Carl Gandorfer – der Wegbereiter des bayerischen Landwirtschaftsministeriums

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Es klingt schier unglaublich – der Agrarstaat Bayern hat erst im Jahre 1919 ein Landwirtschaftsministerium erhalten. Die Landwirtschaft stellte nämlich bis weit ins 19. Jahrhundert den wichtigsten Wirtschaftsfaktor dar, in dem der größte Teil der Bevölkerung Brot und Arbeit fand.1 Trotzdem gab es in der bayerischen Staatsverwaltung keine Instanz, die sich speziell oder gar ausschließlich mit der Agrarverwaltung beschäftigte. Die von Staats wegen angestrebte Verbesserung der Wirtschaftsstrukturen war zunächst Aufgabe des 1810 gegründeten “Landwirtschaftlichen Vereins”, der mit seinem Zentralkommitee, dem “Bayerischen Landwirtschaftsrat”, und den Gebiets- und Ortsvereinen in enger Verbindung zu den Behörden der inneren Verwaltung stand. Die temporäre Übertragung der Agrarzuständigkeit auf das Handelministerium – 1848-1871 – änderte daran nichts.

Bei der Auflösung des Handelsministeriums, das infolge der Reichsgründung im Jahre 1871 überflüssig geworden war, ging der Bereich “Landwirtschaft” wieder an das Staatsministerium des Innern zurück.² Schließlich blieb die Landwirtschaft bis zum Ende der Monarchie ein wichtiger Teil des Innenressorts, dessen Minister Max Freiherr von Freilitzsch (1881-1907), Friedrich von Brettreich (1907-1912 und 1916-1918) und Maximilian Graf von Soden-Fraunhofen (1912-1916) durch Herkunft und berufliche Tätigkeit exorbitante Fachkenntnisse wie auch starkes persönliches Interesse für diesen Zweig ihres Verwaltungsbereichs zeigten.³ Für die Königliche Regierung gab es also keine Veranlassung, ein selbständiges Landwirtschaftsministerium zu kreieren. So war es der Legislative vorbehalten,  die Errichtung des fraglichen Ressots zu fordern.

Politische Heimat der bayerischen Bauern war zunächst nahezu ausschließlich die “Patriotenpartei” bzw. das “Zentrum”. Erst als sie sich durch die Caprivischen Handelsverträge (1891-1893) regelrecht in ihrer Existenz bedroht sahen, gewann der Gedanke einer eigenen parlamentarischen Interessensvertretung an Boden. Es ist hier nicht der Ort, die Gründungsgeschichte des “Bayerischen Bauernbundes” nachzuzeichnen, doch soll erwähnt werden, daß sich unter den federführenden Politikern Johann Baptist Sigl (1839-1901) befand, der wie Carl Gandorfer aus der Großgemeinde Mallersdorf-Pfaffenberg stammte.4

Carl Gandorfer

Carl Gandorfer

Ohne die Gründung des Bayerischen Landwirtschaftsministerium aus den Augen verlieren zu wollen, sei es im Folgenden gestattet, kurz auf Sigl einzugehen, zumal der promovierte Jurist die “rote Revolution als die natürliche Erbin”5 des militaristischen Bismarck-Reiches vorausgesehen hatte und in deren Folge das Bayerische Landwirtschaftministerium letztlich gegründet wurde. Wohl nirgendwo wird der Geist, hinter der Art des Niederbayern aus Ascholtshausen Politik zu machen, deutlicher als in einem Redebeitrag zur Amnestierung der Haberfeldtreiber vor der Abgeordnetenkammer des Bayerischen Landtags am 29. November 1897: “Ich bin immer, wie ich es in meinem ganzen Leben gewesen bin, auf Seite derjenigen, welche des Mitleids, der Barmherzigkeit bedürfen, die unter etwas zu leiden haben, die Hilfe bedürfen. Wer meine Geschichte kennt und die Geschichte meines Blattes [Das Bayerische Vaterland], der wird sagen müssen, daß, wenn gar nichts geholfen hat, das ‘Vaterland’ und Dr. Sigl es gewesen sind, die sich um die Unterdrückten und Verfolgten angenommen haben, ohne Rücksicht auf seine Person oder seinen persönlichen Vorteil.”6

Die Wankelmütigkeit der Wählergunst  hatte den glänzenden Stilisten bereits 1893 bereits in den Reichs-, aber nicht in den Landtag berufen. Der Bauernbund konnte in Niederbayern 47,6% erzielen und vier Abgeordnete nach Berlin entsenden. Doch Sigl blieb skeptisch. Was konnten vier Bauernbündler unter 397 Reichstagsabgeordneten schon erreichen? Ihm war, als hätte ihm ein Schaf in den Magen “neig’lampelt”7 . Besonders lagen ihm die Holledauer Hopfenbauern am Herzen. Als er sich für einen Schutzzoll für das Grüne Gold stark machte, stieß er mit seinem Antrag bei den Abgeordneten auf wenig Gegenliebe.

Da ein “Canossagang” nicht gegen Sigls Prinzipien verstieß, beschloß er den Reichskanzler Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1894-1900) persönlich aufzusuchen. Nachdem zwei Interventionsversuche nichts gefruchtet hatten, verabschiedete sich der Vollblutparlamentarier eindeutig zweideutig mit den Worten: “Für die Not der Holledauer Hopfenbauern haben Euer Exzellenz nicht das geringste Verständnis, deshalb bitte ich Sie, mich …”8 In der langen Pause bekam der Reichskanzler einen hochroten Kopf, ehe das Schlitzohr aus Niederbayern fortfuhr: “… im besten Andenken zu behalten.”

Die Anekdote denunziert Sigl nicht als Polit-Clown; sie zeigt vielmehr, daß die Bauernbündler von Anfang an Individualisten – um nicht zu sagen Einzelkämpfer – waren, die ungewöhnliche Wege gehen mußten, um sich angesichts der Mehrheitsverhältnisse in Land- und Reichstag Gehör zu verschaffen. Daß sie dabei die Mentalität ihrer (nieder-)bayerischen Heimat nicht verleugnen konnten oder wollten, hebt sie aus der Masse der Parlamentarier des Königreichs Bayern hervor und bewahrt sie bis heute vor dem Dunkel der Geschichte. Zu nennen sind hier Dr. Georg Ratzinger, ein Großonkel von Papst Benedikt XVI., Georg Eisenberger, der Gründer des Bundes Oberländer Waldbauern, und nicht zuletzt eben Carl Gandorfer aus Pfaffenberg. Diese Männer haben hinreichend bewiesen, daß Bodenständigkeit nichts mit uniformierter Bierseligkeit zu tun hat.

Nachdem 1893 auf Anhieb 9 Abgeordnete des “Bauernbundes” in den bayerischen Landtag einezogen waren, stieg die Zahl der Mandatäre bei den folgenden Wahlen stetig an: 1899 waren es 13, 1905 15 BBB-Abgeordnete, welche die Belange der Bauern in der Zweiten Kammer dezidiert vertraten. 1907 indes war der Verlust von 2 und 1912 sogar von weiteren 5 Mandaten hinzunehmen. Doch nun zu Gandorfer: Der Pfaffenberger Ökonom ist 1913 durch eine Nachwahl in die Abgeordnetenkammer des Landtags gewählt worden, da der bisherige Mandatsträger, der Straubinger Stadtpfarrprediger Jakob Wagner, wegen seiner Bestellung zum Stadtpfarrer von Amberg auf oberhirtliches Geheiß gezwungen war, seinen Sitz im Landtag niederzulegen. Mit großer Vehemenz, mit ehrlichem Wollen und vor allem charakterlicher Selbständigkeit ging der neue Abgeordnete sofort ans Werk. So opponierte er am 31. November 1913 als einziger Bauernbündler gegen die Erhöhung der Zivilliste anläßlich der Krönung Ludwigs III. (1913-1918), dessen Leidenschaft auch nach der Thronbesteigung die Landwirtschaft blieb.

Doch nicht einmal ein Jahr sollte ins Land gehen, bis der Erste Weltkrieg ausbrach. Das blutige Ringen der europäischen Mächte traf die bayerische Landwirtschaft empfindlich. Erträge und Erlöse gingen beträchtlich zurück. So fiel z. B. der Hektarertrag beim Weizen von 16,3 auf 14dz. Noch schlimmer sah es beim Kartoffelanbau aus. Hier fiel der Ertrag während des Krieges von 115 auf 84,6dz. Die Blockade der Entente schnitt nämlich das Deutsche Reich und damit auch Bayern nahezu vollständig von allen Zufuhren ab, was natürlich auch die Landwirtschaft arg in Mitleidenschaft zog, die auf Einfuhren von Düngemitteln angewiesen war. Gleichzeitig  kam die inländische Kunstdüngerfabrikation mehr oder weniger zum Erliegen. Ferner wurden Pferde requiriert und zahlreiche landwirtschaftliche Arbeitskräfte zum Militär eingezogen.

Und der vergleichsweise große Viehbestand hatte zur Folge, daß das Königreich Bayern in der Zeit der Fleisch-Zwangswirtschaft ab Juni 1916 deutlich mehr Schlachtvieh ex- als importierte. Der Ausfuhrüberschuß betrug bis Oktober 1920 allein 41459 Stück Großvieh, 51200 Schafe und Ziegen, dazu kamen über 200000 Stück Geflügel und in etwa 168000dz rohes und verarbeitetes Fleisch. Folglich bezog Gandorfer im Februar 1917 im Rahmen der sogenannten Ernährungsdebatte scharf Stellung gegen den Norden: “Unsere Lebensmittel aber gelangen, wenn sie nicht auf rechtmäßige Weise hinaufkommen, durch Schwindel hinauf, und wir herunten dürfen hungern. Ich stehe ja selbst auf dem Standpunkt, es solle Gleichheit und Einigkeit herrschen; aber die da droben sagen ganz anders, sie sagen, wir greifen zu, wo wir zugreifen können. Ich denke, wir sollen uns einmal sagen, wir müssen uns auf die Füße stellen und müssen den Rücken nach Norden kehren (Heiterkeit).” Eine prophetische Rede im Hinblick auf die Gründung des bayerischen Landwirtschaftsministeriums?

1 Zum Folgenden Volkert, Wilhelm: Die Staats- und Kommunalverwaltung, in: Schmid, Alois (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte IV/2, München 22007, 74-153, hier 117f. – Die “Verspätung” wird umso deutlicher, wenn man bedenkt, daß im Königreich Preußen bereits im Jahre 1848 ein Landwirtschaftsministerium geschaffen worden war.

2 Seidl, Alois/Fried Pankraz: Die Landwirtschaft, in: Schmid, Alois (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte IV/2, München 22007, 155-215, hier 163.

3 Volkert, Wilhelm: Handbuch der bayerischen Ämter, Gemeinden und Gerichte 1799-1980, München 1983, 262.

4 Näheres zur Gründung des “Bayerischen Bauernbundes” bei Albrecht; Dieter: Von der reichsgründung bis zum Ende des Ersten Weltkrieges (1871-1918), in: Schmid, Alois (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte IV/1, München 22003, 319 -438, hier 350f.; siehe auch Sigl, Rupert: Dr. Sigl. Ein Leben für das Bayrische Vaterland, Rosenheim o. J., 295-299.

5 Sigl 300 (wie Anm. 4).

6 Ebd.

7 Ebd. 298. – Sigl spricht fälschlicherweise von 200 Reichstagsabgeordneten. Zu den exakten Zahlen vgl. Hohorst, Gerd/Kocka, Jürgen/Ritter, Gerhard A. (Hgg.): Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch II (Statistische Arbeitsbuch zur neueren deutschen Geschichte), München ²1978, 174.

8 Sigl 301 (wie Anm. 4).

(Fortsetzung folgt!)

Kommentieren ist momentan nicht möglich.