogar zum Kreuzzug auf. Im folgenden Jahr hob er den Bann jedoch wieder auf, das besetzte Land ging zurück in den Besitz des Papstes, wofür er allerdings 500000 Florin bezahlen mußte.

1364 erschienen jedoch Kaiser Karl IV., die Dichter Giovanni Boccaccio und Petrarca und die hl. Birgitta von Schweden in Avignon, und bedrängten Urban V. nach Rom zurückzukehren. Dies war die Stunde Herzog Stephans II. Nachdem der Kaiser die Visconti nämlich ihrer Lehen verlustig erklärt hatte, kam es zu einem poitischen Richtungswechsel Mailands: Äußeres Zeichen war die Verlobung zwischen Stephan dem Kneissel und Bernabòs Tochter Thaddäa sowie zwischen dessen Sohn Marco und Herzog Friedrichs Tochter Elisabeth. Tatsächlich traten Kaiser Karl, als er 1368 zu seinem Romzug aufbrach, in Norditalien an der Seite der Visconti und der Scaliger auch die bayerischen Herzöhe entgegen. Da das Richsoberhaupt gegen diesen Bund wenig ausrichten konnte, willigte er in einen Frieden, in dem er sich von seinen papsttreuen Bundesgenossen, den Herren von Padua, Ferrara und Mantua, löste. Während Karl mit kleinem Heer nach Rom weiterzog, fielen die Bayern noch einmal mit aller Gewalt ins Inntal ein und rückten über den Brenner bis zur Eisackenge vor Brixen, bis sie schließlich das Herannahen eines habsburgischen Entsatzheeres zur Umkehr bewegte.

Papst Urban V., der 1367 vorübergehend nach Rom zurückgekehrt war, hatte von dort aus erneut ein Bündnis gegen Mailand vorbereitet. Aber nicht nur die Visconti, auch andere italienische Staaten befürchteten eine Ausdehnung des Kirchenstaates. Als die militärischen Erfolge ausblieben, schloß Urban V. einen enttäuschenden Frieden und er residierte  ab  1370 wieder in Avignon. Im Januar 1377 kehrte Papst Gregor XI.  (1370-1377) nach Rom zurück. Sein Nachfolger, Urban VI. (1378 – 1389) begann verstärkt italienische Prälaten zu Kardinälen zu ernennen. Hierdurch sollte der übermächtige Einfluss Frankreichs auf die Kurie zurückgedrängt werden. Im Herbst 1378 wählte aber eine Gruppe unzufriedener französischer Kardinäle einen neuen Papst, welcher sich Clemens VII. (1378 – 1394) nannte. Die erste entscheidende Maßnahme dieses Gegenpapstes bestand darin, seine Residenz nach Avignon zurückzuverlegen. Kaiser Karl IV. stellte sich ohne Zögern auf die Seite Urbans VI. Die Konsequenzen dieser Entscheidung musste dann allerdings erst sein Nachfolger, König Wenzel (1378-1400), tragen.

Die Wittelsbacher hatten sich bereits 1374 mit dem Luxemburger Kaiser ausgesöhnt. Im Auftrag König Wenzels ging Herzog Stephan dann 1380 nach Oberitalien und Rom um mit Urban VI. über die Kaiserkrönung zu verhandeln.

(Fortsetzung folgt!)

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