Archiv für die Kategorie „Theologie“

Die Apostel auf dem Rohrer Hochaltar

Samstag, 25. Juni 2011

 

Apostel Johannes

Apostel Johannes

Wenn von der Asamkirche in Rohr gesprochen wird, findet in der Regel nur die “Himmelfahrt” Erwähnung. Die übrigen Kleinodien wie der romanische Taufstein, die St.-Anna-Kapelle, der Peter-und-Paul- oder der Josephsaltar samt den dazugehörigen Gemälden oder das Stiftungsgemälde im Chor werden in der einschlägigen Literatur meist mit wenigen Federstrichen abgetan. Auch die Apostel um den leeren Sarkophag stehen in der Regel am Rande des Interesses. Man kann neun Jünger Jesu zählen und schon tun sich die ersten Fragen auf: neun von elf oder neun von 13. Es gab doch 12 Apostel! Judas Iskariot hat sich laut Mt 27, 5 aber vor dem Prozeß Jesu noch erhängt. So wären es also elf. Gemäß Apg 1, 15-26 wurde Matthias zum Apostel gewählt. Und schließlich bezeichnet sich Paulus in Gal 1,1 selber als “Apostel”, ohne dezidiert auf den Zwölferkreis zu rekurrieren.

In der einschlägigen Literatur hat sich bis heute niemand mit solchen Fragen beschäftigt. Im günstigsten Fall werden einzelne Apostel andiskutiert oder der emotionale Kontrast zwischen Johannes auf der einen und den übrigen Jüngern auf der anderen Seite herausgearbeitet.

Beschäftigt man sich mit ihnen intensiver, so merkt man bald, daß Asam ein exzellenter Künstler mit ausgezeichneten Bibelkenntnissen war. Rechts neben dem Sarkophag steht vom Betrachter aus gesehen der Apostel Johannes.

Woran ist er zu erkennen?

"Rohrer" Apostel

"Rohrer" Apostel

 

Vergleicht man die Apostel miteinander, so fällt auf, daß die fragliche Figur im Gegensatz zu den anderen trotz des leeren Grabes ziemlich gelassen bleibt. Ihr Blick richtet sich nach oben. Während also die anderen die Realität nicht fassen können, weiß Johannes gleichsam um das Schicksal der Verstorbenen. Wie kam nun Asam dazu, eine der Apostelfiguren nach oben schauen zu lassen? Den Anlaß dazu gab ihm folgende Bibelstelle: “Am ersten Tag der Woche kommt Maria von Magdala früh, als es noch finster war, zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weg war. Da läuft sie und kommt zu Simon Petrus und zu dem anderen Jünger, den Jesus lieb hatte, und spricht zu ihnen: Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Da ging Petrus und der andere Jünger hinaus und sie kamen zum Grab. Es liefen aber die zwei miteinander und der andere Jünger lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst zum Grab, schaut hinein und sieht die Leinentücher liegen; er ging aber nicht hinein. Da kam Simon Petrus ihm nach und ging in das Grab hinein und sieht die Leinentücher liegen, aber das Schweißtuch, das Jesus um das Haupt gebunden war, nicht bei den Leinentüchern liegen, sondern daneben, zusammengewickelt an einem besonderen Ort. Da ging auch der andere Jünger hinein, der zuerst zum Grab gekommen war, und sah und glaubte.” (Joh 20,1-8) Johannes hat also mit leeren Gräbern keine Probleme. Sie rufen bei ihm keine Irritationen hervor, aber auch keinen religiösen Enthusiasmus.

Links neben Johannes steht Thomas. Im Gegensatz zu Johannes glaubt er nicht. Für ihn ist das Geschehen unfassbar und er greift in den Sarkophag; er kann nicht fassen, daß er leer ist. Die Konstellation ist aus der Bibel bekannt: “Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben. Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.” (Joh 20,24-32)

Thomas glaubt nur, was er im wahrsten Sinne des Wortes “be-greifen” kann.

Unmittelbar am Sarkophag folgt der Apostel Jakobus Zebedäus, der Bruder des Johannes. Er ist leicht am Wanderstab zu erkennen. Die Identifizierung aller übrigen Apostel ist nicht einfach, wenn nicht gar unmöglich. So verstehen sich die folgenden Überlegungen weniger als definitive Einsichten, sondern eher als Gedankenspiele, die dazu dienen, jede der Figuren zu individualisieren.

Von rechts nähern sich augenscheinlich die Apostel Petrus und Paulus. Keiner von beiden trägt ein typisches Attribut wie z. B. die Schlüssel oder das Schwert bei sich.

(Fortsetzung folgt!)

Der rechte Seitenaltar

    Im rechten Querhaus – sagt man – hat der Landshuter Maler Johann Jakob Plezger 1721 die Apotheose des Hl. Joseph dargestellt (1721). 

    hl. Joseph

    hl. Joseph ?

 

 

Es ist ganz egal, wie man die Begriff definiert, – als gleichzeitige Aufnahme von Leib und Seele in den Himmel oder als Entrückung des noch lebenden Ziehvaters Jesu – man findet weder im Neuen Testament noch in den apokryphen Schriften einen Hinweis auf ein solches Geschehen. In der “Geschichte von Joseph dem Zimmermann”, die um 400 in Ägypten entstanden sein dürfte, wird über dessen Krankheit und den Tod ausführlich berichtet. Zuletzt erörtern Jesus und die Apostel, warum Joseph sterben mußte, wo doch Henoch und Elja die Unsterblichkeit erhalten hatten. Demnach findet sich in der frühchristlichen Literatur keine Tradition, die es rechtfertigen würde, von einer Apotheose des hl. Joseph zu sprechen.
Wie kommt es dann zu diesem Gemälde?

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich mit der Verehrung des hl. Joseph etwas näher beschäftigen. Erst im 16. Jahrhundert begannen die Bettelorden den Kult des Ziehvaters Jesu zu fördern. Der Augsburger Bischof Johann Christoph von Freyberg-Eisenberg (1665-1690) dehnte den 19. März als gebotenen Feiertag auf sein ganzes Bistum aus. Erst im 18. Jahrhundert gehören Josephsdarstellungen gleichsam zur Grundausstattung der barockisierten Kirchen.
Die zunehmende Verehrung kam nicht von ungefähr. Die Habsburger erkoren Joseph nämlich zu ihrem Hausheiligen. Nachdem Kaiser Ferdinand II. (1690-1637) im Jahre 1620 mit einem Bild Josephs in die Schlacht gegen die pfälzisch-böhmische Armee am Weißen Berg bei Prag gezogen war und den Sieg errungen hatte, wurde der Josephs- im Habsburger Reich zum Feiertag. Papst Clemens X. (1670-1676) erhöhte 1670 den Rang des Festes; 1714 bereicherte Papst Clemens XI. (1700-1721) den Feiertag mit einem eigenen Meßformular und Offizium; Papst Benedikt XIII. (1724-1730) fügte den Josephs Namen in die Allerheiligenlitanei ein.

Die zunehmende Josephsverehrung erklärt zwar die Schaffung eines entsprechenden Altars, aber nicht dessen Ausstattung mit einem Bild, das weder dogmatischen noch traditionellen Vorgaben standhält.
Wie wenig es sich um den hl. Joseph handelt, macht allein die Tatsache deutlich, daß der Ziehvater Jesu nach den Kindheitsgeschichten aus den Evangelien verschwindet, Maria hingegen überlebt Jesus. Auf dem Gemälde indes erwartet neben der Trinität und den Engeln die Gottesmutter den Verstorbenen: angesichts des biblischen Befundes und des anzunehmenden Altersunterschieds zwischen Maria und Joseph ein Ding der Unmöglichkeit. Ferner gibt es keine katholische Tradition, nach der die wesentlich jüngere Gattin dem Mann in den Tod vorausgegangen sein soll.
Um die Aussage dieses Gemäldes zu erschließen, muss man v. a. zwei Dinge beachten: Zum einen das Klostermodell; zum anderen das Todesjahr des Architekten Bader. Das Modell macht doch nur Sinn, wenn die abgebildete Person in irgendeiner Beziehung dazu steht, wie z. B. der Architekt Joseph Bader zum Stift der Augustiner-Chorherren in Rohr. Ferner entsteht das Gemälde Plezgers nicht “irgendwann”. Der Landshuter Maler fertigte es im Todesjahr des Baumeisters, der am 18. März 1721, also noch vor der Weihe der barockisierte Kirche, verstorben war. Es geht also hier nicht um eine Apotheose im religiösen Sinn; Bader wird nicht unsterblich, weil er ein sündenfreies Leben geführt hat, er lebt vielmehr in seinem Werk fort. Nun hätte man aber im 18. Jahrhundert keinem Menschen dieses Gemälde als Apotheose des hl. Joseph “verkaufen” können. Einen solchen Titel hätte man als “irrgläubig” zurückgewiesen. Und um Bader mit dem hl. Joseph zu verwechseln, mußte der Architekt völlig aus dem Gedächtnis der Betrachter geschwunden sein. Andererseits müssen die “Kunstsachverständigen” dieser Zeit eine “Apotheopse Josephi” geglaubt oder als geglaubt angenommen haben.

(Fortsetzung folgt!)

 

Der linke Seitenaltar: Abschied der Apostelfürsten

 

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Peter und Paul
Pfarrkirche “Maria Himmelfahrt”: Altarbild des linken Querhauses

Das Gemälde des linken Querhausaltars der Rohrer Pfarrkirche “Mariä Himmelfahrt” zeigt die beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus, wie sie nach dem Todesurteil sich die Hand reichen und unerschrocken dem Maryrium entgegengehen. Das grausame Schicksal, das die beiden ereilte, steht nicht in der Bibel. Die älteste Quelle, die von der “Passio Petri et Pauli” erzählt, ist der 1. Clemensbrief: “Aber wir wollen mit den alten Beispielen aufhören und wollen kommen zu den Wettkämpfern der jüngsten Zeit: Nehmen wir die edlen Beispiele unseres Geschlechts. Wegen Eifersucht und Neid sind die größten und gerechtesten Säulen verfolgt worden und haben bis zum Tode gekämpft. Halten wir uns vor Augen die tapferen Apostel: Petrus, der wegen ungerechtfertigter Eifersucht nicht eine und nicht zwei, sondern viele Mühen erduldet hat und der so – nachdem er Zeugnis abgelegt hatte – gelangt ist an den (ihm) gebührenden Ort der Herrlichkeit. Wegen Eifersucht und Streit hat Paulus den Kampfpreis der Geduld aufgewiesen: Siebenmal Ketten tragend, vertrieben, gesteinigt, Herold im Osten wie im Westen, hat er den edlen Ruhm für seinen Glauben empfangen. Gerechtigkeit hat er die ganze Welt gelehrt und hat Zeugnis abgelegt vor den Führenden; so ist er aus der Welt geschieden und ist an den heiligen Ort gelangt – größtes Vorbild der Geduld.” Clemens (90/92-99-101), der Verfasser, gilt als der dritte Papst. Er könnte Petrus und Paulus noch persönlich gekannt haben. Über den Ort, den Zeitpunkt und die Methode, mit der die Hinrichtungen vollzogen, weiß Clemens nichts zu berichten. Über die Gleichzeitigkeit der beiden Exekutionen, über Richtschwert oder das umgestürzte Kreuz ist keine Silbe zu finden.

Erst in den “Petrusakten”, einer apokryphen Schrift, die um 190 entstanden sein dürften, heißt es: “Ich fordere nun von euch, den Scharfrichtern, kreuzigt mich so, mit dem Kopf nach unten und nicht anders!”

Sta_Maria_del_Popolo_Caravagio
Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610)

Ähnlich verhält es sich mit der Hinrichtung Pauli durch das Schwert. Sie findet sich erstmals in den “Paulusakten” einer apokryphen Schrift die zwischen 185 und 195 entstanden sein könnte: “Darauf stellte sich Paulus hin gegen Osten gerichtet und erhob die Hände zum Himmel und betete lange; und nachdem er im Gebet auf Hebräisch mit den Vätern sich unterredet, neigte er seinen Hals, ohne noch weiter zu sprechen. Als aber der Henker ihm den Kopf abschlug, spritzte Milch auf die Kleider der Soldaten.”

Spätestens seit dem 4. Jahhundert gilt der 29. Juni als der Todestag der beiden Apostel. Er wird in der “Depositio Martyrum, die vor 336 entstanden ist, angeführt. Es handelt sich dabei um einen Kalender, in dem der “dies natalis” der Märtyrer aufgelistet wird. Ein identischer Todestag ohne Angabe der Jahreszahl ist nicht zwangsläufig ein gleichzeitiger. Vom Tod des Völkerapostels “ad aquas salvias” sprechen dann einige Legenden und apogryphe Legenden, die im Laufe des Frühmittelalters entstanden sind. Sie gehen vermutlich auf mündliche Überlieferungen zurück, deren Wahrheitsgehalt sich nicht mehr überprüfen läßt. Wie dem auch sei: Die Legende berichtet auch, dass Petrus und Paulus gemeinsam zur Hinrichtung geführt und an der Via Ostiense getrennt wurden. Sie verabschiedeten sich mit einer innigen Umarmung voneinander.

separazione di Pietro e Paolo – via Ostiense 106

Bis vor ungefähr 100 Jahren befand sich an der Via Ostiense eine dieser “Trennung” geweihte Kapelle (Cappella della separazione). Von hier aus seien sie getrennt zur Exekution geführt worden: Petrus zum Zirkus des Caligula und des Nero beim vatikanischen Hügel, Paulus weiter an die Via Ostiense. Das Gotteshaus gibt es nicht mehr. Ein Relief und eine Inschrift erinnern noch daran.

Cosmas Damian Asam hat die fragliche Legende sicherlich gekannt, ist sie doch die literarische Grundlage seines Gemäldes “Abschied der Apostel Petrus und Paulus”. Sie umarmen sich allerdings nicht am Ende ihres letzten gemeinsamen Gangs. Vielmehr greift Paulus mit der linken Hand nach der rechten Petri. Handelt es sich hier um künstlerische Freiheit oder um theologische Absicht? Dem 2. Kapitel des Galaterbriefs zufolge hat es zwischen den beiden Aposteln massive Kontroversen gegeben: “Als Kephas aber nach Antiochia gekommen war, bin ich ihm offen entgegengetreten, weil er sich ins Unrecht gesetzt hatte. Bevor nämlich Leute aus dem Kreis um Jakobus eintrafen, pflegte er zusammen mit den Heiden zu essen. Nach ihrer Ankunft aber zog er sich von den Heiden zurück und trennte sich von ihnen, weil er die Beschnittenen fürchtete. Ebenso unaufrichtig wie er verhielten sich die anderen Juden, sodass auch Barnabas durch ihre Heuchelei verführt wurde. Als ich aber sah, dass sie von der Wahrheit des Evangeliums abwichen, sagte ich zu Kephas in Gegenwart aller: Wenn du als Jude nach Art der Heiden und nicht nach Art der Juden lebst, wie kannst du dann die Heiden zwingen, wie Juden zu leben?” (Gal 2,11-14). Wir wissen nicht, wie sich die Beziehungen zwischen den beiden Apostelfürsten nach diesen öffentlichen Worten weiterentwickelt haben. Sollten die Spannungen aber nicht schon früher überwunden worden sein, so war es jetzt höchste Zeit, Frieden zu schließen. Es ist nicht gut, im Streit vor seinen Schöpfer zu treten.

Cosmas Damian Asam hat sich von 1711 bis 1713 nachweislich in Rom aufgehalten, um dort die großen (Barock-)Meister wie Raffael Santi (1483-1520), Annibale Carracci (vor 1560-1609), Guido Reni (1575-1642) und Domenichino, eigentlich Domenico Zampieri, (1581-1642) zu studieren. Dabei hat er sicher auch den Ort des Geschehens in Augenschein genommen. Dabei hat er aber ein wichtiges Detail übersehen. Die auf dem Gemälde sichtbare Cestius-Pyramide wurde zwischen 18 und 12 v. Chr. erbaut. Da Bestattungen innerhalb der Stadt verboten waren, wurden die Grabmäler an den Ausfallstraßen, hier an der Via Ostiense, errichtet. Erst 271 wurde die Pyramide in die Stadtmauer des Kaisers Aurelian (270-275) einbezogen, also ca. 200 Jahre nach dem Martyrium der Apostelfürsten. Diese Mauer ist aber auf Asams Gemälde zu sehen. Gaffer, die das grausame Geschehen offensichtlich fasziniert, sind auf ihr zu sehen. Bildet die Mauer also die Szenerie, um die menschliche Psyche zu entlarven, die Freude am Leid des Mitmenschen?
Ein solcher Gedanke ist bei Asam sicher nicht von der Hand zu weisen. Welche Rolle spielt dann aber die Pyramide? Sie ist sehr dunkel gehalten und bei ungünstigen Lichtverhältnisse kaum zu erkennen. Fällt aber das Sonnenlicht gegen Mittag durch das gegenüberliegende Kirchenfenster, erstrahlt sie in hellem Glanz. Mit anderen Worten: Cosmas Damian Asam spielt mit den natürlichen Lichtverhältnissen, so daß die dunkle obere Hälfte des Gemäldes vorübergehend erhellt wird und die Pyramide deutlich zu erkennen ist, wenn die Sonne im zenit steht. Nun gelten die Pyramiden als “Symbole für die Ewigkeit”. …

(Fortsetzung folgt!)

 

Wenn jemand eine Reise tut, dann …

Montag, 20. Juni 2011

Johannes Paul II. (1978 - 2005)

Johannes Paul II. (1978 – 2005)

“Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.” (Mt 28 19f.). Nimmt man diese oder eine Parallelstelle des Neuen Testaments – wie viele Zeitschriften es getan haben oder immer noch tun – gleichsam als theologische Grundlage für die 104 Auslandsreisen des Wojtyla-Papstes, auf denen er 129 Staaten besucht und rechnerisch genug Kilometer zurückgelegt hat, um 29 Mal den Globus zu umrunden, so stellt siche die Frage, warum viele seiner Vorgänger Rom nie verlassen haben. Allein die Tatsache, daß kein Biograph des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. (1978-2005) ohne die eingehehnde Beschäftigung mit seinen Personalreisen auskommt, macht deutlich, daß es sich dabei um eine Besonderheit, ja geradezu um ein unverwechselbares Merkmal dieses Pontifikats handelt.

Das Thema “reisende Päpste” befindet sich allerdings in einem schwierigen, meist kaum bekannten Kontext. Übersehen werden darf aber auf keinen Fall die Tatsache, dass die Nachfolger Petri bis zur vorübergehenden Auflösung des Kirchenstaats im Jahre 1870 niemals nur als Hirten und Seelsorger, sondern auch als Staatsmänner unterwegs waren. Beschränken wir uns bei unseren Überlegungen auf unsere Heimat. Insgesamt haben nur vier Päpste Bayern besucht. Den Anfang macht im Jahr 1052 Leo IX. (1049-1054) aus dem Geschlecht der Grafen von Egisheim-Dagsburg. Der gebürtige Elsässer hat nach seinem Amtsantritt drei Reisen über die Alpen übernommen, die letzte 1052, um vermittelnd im Konflikt zwischen dem Kaiser und dem ungarischen König Andreas I. (1046-1060) einzugreifen.

 

 

Leo IX. (1049-1054)
Leo IX. (1049-1054)

Tatsächlich brach Heinrich III. (1039-1056), nachdem der Papst persönlich am Schlachtenort erschienen war, die Belagerung Preßburgs ab. Nun begaben sich das Reichsoberhaupt und Leo IX. nach Regensburg. “Es war eines der letzten ungetrübten Bilder des Zusammenswirkens der abendländischen Christenheit, als hier Leo IX. am 7. Oktober in Anwesenheit des Kaisers, der geistlichen und weltlichen Fürsten und einer großen Volksmenge, den Wunsch der Regensburger Kirche nach weiteren Heiligen in der Bischofsstadt erfüllend, die Gebeine Bischof Wolfgangs aus ihrem bisherigen Grab barg und in die neue Krypta unter dem Westchor der Emmeramskirche übertrug.” (Karl Hausberger) Gleichzeitig wurden die sterblichen Überreste des in der Niedermünsterkirche beigesetzten Bischofs Erhard zur allgemeinen Verehrung erhoben.

Die letzte Reise, die jeder Mensch anzutreten hat, sollte Papst Clemens II. (1046/47) nach Bamberg zurückkehren lassen.

Grabmal Clemens' II. im Bamberger Dom

Grabmal Clemens' II. im Bamberger Dom

Kaiser Heinrich III. hatte am 24. Dezember 1046 auf der Synode von Sutri drei Päpste abgesetzt und Bischof Siutger von Bamberg an deren Stelle gesetzt. Nach einer weiteren Synode, die im Januar 1047 stattfand, begleitete Clemens II. das Reichsoberhaupt auf mehreren Reisen. Während der Rückkehr aus Deutschland starb der Papst unter mysteriösen Umständen nach einem Pontifikat, das nicht einmal ein Jahr währte in Foglia in der Nähe von Pesaro. Sein Leichnam wurde nach Bamberg gebracht und im dortigen Dom beigesetzt. Es ist das einzige Papstgrab nördlich der Alpen.

Es sollte weit mehr als 700 Jahre dauern, ehe wieder ein Papst den Weg nach Bayern fand. Beurteilt man den Besuch Pius’ VI. (1775-1799), mit bürgerlichem Namen Giovannangelo Braschi, mit heutigen Augen, so mag man über die Kälte, mit der er von der bayerischen Bevölkerung empfangen wurde, überrascht sein. Als der Pontifex am 26. April 1782 in München einfuhr, läuteten zwar alle Glocken, der Jubel fiel aber eher bescheiden aus. Nur wenige Einwohner der Residenzstadt mochten nämlich bei strömenden Regen aus dem Haus gehen, um den Gast zu sehen. Von den wenigen Neugierigen und Frommen, die sich trotzdem am Wege aufstellten, beugten nur die Mönche die Knie. Zwei Tage später versammelten sich dann zwar 50ooo Menschen auf dem Schrannenplatz, doch als der Papst den Segen spendete, kniete nur Kurfüst Karl Theodor (1777-1799) nieder.

Um das Verhalten der Münchner Bevölkerung verstehen zu können, müssen wir uns zunächst mit dem Landesherrn beschäftigen.  Der Pfälzer hatte in Altbayern nie richtig Fuß fassen können.

… (Fortsetzung folgt)

Pius VI. (1775-1799)

Pius VI. (1775-1799)

Die kuriosen Predigten des Laaberberger “Bauernpfarrers” Anton Westermayer

Samstag, 14. Mai 2011

Die Predigten des Pfarrers Anton Westermayer gehören längst zu den Höhepunkten der bayerischen Literaturgeschichte. Das “Rosenheimer Verlagshaus” hat sie publiziert und so einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Im Jahre 2001 wurden sie unter dem Titel “Kuriose Predigten eines Bauernpfarrers” neu aufgelegt. (1) Dabei war der Kleriker alles andere als ein Bauernpfarrer. Von 1840, dem Jahr seiner Priesterweihe, bis zum seinem Tod 1894, pastorisierte er nämlich nur eine einzige bäuerlich geprägte Pfarrei. (2) Von 1844 bis 1850 war Westermayer Pfarrer von Laaberberg (Gemeinde Rohr i.NB; Landkreis Kelheim).

Ein tiefer Fall: Der von unehelicher Abstammung am 2. Januar 1816 in Deggendorf geborene Westermayer hatte am Herzoglichen Georgianum in München studiert, ehe er am 6. Mai 1840 in Regensburg zum Priester geweiht wurde. Befähigt “zur Redekunst und Literatur” bestellte man ihn bereits im Dezember 1841 zum Verweser der Domkanzel. Am 30. Juni 1842 wurde Westermayer von König Ludwig I. (1825-1848) schließlich offiziell zum Domprediger ernannt – eine höchst ehrenvolle Berufung für einen 26 Jahre alten Priester.

Westermayer ging selbstbewusst an seine Aufgabe: ” Wenn der Bischof diese Aufgabe hat, in der gesunden Lehre zu unterrichten, die Widersprecher zu widerlegen und die Schwätzer, die heut zu Tage auf anderem Gebiete ihr Zungengedresche üben, als unter dem Volke Israels, zum Schweigen zu bringen: so hat diese Pflicht gewiß auch der Stellvertreter des Bischofs – der Domprediger.” (3) Bei solch markigen Worten ist bes nicht verwunderlich, dass man ihm bald vorwarf, bei seinen Kanzelreden Schähungen gegen die Lutheraner und ihre Kirche zu äußern. Schließlich kam es zu einer polizeilichen Untersuchung. Auch die staatlichen wie kirchlichen Vorgesetzten wurden eingeschaltet. Schließlich wurde er am 1. Februar 1844 wegen “Majestätsbeleidigung” seines Amtes enthoben und als Pfarrer nach Labberberg versetzt.
Seine Abschiedspredigt ließ an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig: “Als Prediger der katholischen Kirche, als Prediger auf einer Domkanzel war ich meinem Gewissen und euch schuldig, die katholische Lehre nach allen Seiten hin zu beleuchten und sie in aller Schärfe vorzutragen. Weil ihrer aber in starker Mischung lebt, so mußte ich ich auch jedesmal die Nichtigkeit des gegentheiligen Irrthums darthun.” (4) Westermayer war sicher kein Vorreiter der Ökomene, aber ein typischer Charakterkopf, wie sie das 19. Jahrhundert in Bayern hervorbrachte. Sowohl der Dompredigerstelle als auch die Pfarrei Laaberberg wurden infolge der Säkularisation vom bayerischen König besetzt.(5) Er stand also unter der Kuratel der staatlichen und nicht der kirchlichen Gewalt. Und in kirchlicher Hinsicht hatte er sich nichts zu schulden kommen lassen. Auch der Regensburger Bischof Valentin von Riedel (1841-1857) galt bei König Ludwig I. (1825-1848) als Vertreter der ultramontanen Richtung. Trotzdem hatte Westermayer von ihm keine Hilfe zu erwarten. Es gab keine 30 Pfarreien, in denen der Oberhirte das freie Besetzungsrecht ausübte. Und nur die Versetzung auf eine solche Seelsorgestelle hätte Westermayer der staatlichen Aufsicht entzogen.

Nach dem Urteil des Dekans leistete der ehemalige Domprediger in Laaberberg hervorragende Arbeit und hat darüber hinaus die Muße, ein Predigtwerk mit dem Titel “Bauernpredigten, die auch Stadtleute brauchen können” zu verfassen. Die Hörer waren seine Pfarrkinder. Doch Laaberberg ist Westermayer zu klein. Was tut nun ein bayerischer Pfarrer im 19. Jahrhundert, der unter der Fuchtel der weltlichen Obrigkeit steht und der diesem Zwang entfliehen möchte; er geht in die Politik. Es ist nichts Ungewöhnliches, daß ein Priester im 19. Jahrhundert am politischen und parlamentarischen Leben teilnahm, zumal der Klerus in dieser Zeit einen hohen Anteil der katholischen Elite stellte.

1849 wird er in die bayerische Abgeorndetenkammer gewählt und entfaltet dort sein politisches Talent bis 1855. Als konservativer Charakter befürwortet er den bestehenden Staat, wendet sich aber gleichzeitig gegen staatskirchliche Bestrebungen, welche die Freiheit der Kirche beschränken. Ein Jahr später verläßt er Laaberberg und wird Stadtpfarrprediger bei St. Peter.

Doch nun zu den “Bauernpredigten”!



(Fortsetzung folgt!)


(1) Die Erstauflage war unter dem Titel “Bauernpredigten, die auch manche Statdtleute brauchen können.

(2) Näheres zum Folgenden bei Schrüfer, Werner: Eine Kanzel ersten Ranges, Regensburg 2004, 93.

(3) Westermayer, Glaubenspredigten I, Vorrede XI:
(4) Schrüfer 94.
(5) Matrikel 1916, 81 und 473.
(6) Gatz, Erwin: Priester als Partei- und Sozialpolitiker 376.

(Fortsetzung folgt)

Herzog Stephan III. der Kneißel, Italien und das Angelusläuten.

Samstag, 18. Dezember 2010

Kirchliche Bräuche werden oft als uralt angesehen. Man glaubt, sie bis in die Zeit der Apostel zurückführen zu können, und sah bis zur Säkularisierung der Gesellschaft in ihnen gleichsam Gebote, die wie Gesetze befolgt werden müssen. Noch zwischen den beiden Weltkriegen gingen ganze Familien beim Angelusläuten auf die Knie und beteten vor dem Herrgottswinkel gemeinsam den “Engel des Herrn”.

Jean François Millet: Angelus

Jean François Millet: Angelus

Und doch handelt es sich hier nicht um die Beachtung eines kirchlichen Gebots, sondern um die Reaktion auf ein Privileg, das Papst Bonifaz IX. (1389-1404) im Jahre 1391 Stephan III. dem Kneissel, dem Herzog von Bayern-Ingolstadt, verliehen hatte. Es geht also nicht um das Beten müssen, sondern um das Beten dürfen.

Der “Engel des Herrn” geht auf Franz von Assisi (1181/82-1226) zurück. Der Ordensgründer, der im Jahre 1219 eine Missionsreise nach Palästina unternommen hatte, war vom Gebetsruf des Muezzin so sehr beeindruckt, daß er nach seiner Rückkehr diesen Brauch, wenn auch in abgewandelter Form, auch in Italien eingeführt wissen wollte. So schrieb er an die Kustoden seines Ordens: “Und sein Lob sollt ihr allen Leuten so künden und predigen, daß zu jeder Stunde und wenn die Glocken läuten, dem allmächtigen Gott vom gesamten Volk auf der ganzen Erde immer Lobpreis und Dank dargebracht werde.”

Der eigentliche Initiator des “Angelus” war Bruder Benedikt Sinigardi aus Arezzo, der sich im Jahre 1211 den Franziskanern angeschlossen hatte. Als er 1241 in seine Vaterstadt zurückkehrte, führte er bei seinen Mitbrüdern folgende Marienantiphon ein: “Angelus Domini locutus est Mariae.” Dabei ordnete er an, dies am Abend zu beten und mit der Klosterglocke gleichsam ein Zeichen zu geben. Das Beispiel von Arezzo machte Schule; Der hl. Bonaventura, der 8. Generalminister der Franziskaner riet nämlich auf dem Generalkapitel zu Pisa im Jahre 1263 seinen Mitbrüdern: ” Die Brüder sollen die Gläubigen anleiten, am Abend, wenn es in den Klöstern zur Komplet läutet, Maria dreimal zu grüßen. Sie sollen es mit den gleichen Worten tun, mit denen der Engel Gabriel Maria gegrüßt hatte, also mit dem Ave Maria.” Hinter dieser frommen Gebetsempfehlung stand im Mittelalter die Vorstellung, daß es Abend gewesen sei, als der Erzengel Maria die Botschaft brachte. In Rom wird das Gebet erstmals 1327 bezeugt, zu einer Zeit als der Papst nicht am Tiber, sondern in Avignon residierte.

Daß ausgerechnet Stephan III. der Kneissel, was so viel wie der “Prächtige” heißt, das Privileg des Angelus-Läuten erwirkte, ist sicher kein Zufall. Der Ingolstädter Herzog war Halbitaliener. Seine Mutter Elisabeth (1309[?]-1349) war die Tochter des Königs Friedrich III. (1296-1337) von Sizilien aus dem Hause Aragón. Es darf also angenommen werden, daß  Stephan der italienischen Sprache mächtig war. 1364 heiratete er Thaddäa, die Tochter des Mailänder Signore Bernabò Visconti (1354-1385). Dies war eine von vier Ehen zwischen den Wittelsbachern und den Visconti.

Stephan III. (1375-1413)

Stephan III. (1375-1413)

Poltisch motivierte Bündnisse mit dem Mailänder Adelsgeschlecht waren für die bayerischen Herzöge nichts Neues. Die Visconti waren das ganze 14. Jahrhundert hindurch an deutschen Verbündten interessiert, um ihre expansive Politik in Italien abzusichern. Südliches Ziel dieses Strebens war zunächst Bologna, aber auch Mittelitalien. Damit war der Machtbereich des Papstes tangiert; der residierte aber seit 1309 in Avignon. Wie gefährlich Papst Johannes XXII. (1316-1334) die Visconti einschätzte, zeigt sein Kampf gegen Kaiser Ludwig den Bayern (1314-1347), den er 1323 vor ein päpstliches Gericht laden wollte. In der Zitation beschuldigte er ihn unter anderem, mit Galeazzo Visconti (1322-1328) und seinen Brüder Feinde der Kirche unterstützt zu haben. Der hatte nämlich 1324 mit Unterstützung des Kaisers in Vaprio an der Adda der päpstlichen Armee eine vernichtende Niederlage beigebracht. Als 1342 Herzog Ludwig V. (1347-1361) Margarete Maultasch, die Erbin Tirols, heiratete, entstand zwischen Bayern und Mailand eine gemeinsame Grenze. Nach dem Tod des Wittelsbachers im Jahre 1361 erbte sein Sohn Meinhard Oberbayern und Tirol, doch der starb schon zwei Jahre später. Nach den Teilungsverträgen wären alle anderen bayerischen Teilherzöge erbberechtigt gewesen. Trotzdem übergab Margarete, die Witwe Ludwigs, die Grafschaft Tirol ihrem habsburgischen Vetter Herzog Rudolf IV. von Österreich (1358-1365). Da Kaiser Karl IV. (1347-1378) zustimmte, wurde der Übergang Tirols an Habsburg im Vertrag von Schärding am 29. September 1369 besiegelt und war damit endgültig.

Der Verlust der Grafschaft wurde allerdings nicht so leicht weggesteckt, und so wurde die Bündnispolitik der folgenden Jahre stets auf die Rückgewinnung Tirols ausgerichtet. In diesem Sinne verlobte Herzog Stephan II. (1347-1375) seinen Sohn Johann mit Katharina, der jüngsten Tochter des Grafen Meinhard VII. von Görz (1338-1385), der ebenfalls Ansprüche auf Tirol erhob. Wichtiger für den Fortgang der geschichte ist aber seine Entzweiung mit Kaiser Karl IV., an dessen Italienzug im Jahre 1354 er noch teilgenommen hatte, sich aber dann mit ihm zerstritt, als zwei Jahre später mit der Goldenen Bulle Bayerns Rechte auf eine Kurstimme übergangen wurden.

Und auch die Visconti sollten sich alsbald mit dem Kaiser überwerfen. Bereits Innozenz VI. (1352-1362) begann die Rückkehr der Päpste von Avignon nach Rom vorzubereiten. Unter dem Kardinallegaten Gil Álvarez Carillo de Albornoz (um 1310-1367) wurde der Kirchenstaat unter Einsatz erheblicher finanzieller Mittel weitgehend befriedigt; Bologna kehrte 1360 in den Machtbereich des Papstes zurück. Innozenz’ Nachfolger Urban V. (1362-1370) sah die Visconti als seinen Hauptfeind in Italien, exkommunizierte 1363 Bernabò und rief gegen ihn und seine Verwandten, “den Räubern kirchlichen Besitzes”, sogar zum Kreuzzug auf. Im folgenden Jahr hob er den Bann jedoch wieder auf, das besetzte Land ging zurück in den Besitz des Papstes, wofür er allerdings 500000 Florin bezahlen mußte.

1364 erschienen jedoch Kaiser Karl IV., die Dichter Giovanni Boccaccio und Petrarca und die hl. Birgitta von Schweden in Avignon, und bedrängten Urban V. nach Rom zurückzukehren. Dies war die Stunde Herzog Stephans II. Nachdem der Kaiser die Visconti nämlich ihrer Lehen verlustig erklärt hatte, kam es zu einem poitischen Richtungswechsel Mailands: Äußeres Zeichen war die Verlobung zwischen Stephan dem Kneissel und Bernabòs Tochter Thaddäa sowie zwischen dessen Sohn Marco und Herzog Friedrichs Tochter Elisabeth. Tatsächlich traten Kaiser Karl, als er 1368 zu seinem Romzug aufbrach, in Norditalien an der Seite der Visconti und der Scaliger auch die bayerischen Herzöhe entgegen. Da das Richsoberhaupt gegen diesen Bund wenig ausrichten konnte, willigte er in einen Frieden, in dem er sich von seinen papsttreuen Bundesgenossen, den Herren von Padua, Ferrara und Mantua, löste. Während Karl mit kleinem Heer nach Rom weiterzog, fielen die Bayern noch einmal mit aller Gewalt ins Inntal ein und rückten über den Brenner bis zur Eisackenge vor Brixen, bis sie schließlich das Herannahen eines habsburgischen Entsatzheeres zur Umkehr bewegte.

Papst Urban V., der 1367 vorübergehend nach Rom zurückgekehrt war, hatte von dort aus erneut ein Bündnis gegen Mailand vorbereitet. Aber nicht nur die Visconti, auch andere italienische Staaten befürchteten eine Ausdehnung des Kirchenstaates. Als die militärischen Erfolge ausblieben, schloß Urban V. einen enttäuschenden Frieden und er residierte  ab  1370 wieder in Avignon. Im Januar 1377 kehrte Papst Gregor XI.  (1370-1377) nach Rom zurück. Sein Nachfolger, Urban VI. (1378 – 1389) begann verstärkt italienische Prälaten zu Kardinälen zu ernennen. Hierdurch sollte der übermächtige Einfluss Frankreichs auf die Kurie zurückgedrängt werden. Im Herbst 1378 wählte aber eine Gruppe unzufriedener französischer Kardinäle einen neuen Papst, welcher sich Clemens VII. (1378 – 1394) nannte. Die erste entscheidende Maßnahme dieses Gegenpapstes bestand darin, seine Residenz nach Avignon zurückzuverlegen. Kaiser Karl IV. stellte sich ohne Zögern auf die Seite Urbans VI. Die Konsequenzen dieser Entscheidung musste dann allerdings erst sein Nachfolger, König Wenzel (1378-1400), tragen.

Die Wittelsbacher hatten sich bereits 1374 mit dem Luxemburger Kaiser ausgesöhnt. Im Auftrag König Wenzels ging Herzog Stephan dann 1380 nach Oberitalien und Rom um mit Urban VI. über die Kaiserkrönung zu verhandeln.

(Fortsetzung folgt!)

Der “Campanile” der Stiftskirche von Rohr

Samstag, 16. Oktober 2010

Wer bewundert sie nicht – die italienischen Kirchturme? Der “Campanile”, von ital. campana “Glocke”, steht im Gegensatz zu den Kirchtürmen nördlich der Alpen frei. Bedeutende Beispiele sind der “Schiefe Turm” zu Pisa, der Campanile am Dom in Florenz von Giotto (1266-1337) oder der Turm der Markuskirche in Venedig.

Campanile der Markuskirche in Venedig

Campanile der Markuskirche in Venedig

In Bayern waren Kirchtürme dieser Art eine Seltenheit. Lediglich auf der Fraueninsel im Chiemsee hat sich ein Campanile erhalten. Auch in Rohr i. NB hat nach der Gründung des Augustinerchorherrenstifts im Jahre 1133 offensichtlich ein freistehender Turm zum Gottesdienst gerufen. Jedenfalls lassen die bildlichen Quellen einen solchen Schluß zu. Die älteste erhaltene Darstellung des Rohrer Kirchturms ist auf dem Grabmal des Stifters, des edlen Adalbert von Rohr, zu sehen. Es stammt aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und zeigt eine romanische Basilika.(1) Der frei stehende Turm wirkt schlank und hoch. Er zeiht allerdings bereits die stark horizontale Gliederung der einzelnen Geschosse und jeweils ein Fenster nach den vier Himmelsrichtungen in jeder Etage von der zweiten aufwärts. Das oberste Geschoß zeigt je zwei Rundbogenfenster auf jeder Seite und führt durch Spitzgiebel in ein hohes Spitzdach über.

Adalbert von Rohr

Grabmal des Stifters des Augustinerchorherrenstifts Rohr, des Edlen Adalbert von Rohr (Kupferstich in Dalhammers "Canonia Rohrensis" 1784)

Im Jahre 1443 wurde der Turm neu gedeckt.(2) Die um die Mitte des 15. Jahrhunderts erreichte Gestalt des Turms dürfte in den folgenden 150 Jahren ihre Form wohl kaum verändert haben.

Im Jahre 1632 wurde das Augustinerchorherrenstift ein Opfer des Dreißigjährigen Krieges.(3) Die Klostergebäude gingen in Flammen auf, die Kirche indes blieb verschont. Nach den Schweden steckten am 21. Mai 1648, also in den letzten Kriegsmonaten, kaiserlich-katholische  Truppen das Kloster abermals in Brand. Erst gegen Ende des Jahrhunderts hatte sich das Stift soweit erholt, daß mit dem Bau notwendiger Wirtschaftsgebäude begonnen werden konnte. 1696 ließ Propst Patritius II. Freiherr von Heydon (1682-1730) das Obergeschoß des Turmes in barocker Form neu aufführen. Er erhielt die Form, wie sie im wesentlichen heute noch besteht. Damals saß auf dem eigenartigen Helm, der dem Turm bekrönt, noch ein kleines Türmchen. Dem Stich Michael Wenigs zufolge war noch vor dem Jahre 1701 dan die Westfassande eine barocke Vorhalle gebaut worden.(4)

(1) Näheres zum Folgenden bei Zeschick, Johannes: Zur Baugeschichte der ersten Stiftskirche, in: Bayerns Assunta. Marienkirche und Kloster in Rohr, hg. v. der Abtei der Benediktiner zu Rohr in Niederbayern, Landshut 2. Aufl. 1973, 33-42, hier 34.

(2) Ebd. 38.

(3) Zum Folgenden ebd. 40.

(4) Ebd. 39f.

(Fortsetzung folgt!)

Petrus Pustet – der letzte Propst des Augustinerchorherrenstifts Rohr

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Was mag ein Mann wohl empfinden, wenn er erfährt, daß unter seiner Ägide eine Tradition von 670 Jahren schlagartig zu Ende geht, und er, der die Verantwortung trägt, ohnmächtig zusehen muß, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Diese Frage kann im Hinblick auf jeden Ordensoberen gestellt werden, der im Jahre 1803 einem bayerischen Kloster oder Stift vorstand. Die folgenden Zeilen sind einem dieser Klostervorsteher gewidmet, nämlich Petrus Pustet, dem letzten Propst des Augustinerchorherrenstift Rohr. Abgesehen von lokalpatriotischen Gründen ist diese Arbeit durch den weiteren Lebensweg des Herrn Peter motiviert. Der Ex-Konventuale wurde nämlich 1824 von König Maximilian I. Joseph zum Bischof von Eichstätt ernannt. Damit steht er in einer Reihe mit dem Regensburger Oberhirten

Propst Petrus Pustet (1801-1803)

Propst Petrus Pustet (1801-1803)

Johann Michael Sailer und dessen Schülern Ignaz Albert von Riegg, Johann Maria Manl und Franz Xaver Schwäbl.(1)

Petrus Pustet (Buchstett) wurde am 16. März 1764 zu Hemau in der Oberpfalz geboren und auf den Namen Johann Jakob Josef getauft.(2) Sein Vater Johann Georg war Lehrer und Chorregent. Die Mutter, eine geborenen Baklin, hieß Maria Anna. Wohl im Jahre 1784 trat Pustet in das Augustinerchorherrenstift Rohr ein. Am 4. November wurde er eingekleidet und am 7. November 1785 legte er die Profeß ab. Die Priesterweihe empfing er am 23. September 1787 in Regensburg.  Drei Jahre später promovierte er an der Universität Ingolstadt zum Magister und Doktor der Freien Künste und der Philosophie. Schon vor Beendigung seiner Studien wurde er  1789 zum Pfarrvikar der dem Stift inkorporierten Pfarrei Eschenhart bestellt. Nach der promotion wurde er jedoch sofort zum Professor der Höheren Grammatik an der Universität Ingolstadt berufen. Dort blieb er bis 1795. Ein Jahr später wurde er Pfarrvikar von Laaberberg. …

(1) Der einstige Pollinger Augustinerchorherr Riegg erhielt 1824 das Bistum Augsburg; der Benediktiner Manl wurde 1827 Bischof von Eichstätt; den Jesuitennovizen Sailer ernannte König Ludwig I. zum Bischof von Regensburg; und Schwäbl, der frühere Bartholomäer, wurde 1833 sein Nachfolger. Vgl. Albert, Marcel: Ordensleben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Kontinuität, Restauration und Neuanfänge, in: Gatz, Erwin (Hg.): Klöster und Ordensgemeinschaften (= Geschichte des kirchlichen Lebens in den deutschsprachigen Ländern seit dem Ende des 18. Jahrhunderts VII), Freiburg – Basel – Wien 2006, 149-204, hier 157.

(2) Zum Folgenden siehe Zeschick, Johannes: Die Rohrer Chorherren vom Jahre 1700 bis zur Aufhebung des Stiftes, in: Ders. (Hg.): Kloster in Rohr. Geschichte und Gegenwart, Landshut 1986, 75-123, hier 113.

(Fortsetzung folgt!)

Die BREZ’N

Freitag, 3. September 2010

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Wohl kaum ein anderes Brotgebäck ist aus dem Leben der Bayern weniger wegzudenken als die Brez’n. Sie ist fester Bestandteil der bayerischen Eßkultur. Sie ist unverzichtbar zum Leberkäs’ oder zu den Weißwürsten. Besonders gut schmeckt die ofenfrische Brez’n, wenn man sie mit Butter bestreicht. Sie ist so stark in der bayerischen Kultur verankert, daß sie nicht nur als Aushängeschild vieler Bäckereien dient, sondern sogar als Wappen des Landes-Innungsverbandes für das bayerische Bäckerhandwerk.

Wer aber glaubt, die Brez’n sei ein urbayerisches Produkt, der irrt gewaltig. Das Wort ist vom lateinischen “bracchium” (= Arm) abgeleitet, da die Form des Brotes an verschränkte Arme erinnert. Als sich aber die Römer aus dem später bayerischen Stammesgebiet im Laufe des 5. Jahrhunderts zurückgezogen haben, waren die Bajuwaren noch nicht da. Es stellen sich also gleichzeitig mehrere Fragen. Haben die Bajuwaren ein germanisches Brotgebäck mit einem Namen versehen, der sich aus dem Lateinischen herleitet? Oder haben sie ein römisches Brotgebäck auf ihren Speisezettel mitaufgenommen? Dann stellt sich aber die Frage nach der zeitlichen Kluft zwischen dem Abzug der Römer und der Landnahme durch die Bajuwaren. Zur Beantwortung all dieser Fragen, muß der Historiker einen Ausflug in die Theologie machen. Die Liturgiewissenschaftler haben nämlich herausgefunden, daß ursprünglich die Gläubigen in Rom ihr gewöhnliches häusliches – meist also gesäuertes – Brot als eucharistische Gabe mit in den Gottesdienst brachten, vornehmlich in schön gestalteten Formen wie der Ring-, Kranz- oder kreuzgekerbten Scheibenform. Zunehmende Ehrfurcht führte aber im Laufe der Jahrhunderte zur Verwendung von ungesäuertem Brot, das sich dünner, heller und vor allem bröselfreier backen läßt. Das ursprüngliche Kultbrot veränderte sich im Laufe der Zeit, bis es die charakteristische Form der heutigen Brez’n bekam. Zuerst wurde der Ring bzw. der Kranz nicht mehr rund geschlossen, sondern so übereinander gelegt, daß ein Ärmchen abstand und daß es aussah wie eine Sechs. Im 9. Jahrhundert ging man dann dazu über, beide Enden nach innen zu biegen. Und im 11. Jahhundert wurden die nach innen gebogenen Enden in sich verschlungen, wieder nach außen gebogen und durch die Klebekraft des Teiges am Kreisbogen fixiert bzw. aneinandergebacken.

Die bekannteste Variante ist wohl die Laugenbreze. Sie dürfte aber wohl erst im 19. Jahrhundert erfunden worden sein. Auf den ältesten Darstellungen, die Brenzen zeigen, ist das Gebäck weiß.

Pieter Bruegel der Ältere (1525/30-1569): Der Kampf zwischen Karneval und Fasten (1559; Ausschnitt)

Pieter Bruegel der Ältere (1525/30-1569): Der Kampf zwischen Karneval und Fasten (1559; Ausschnitt)

(Fortsetzung folgt)

“Habemus Papam”

Mittwoch, 14. Juli 2010
Benedikt XV.

Benedikt XV.

Einem kirchlichen Ritus entsprechend wird nach einer Papstwahl von der Außenloggia der Peterskirche in Rom mit dieser lateinischen Formel auch heute noch der neue Pontifex der Öffentlichkeit präsentiert. Die vollständige, seit dem 15. Jahrhundert schriftlich überlieferte Wendung lautet: “Annuntio vobis magnum gaudium, Papam habemus”, zu Deutsch: “ich verkünde euch eine große Freude, wir haben einen Papst.” Eine bekannte deutsche Boulevardzeitung warb einen Tag nach der Wahl Joseph Kardinal Ratzingers zum Nachfolger des verstorbenen Johannes Paul II. (1978-2005) mit der Schlagzeile “Wir sind Papst!” um die Gunst der laufenden Kundschaft. Können sich aber mit Bedacht auf 26 211 000 Lutheraner,   85 000 Baptisten und 64 000 Methodisten wirklich alle Deutschen über diese Wahl freuen? Hat nicht Martin Luther, der Reformator, der zwei Jahre vorher bei einem vom ZDF durchgeführten Ranking, das den Titel “Unsere Besten” trug, hinter Konrad Adenauer (1876-1967) und vor Karl Marx (1818-1883) den 2. Platz belegt, den Mann in den Schuhen des Fischers als “Antichristen” diffamiert? Er identifizierte ihn also als jene apokalyptische Persönlichkeit, die nach den Zeugnissen des Neuen Testaments und der christlichen Tradition gegen die Ordnung Gottes und die Botschaft Christi ausgerichtet ist. Was aber oft übersehen wird: Die Anschuldigung ist bei Luther an Voraussetzungen gebunden: Wenn der Papst das Evangelium nicht zulässt, wenn er den Menschen die Tür zum Himmelreich nicht aufschließt und wenn er nicht will, dass jemand selig werde. Und selbst als die Papstschelte des Reformators immer maßloser wurde, äußerte er noch, er wäre bereit, dem Bischof von Rom die Füße zu küssen und ihn auf Händen zu tragen, wenn er nur das Evangelium, d. h. die Lehre von der Glaubensgerechtigkeit zulassen würde. Und Philipp Melanchthon (1497-1560), das Alter Ego Luthers, wollte dem Papst gar “um des Friedens und der gemeinsamen Einigkeit willen … seine Superiorität über die Bischöfe, die er iure humano hat”, anerkennen.

Im späteren Protestantismus fielen derartige Differenzierungen völlig weg; nun schien es mehr und mehr, dass Luthers Anliegen in erster Linie eine “Los-von-Rom-Bewegung” gewesen sei. Und nach den Dogmen des Ersten Vatikanischen Konzils (1869/70) schien alle Hoffnung auf die Ökumene endgültig zu Ende zu sein. Der evangelische Theologe Karl Barth (1886-1968) sprach vom “Vatikanischen Frevel” und das Nein zum Papst erschien jetzt als der Grundpfeiler nahezu aller nichtrömischen Kirchen. Angesichts der zunehmenden Globalisierung merkte man allerdings recht bals, dass weder die konfessionellen Weltbünde noch der Ökumenische Rat eine Struktur der Einheit zu gewährleisten vermochten. So räumt der “Evangelische Erwachsenenkatechismus” von 1975 auch ein, dass “die nichtrömischen Kirchen bisher kein überzeugendes Modell vorgelebt [haben], wie die Einheit der Kirche sichtbare Gestalt gewinnen könnte”. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass die Stellung der anderen Konfessionen zum Papstttum weitgehend davon abhängen wird, ob es Rom gelingt, das Amt als einen Dienst an der Einheit darzustellen.

Nach dem Zusammentreffen zwischen dem Vorsitzenden des Rates der Evanglischen Kirche in Deutschland Eduard Lohse (1979-1985) und Papst Johannes Paul II. am 17. November 1980 in Mainz wurde angesichts der Dringlichkeit einer Verbesserung des ökumenischen Miteinander die “Gemeinsame Ökumenische Kommission” eingesetzt, von der nicht nur praktische, sondern auch prinzipiell-theologische Probleme diskutiert und womöglich gelöst werden. Insgesamt verabschiedete das Gesamtprojekt acht Einzeltexte, von denen sich das letzte Teildokument mit den gegenseitigen Verwerfungen des jeweiligen Amtsverständnisses beschäftigt. Was die Diffamierung des Papstes als “Antichristen” angeht, kam man überein, dass dieser Vorwurf schon unter den Bedingungen des 16. Jahrhunderts nicht gerechtfertigt war. Evangelischerseits wird die Verwendung des Begriffs und die daraus folgende Wirkungsgeschichte bedauert. Hinsichtlich der sachlichen Kontroverse über das Papstamt hat das Vaticanum II durch seine Aussage der Unterordnung des Lehramts unter das Wort Gottes in der dogmatischen Konstitution “Dei Verbum”, durch seine Kollegialität der Bischöfe und durch die Betonung der Ortskirchen, in denen und aus denen “die eine und einzige katholische Kirche [besteht] (Lumen Gentium 23), sowie durch die Erinnerung an die Patriarchate als “Stammütter des Glaubens” (Lumen Gentium 23) Gesichtspunkte entwickelt, die Möglichkeiten der Verständigung öffnen. Festgehalten wurde ferner, dass der Genfer Reformator Jean Calvin (1509-1564) nie bestritten hat, dass die Gemeinschaft der Bischöfe sich im Laufe der Geschichte stets an einigen durch ihren apostolischen Ursprung hervorgehobenen Gemeinden, unter denen die römische und ihr Bischof von alters her einen besonderen Vorrang hatte, orientierten. Schließlich kann auf ein Papsttum, dessen Amt dem Evangelium untergeordnet ist, das Urteil der Reformation keine Anwendung finden. Wenn sich nun nichtrömische Christen oder gar religiös Indifferente spontan mit dem neuen Pontifex identifizieren, liegt das aber sicher nicht an interkonfessionellen Erklärungen aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, sondern an der Lehre, die unverrrückbare Wahrheiten kennt, und das in einer Zeit, in der politische und wirtschaftliche Konzepte schneller wachsen als die Mode und sich diametral gegenüberstehen, obwohl es für sie jeweils einleuchtende Ansätze gibt. Will man erahnen, was die Zukunft mit Benedikt XVI. bringt, muss man zunächst in die Vergangenheit schauen. Wohl selten ist nach der Wahl eines neuen Papstes dessen Name mehr diskutiert worden. Benedikt von Nursia, der Mönchsvater und Patron Europas, wurde ins Spielgebracht oder Benedikt XIV. (1740-1758), weil er der Pontifex war, der as “Heilige Uffiz” aufgrund seiner Tätigkeit von innen kannte.

Der bayer auf dem Stuhl Petri selbst beruft sich aber auf Benedikt XV. …

(Fortsetzung folgt!)

Ökumene und Oktoberfest

Montag, 7. Juni 2010

Auf den ersten Blick scheint es reichlich konstruiert, zwischen dem Ökumenischen Kirchentag und dem Oktoberfest eine Verbindung herzustellen. Die Einheit des Ortes allein gibt keinen Anlass, eine Beziehung zwischen einer frischen Mass und der Annäherung der Konfessionen zu erkennen. Im Rahmen des zentralen Eröffnungsgottesdienstes, der auf der Theresienwiese stattfand, formulierte der Münchener Oberbürgermeister Christian Ude indes den Satz: „Als weltoffene Stadt des ökumenischen und interreligiösen Brückenbaus setzt München große Hoffnung in den Ökumenischen Kirchentag.“ Was veranlasste das Stadtoberhaupt dazu, einen solchen Satz zu formulieren? Dachte er dabei vielleicht an die Braut des Kronprinzen Ludwig, die der Festwiese ihren Namen gab? Sie war nämlich evangelisch und Mischehen waren 1810 – also genau 200 Jahre vor dem Ökumenischen Kirchentag – im katholischen Königreich Bayern etwas Seltenes.1

Doch wie kam der Kronprinz dazu, sich eine Prinzessin aus einem lutherischen Duodezfürstentum als Gemahlin zu erwählen? Die Parität, also die völlige Gleichberechtigung der Konfessionen, war in Bayern bereits durch das Toleranzreskript vom 26. August 1801 und das Toleranzedikt vom 10. Januar 1803 hergestellt worden.2 Dadurch wurden auch Mischehen offiziell zugelassen. Die bayerische Gesetzgebung auf diesem Gebiet hatte Vorbildcharakter für das Königreich Württemberg und das Großherzogtum Baden.3 Die mittleren und kleineren nord- und mitteldeutschen Staaten verzichteten auf vergleichbare gesetzliche Regelungen. In Staaten wie Braunschweig, Sachsen und den beiden mecklenburgischen Großherzogtümern hingegen wurde die Entwicklung der katholischen Kirche bis zum Ende des Kaiserreichs durch die staatskirchenhoheitliche Gesetzgebung massiv behindert.4 In Mecklenburg-Schwerin unterlagen sogar periodische Gottesdienste durch im Land zugelassene Priester der staatlichen Genehmigung.

Doch nun zum Kronprinzen: Ludwig hatte miterlebt, wie seine Schwestern Auguste5 und Charlotte6 unter dem Druck Napoleons mit Männern vermählt wurden, die sie sich nicht gewünscht hatten. Er fürchtete daher, ebenfalls zu einer politischen Heirat gezwungen zu werden.7 Sein Vater Maximilian I. Joseph hatte ihm zu wissen gemacht, dass „eine Prinzessin von Hildburghausen … lieb, freundlich und gütig“8 sei. Dass die Staatskasse des künftigen Schwiegervaters Herzog Friedrich (1787-1834) leer war, machte die geplante Verbindung politisch unbedenklich.9

Schließlich reiste der bayerische Kronprinz am 20. Dezember 1809 in die kleine sächsische Residenz an der Werra.10 Seine Eltern weilten währenddessen auf Einladung des kleinen Korsen in Paris. Ludwig musste befürchten, dass dort eine politische Vermählung angebahnt und Napoleon ihm die Braut wählen würde. Folglich wollte er vollendete Tatsachen schaffen. In Hildburghausen angekommen, hatte er die Wahl zwischen Therese und ihrer Schwester Luise. Ludwig erkor die zwei Jahre ältere Therese.11 Er teilte den Entschluss seinen Eltern mit. König Max gab seine Zustimmung: „Gott segne Deine Wahl … Die Ursache, daß ich so spät antworte, ist diese: In dem Publicum ging acht Tage lang die Rede, der Kaiser würde Deine zukünftige Frau heirathen. Stelle Dir meine Angst vor, auch wie er mir auf einem Ball bey Savari selbst davon anfing zu sprechen.“12

Die feierliche Verlobung wurde am 12. Februar 1810 in Hildburghausen gefeiert. Nach der Rückkehr brach am Münchener Hof Hektik aus, denn Ludwig hatte das Verlangen, möglichst bald zu heiraten. Doch König Max wollte die Niederkunft seiner Frau, Königin Caroline13, abwarten. Sie wiederum lehnte es ab, der Anlass für einen Hochzeitaufschub ihres Stiefsohns zu sein. Schließlich brachte sie am 21. Juli 1810 ihre Tochter Maximiliane zur Welt.14

Der Kronprinz war in seine Braut bis über beide Ohren verliebt. Am 28. Februar schrieb er ihr folgende Zeilen: „Glücklich werde ich sein mit Dir, liebe, liebe Therese, doch wie Trübe und Helle wechselt Freude und Trauer im Leben, Seligkeit gibt es auf Erden nicht, auch in der Ehe nicht, selbst in der glücklichsten, und oh, wie weit bin ich entfernt von Vollkommenheit! Überspannte Erwartungen mindert sie mehr als die Wirklichkeit. Geliebte Therese, präge Dir tief dies ein, es ist Wahrheit, Deiner Zukunft Glück hängt davon ab …“15

Ende September kam für Therese der Abschied aus Hildburghausen.16 Die Hochzeit war auf den 12. Oktober 1810 festgelegt worden, den Namenstags des Königs. Die Trauung fand am Abend in der Hofkapelle der Residenz statt. Fünf Tage sollten die offiziellen Feierlichkeiten dauern. Damit bot sich eine Gelegenheit, das junge Königreich glänzend darzustellen, hatte die Stadt München doch seit 1722 keine Fürstenhochzeit mehr in ihren Mauern gesehen. Eines der Feste, welches das Königshaus mit seinem Volk feierte, war ein Pferderennen der Kavallerie der Nationalgarde. Als Austragungsort wählte man eine Wiese vor dem Sendlinger Tor, „seitwärts der Straße, die nach Italien führt“17. Der Ort wurde nach der frischgebackenen Kronprinzessin „Theresienwiese“ benannt. Ein Jahr später wiederholte man das Fest und verband damit die erste Landwirtschaftsausstellung. „Das größte Bierfest der Welt, das Münchener Oktoberfest war geboren.“18

Die „Wies’n“ verdankt ihre Entstehung also einer Mischehe, die zu einer Zeit geschlossen wurde, in der es noch zu „Tragödien [kam], wenn die Liebe an der Konfessionsverschiedenheit auflief“19. Mittlerweile spricht man von konfessionsverbindene[n] Paare[n]20. Thereses Treue zum lutherischen Bekenntnis war dem verliebten Kronprinzen zunächst ein Dorn im Auge.21 Ludwigs Erziehung war streng katholisch ausgerichtet. Er hatte sich vorgestellt, dass es ein Leichtes sei, seine Braut zur Konversion zu veranlassen. Sie kam diesem Wunsch allerdings nicht nach. Zahlreiche Tagebuchaufzeichnungen lassen erkennen, wie hartnäckig Ludwig auf einen Konfessionswechsel hinarbeitete und wie sehr es ihn ärgerte, dass Therese ihrer Religion treu blieb. Die Angst, von Napoleon verheiratet zu werden, ließ Ludwig schließlich nachgeben. Auch späteren Versuchen, doch noch einen Wechsel des Bekenntnisses zu bewirken, war kein Erfolg beschieden. Wichtigster Verbündeter der Kronprinzessin war König Max, der eine Beeinträchtigung des Verhältnisses zwischen den Konfessionen befürchtete. Der Ehevertrag hatte auch bestimmt, dass einige oder mehrere Personen in Thereses Hofstaat protestantischer Konfession sein können.22 Zwar hat die Kronprinzessin bei den gelegentlichen konfessionellen Spannungen im Land keine Rolle gespielt, doch für die Protestanten des Königreichs mochte es eine gewisse Beruhigung und Gewähr für das Vertrauen in die regierende Dynastie ausmachen, dass ihre Herrscher ihre Frauen aus lutherischen Häusern geholt hatten. Auch nachdem Therese 1821 durch die Gebete eines katholischen Geistlichen auf wundersame von einer lebensgefährlichen Krankheit geheilt worden war, hielt sie unbeirrbar an ihrem Glauben fest.23

Wenngleich sich bereits 1799 um die Kurfürstin Caroline eine evangelische Hofgemeinde gebildet hatte, erhielt erst 1801 der erste Protestant das Bürgerrecht in München.24 Die Lutheraner durften sich aber bis 1824 nicht als Kirche bezeichnen. Folglich war es nicht einfach in altbayerisch-katholischen Gebieten Gotteshäuser zu errichten. 1806 zählte die evangelische Gemeinde Münchens aber bereits 1200 Gläubige.25 Sie nahmen als Gäste an den Hofgottesdiensten teil. Durch nachdrückliche Bemühungen der Königin Caroline bewilligt König Max I. schließlich die Bildung einer eigenen Gemeinde. Der Errichtung einer evangelischen Kirche sollte jedoch erst unter seinem Nachfolger in Angriff genommen werden. Der knausrige Ludwig zögerte zunächst wegen der Kosten. Nach langem Hin und Her konnte am 25. August 1833 die erste protestantische Kirche Münchens eingeweiht werden, die nach dem Evangelisten Matthäus benannt wurde. Ludwig, der großherzige Förderer der Klöster, ließ aus seinen Privatmitteln dem Bau nichts zukommen. Seine Stiefmutter Caroline und ihre Schwiegertochter Therese hingegen stifteten große Summen für die Inneneinrichtung. Dies war eine unabdingbare Voraussetzung für die Ökumene; Brückenbau – um mit Christian Ude zu sprechen – ist nämlich nur dann möglich, wenn zwei Pfeiler vorhanden sind. Heute sieht der Münsteraner Fundamentaltheologe Johann Baptist Metz die Aufgabe der Ökumene weniger „im Miteinander und Zueinander im direkten Religionsvergleich, sondern in der Praxis gemeinsamer Weltverantwortung, im gemeinsamen Widerstand gegen die Ursachen ungerechten Leidens in der Welt, gegen Rassismus, gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen nationalistisch oder rein ethnisch imprägnierte Religiosität mit ihren Bürgerkriegsambitionen“26.

In den Wirren der Jahre 1847/48 und um die Affäre um Lola Montez erwies sich Therese als würdevolle und von selbstloser Liebe erfüllte Lebensgefährtin des Königs, der am 20. März 1848 zu Gunsten seines Sohnes Maximilian Joseph (1848-1864) zurücktrat.27 Ludwig I. bekannte seine gereifte Liebe zur Königin immer stärker. Nach seinem Tod wurde nicht nach oft geübtem Brauch der Wittelsbacher sein Herz, sondern der Ehering nach Altötting gebracht. Wie sagt doch der Apostel Paulus: „Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“ (1 Kor 13,13).

1 Es ist schwierig zu eruieren, wie groß der Anteil der Mischehen in Bayern zu Beginn des 19. Jahrhunderts war. Offensichtlich wurde die Konfessions-verschiedenheit lange Zeit als Ehehindernis angesehen. So waren von den 48521,2 Ehen, die zwischen 1901 und 1905 in Bayern durchschnittlich geschlossen wurden, nur 4639 konfessionell gemischt. Krose, Hermann Anton: Kirchliche Statistik Deutschlands, in: ders. (Hg.): Kirchliches Handbuch 1, Freiburg im Breisgau 1908, 63-210, hier 140.

2 Weis, Eberhard: Montgelas 2. Der Architekt des modernen bayerischen Staates 1799-1838, München 2005, 250.

3 Ders.: Die Begründung des modernen bayerischen Staates unter König Max I. (1799-1825), in: Schmid, Alois (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte IV/1, München 22003,3-126, hier 86.

4 Näheres bei Aschoff, Hans-Georg: Diaspora, in: Gatz, Erwin (Hg.): Geschichte des kirchlichen Lebens in den deutschsprachigen Ländern seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, Freiburg – Basel – Wien 1994, 39-212, hier 56-60.

5 Prinzessin Auguste Amalia Ludovika (1788-1851) wurde mit Eugène Beauharnais (1781-1824), dem Stiefsohn Napoleons, verheiratet. Nach der Zustimmung des Vaters zu dieser Verbindung wurde Bayern am 1. Januar 1806 zum Königreich erhoben. Trotz des politischen Charakters wurde die Ehe sehr glücklich; aus ihr gingen sieben Kinder hervor. Näheres bei Rall, Hans: Wittelsbacher Lebensbilder von Kaiser Ludwig bis zu Gegenwart, München o. J., 58-60.

6 Prinzessin Caroline Charlotte Auguste (1792-1873) wurde 1808 – nach evangelischem und katholischen Ritus – mit Kronprinz Wilhelm von Württemberg vermählt. Er ging seiner Gemahlin aber aus dem Weg und die Ehe wurde nie vollzogen. Nach dem Sturz Napoleons wurde die Verbindung annulliert. Papst Pius VII. (1800-1823) entband die Wittelsbacherin von ihrem Ehegelöbnis. Ihr Bruder Ludwig fädelte schließlich die Wiederverheiratung seiner Schwester mit Kaiser Franz I. von Österreich (1792-1895) ein. Kinderlos widmete sie sich karitativen Aufgaben. Näheres bei Hauser, Susanne Elisabeth: Caroline Auguste von Bayern, die vierte Gemahlin Kaiser Franz I. von Österreich, Diss. Salzburg 1988.

7 Zum Folgenden Schad, Martha: Bayerns Königinnen, Regensburg 1992, 96.

8 Ebd.; siehe auch Gollwitzer, Heinz: Ludwig I. von Bayern. Eine politische Biographie, München 1986, 146.

9 Gollwitzer 147. – Infolge übergroßen Aufwands musste 1769 die kaiserliche Zwangsschuldenverwaltung hingenommen werden. Köbler, Gerhard: Histo-risches Lexikon der deutschen Länder. Die deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 72007, 598.

10 Näheres zum Folgenden bei Schad 97.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Näheres zu Königin Caroline Friederike Wilhelmine (1776-1841) ebd. 15-91.

14 Ebd. 98.

15 Ebd. – Nach Gollwitzer 147 war Ludwig zwar kein „leidenschaftlich Verliebter, wohl aber … [ein] leidlich glücklicher Hochzeiter.“

16 Zum Folgenden Schad 99-101.

17 Ebd. 101.

18 Ebd.

19 Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866-1918 I, München 1990, 529.

20 Nagel, Eduard: Verschieden, einig unverbindlich. Eindrücke vom und Gedanken zum 2. Ökumenischen Kirchentag, in: Gottesdienst 11 (2010) 89-92, hier 92.

21 Schad 98; Gollwitzer 147.

22 Gollwitzer 318.

23 Näheres zur „Wunderheilung“ bei Schad 105f.

24 Zum Folgenden Baier, Helmut: Die evangelische Kirche, in: Schmid, Alois (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte IV/2, München 22007,331-355, hier 331-333.

25 Zum Folgenden Schad 54f. und 103.

26 Metz, Johann Baptist: Memoria passionis. Ein provozierendes Gedächtnis in pluralistischer Gesellschaft, Freiburg -Basel – Wien 32006,174.

27 Rall 135. – Näheres zu den Leidenschaften des Königs und Lola Montez (1821-1861) bei Schad 142-147; Gollwitzer, passim.

Der Kampf ums Schulkreuz 1941

Sonntag, 2. Mai 2010

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Am 23. April 1941 gab der Gauleiter Oberbayerns Adolf Wagner in seiner Eigenschaft als bayerischer Kultusminister einen Erlaß heraus, der sich inhaltlich in zwei Punkte untergliedern läßt. Zum einen ordnete Wagner an, daß das Schulgebet durch einen Spruch aus dem nationalsozialistischen Gedankengut oder einem Lied der HJ ersetzt werden soll, zum anderen, daß kirchlicher Bilderschmuck sowie Kruzifixe in der Schule am falschen Platz seien und entfernt werden müssen. Während das Verbot des Schulgebets in der allgemein vorhandenen Mißstimmung über die nationalsozialistische Kirchenpolitik aufging, kam es hinsichtlich der Entfernung der Schulkreuze zu spontanen Gegenmaßnahmen in weiten Kreisen der bayerischen Bevölkerung, so daß sich Wagner noch im selben Jahr genötigt sah, drei weitere Erlasse herauszugeben, von denen die letzten beiden den ersten abstoppten und schließlich sogar bedingt rückgängig machten. Wie sehr die Bevölkerung über die Entfernung der Schulkreuze aufgebracht war, zeigt ein Brief des Münchener Kardinals Michael von Faulhaber (1917-1952) an den bayerischen Episkopat vom 18. September 1941, in dem er schreibt:

“Offenbar hat seit der Beseitigung der Geisteskranken auf dem Wege der Euthanasie keine Maßnahme dem Volke so stark ans Herz gegriffen wie dieser Kampf gegen das Schulkreuz.”

Die nahezu einzigen Quellen für das Verhalten der bayerischen Bevölkerung im Kampf um das Schulkreuz bilden die Berichte der Regierungspräsidenten der Bezirke Bayerns. Bereits in der ersten Hälfte des des 19. Jahrhunderts waren die Präsidenten dazu angehalten worden, über die allgemeine politische Lage, die wirtschaftlichen Verhältnisse und über etwaige besondere Vorkommnisse dem Ministerium des Innern eingehende Berichte zuzustellen. Abdrucke dieser sogenannten Monatsberichte erhielten der bayerische Ministerpräsident, die Staatskanzlei, die bayerischen Minister, die übrigen Regierungspräsidenten, der Reichsstatthalter seit der Gleichschaltung im März 1933, das neu errichtete Reichskirchenministerium die kirchenpolitischen Abschnitte seit August 1935 und die Gestapoleitstelle in München seit Januar 1938. Diese Berichte stützen sich ihrerseits auf entsprechende Monats- und Sonderberichte der Landratsämter und der kreisfreien Städte, die wiederum ihre Informationen aus Berichten aus den Gemeinden und Gendarmeriestationen bezogen; die Polizei erhielt ihre Meldungen von örtlichen NSDAP-Funktionären und von Spitzeln.

Die Verfasser der Regierungspräsidentenberichte waren aber nicht die Präsidenten selbst, sondern die Stellvertreter der Regierungs- bzw. Oberregierungspräsidenten. Obwohl die Personalien und der berufliche Werdegang einiger Referenten bekannt ist, kann heute nicht mehr festgestellt werden, inwieweit sich die Einstellung der Verfasser zum Nationalsozialismus auf die Formulierung der Berichte auswirkte. Der Wert dieser Monatsberichte liegt aber auch weniger auf den Urteilen der Referenten als auf der lückenlosen Aneinanderreihung konkreter Fakten. Die große Zahl von Einzelnachweisen belegt “die fortlaufende Existenz einer religiös fundierten Volksopposition” (Helmut Witetschek). Ferner liegt mit diesen Berichten eine Quelle über eine Gesellschaftsschicht – Pfarrer und Kirchenvolk, Ortsgruppenleiter und kleine Parteifunktionäre – vor, über die ansonsten kaum berichtet wird.

Eine zweite Quelle zum Kampf um das Schulkreuz stellen die Akten des Kardinals der Erzdiözese München und Freising Michael von Faulhaber (1917-1952) dar. Aus ihnen lassen sich die Maßnahmen des bayerischen Episkopats gegen die Entfernung des Schulkreuzes rekonstruieren. Unter diesen Akten befinden sich insgesamt 18 Schriftstücke, die sich mit der Schulkreuzproblematik befassen; si e wurden zwischen dem 9. Mai und dem 21. November 1941 verfaßt. 14 dieser 18 Dokumente sind Briefe, von denen acht aus der Feder Faulhabers stammen und sechs an den Erzbischof gerichtet sind. Die Empfänger dieser Schreiben sind je einmal die Bischöfe Michael Buchberger (1928-1961) und Michael Rackl (1935-1948), der Diözesanklerus und Adolf Wagner in seiner Eigenschaft als bayerischer Kultusminister. Vier Briefe waren an den bayerischen Episkopat adressiert. Die Briefe, die Faulhaber erhielt stammen von den Bischöfen Landersdorfer, Rackl, Hauck und Buchberger, wobei der Regensburger Bischof zwei Schreiben verfaßte, und vom Passauer Generalvikar Riemer. Die restlichen vier Dokumente bestehen aus einem Entwurf Faulhabers für ein Hirtenwort des bayerischen Episkopats, das Hirtenwort, das am 17. August 1941 verlesen wurde, ein Lagebericht des Ausschusses für Ordensangelegenheiten und ein Entwurf Faulhabers für ein gemeinsames Hirtenwort der katholischen Bischöfe Deutschlands.

Der erste bekannte Fall einer Schulkreuzentfernung im Deutschen Reich ereignete sich bereits im Jahre 1936 im Bistum Regensburg, und zwar in Konnersreuth. Dorthin wurde im Sommer 1936 ein Lehrer versetzt, der bald nach seinem Amtsantritt das Schulkreuz hinter die Tafel stellte, von wo aus es die Putzfrau an seinen ursprünglichen Ort wieder zurückbrachte. Im Oktober entfernte der Lehrer der Lehrer das Kreuz abermals, nahm es mit nach Hause und ersetzte es durch ein kleineres. Dies geschah ohne jegliches Vorbild und ohne irgendeine Weisung einer Behörde oder der Partei. Als Tun für sein Tun gab der  Lehrer an, daß ihn das Kreuz bei der Arbeit störe, genauso wie das Feldkreuz in der Nähe seiner Wohnung. Offensichtlich war dieser Lehrer so sehr von der NS-Ideologie durchdrungen, daß er glaubteeinen Satz von G. Sebecker in die Tat umsetzen zu müssen: ” Wem das Hakenkreuz ins Herz gebrannt, der haßt all’ anderen Kreuze.” Als auch der Bürgermeister nichts unternahm, griffen die Konnersreuther am 28. Februar 1937 zur Selbsthilfe, indem sich ca. 70 Personen vor der Wohnung des Lehrers versammelten und die Herausgabe des Kreuzes verlangten, um es in einer Prozession in die Schule zurückzubringen. Ob und inwieweit das unerschrockene Verhalten der Bevölkerung des Landes Oldenburg beim dortigen Schulkreuzstreit die Konnersreuther Bürger zu diesem Schritt veranlaßt hat, bleibt dahingestellt; jedenfalls löste diese Auseinandersetzung auch in Bayern lebhafte Unruhe aus. Erst als das Bezirksamt Gendarmerieverstärkung zusammenzog, zerstreuten sich die Leute wieder. Das Kreuz wurde dann auf Anordnung von Holzschuher unauffällig zurückgebracht.

Der Nationalsozialismus war keine in sich geschlossene Weltanschauung, sondern ein Konglomerat verschiedener Ideologie wie übersteigerter Nationalismus, Rassismus, Sozialdarwinismus und das “Führerprinzip”. Sie machten den Nationalsozialismus zu einer totalitären Weltanschauung, die   An- spruch auf die völlige Verfügbarkeit aller Menschen erhob. Um diesen Totalitarismus zu verwirklichen, schaltete Hitler nach und nach den Reichstag, die Lämder, die innerpartliche Opposition, die Parteien und die Gewerkschaften aus. Aus diesem Totalitätsanspruch heraus ist es logisch, daß er auch die Kirchen und ihre Institutionen nicht dulden würde, zumal die katholische Kirche vor der “Machtübernahme” dem Nationalsozialismus eine klare Absage erteilt hatte. Trotzdem versuchte Hitler nicht sofort, die Kirchen und ihre Institutionen zu vernichten, sondern sie als ein Instrument des Totalitarismus in den NS-Staat einzubauen, da er die beiden Kirchen völlig falsch einschätzte: “so wie sie [die Kirchen] Häckel und Darwin, Goethe und Stefan George zu Propheten ihres Christentums gemacht haben, so werden sie das Kreuz durch unser Hakenkreuz ersetzen”. So erklärte Hitler in seiner Reichstagsrede vom 23. März 1933: “Die nationale Regierung sieht in den beiden christlichen Konfessionen wichtigste Faktoren der Erhaltung unseres Volkstums. Sie wird die zwischen Ihnen und den Ländern abgeschlossenen Verträge respektieren: ihre Rechte sollen nicht angetastet werden.” Am 20. Juli 1933 kam es sogar zum Abschluß eines Reichskonkordats mit dem Hl. Stuhl. Trotzdem ließ sich die katholische Kirche nicht gleichschalten, was zum offenen Kirchenkampf führte. Es gelang der NSDAP jedoch nicht, die Kirche zu brechen. Da die antiklerikalen Methoden von Männern wie z. B. Julius Streicher (1885-1946) das Verhältnis zwischen Kirchenvolk und Klerus eher festigte, kamen andere NS-Größen zu der Überzeugung, daß man den Einfluß der Kirche dadurch zurückdrängen könne, indem man durch lokale administrative Maßnahmen Staat und Kirche trennt. Infolgedessen ordenete Martin Bormann (1900-1945) am 7. Januar 1936 alle Parteidienststellen an, von religiösen bzw. kirchlichen Fragen unbedingt Abstand zu nehmen. Auf dieser Grundlage kam es am 4. November 1936 im Land Oldenburg erstmals zur Entfernung der Schulkreuze infolge einer ministeriellen Verordnung.

Kaum war der Präzedenzfall geschaffen, fand die Aktion in weiten Teilen Bayerns Nachahmung. So meldet der Regierungspräsident Oberbayerns in seinem Monatsbericht vom 7. Februar 1937, daß sich auch hier ähnliche Fälle ereignet haben. In Niederbayern und in der Oberpfalz zogen sich die kirchenfeindlichen Maßnahmen bis 1939 hin. Zu einer besonders harten Auseinandersetzung kam es in der Pfalz. Dort hatte der Speyerer Bischof Ludwig Sebastian (1917-1943) am 26. Dezember 1936 ein Hirtenwort verlesen lassen, das sich mit den Vorgängen in Oldenburg befaßte. Am 25. Januar 1937 wurden schließlich auf Anordnung des Schullleiters in der Ortschaft Frankenholz das Bild des Führers anstatt des Kreuzes ins Blickfeld der Kinder gehängt. Die Kruzifixe wurden über der Eingangstür angebracht. Nachdem die Proteste der Eltern nichts gefruchtet hatten, entschlossen sie sich zu einem Schulstreik und man entsandte eine Delegation zur Schulabteilung des Reichskommissariats nach Saarbrücken. Jedoch gingen Partei und Gestapo gegen die am Streik Beteiligten vor, indem einige Personen in Schutzhaft genommen wurden und 14 Familienväter ihre Arbeit verloren. Dies geschah, obwohl die Behörden eine gütliche Regelung der Angelegenheit zugesagt hatten. Darauf ließ Sebastian am 14. und am 21. Februar zwei weitere Hirtenbriefe folgen, von denen letzterer die Anordnung eines Sühnegottesdienstes für die entlassenen Arbeiter beinhaltet hat.  Gauleiter Josef Bürckel (1895-1944) reagierte mit der Einführung der Gemeinschaftsschule und mit einer Diffamierungskampagne gegen Sebastian. Obwohl das Frankenholzer Schulkreuz nicht zurückgebracht wurde, ließ Bürckel keine weiteren Entfernungen mehr zu. Neben Sebastian brachte von den bayerischen Oberhirten nur noch der Bamberger Erzbischof Johann Jakob von Hauck (1861-1943) in seiner Silvesterpredigt die Oldenburger Vorgänge in die Öffentlichkeit.

Zum eigentlichen Kampf um das Schulkreuz kam es in Bayern erst 1941. Am 23. April erließ Kultusminister Wagner einen Erlaß; darin hieß es unter anderem: “Gleichzeitig weise ich darauf hin, daß kirchlicher Bilderschmuck, auch wenn er künstlerischen Wert besitzen sollte, sowie Kruzifixe in der Schule am falschen Platze sind; ich ersuche daher, Sorge dafür zu tragen, daß solcher Wandschmuck allmählich entfernt oder durch zeitgemäße Bilder ersetzt wird. Eine geeignete Gelegenheit hierzu ergibt sich beispielsweise bei Erneuerungsarbeiten in den Klaßzimmern und Anstaltsgebäuden oder im Zuge räumlicher Änderungen. Ich ersuche entsprechend zu verfahren.” Ab Juni 1941 beinhalten alle Monatsberichte der einzelnen Bezirksregierungen Berichte über die Reaktionen der bayerischen Bevölkerung, die überall ablehnend war. Obwohl Wagner ausdrücklich angeordent hatte, die Kreuze bei “geeigneter Gelegenheit” zu entfernen, gingen übereifrige Vollzugsbeamte mancherorts unmittelbar nach dem Erlaß daran, die Anweisung zu vollstrecken. Die Reaktionen der Bevölkerung waren dementsprechend. Die aufgebrachten Eltern beschwerten sich, wobei sie sich oftmals auf die Zusicherung anläßlich der Einführung der Gemeinschaftsschule im Jahre 1937  stützten, nämlich, daß die Kruzifixe nicht entfernt werden. In einigen Fällen hatten sie sogar Erfolg, und das Kreuz wurde zurückgebracht. Wenn Wagner erwartet hatte, daß die Reaktionen der Bevölkerung, die antiklerikale Maßnahmen mit sich brachten, auch in diesem Fall nachlassen würden, so hatte er sich geirrt: “Die Anordnung über die Abschaffung des Schulgebets und die Entfernung der Kruzifixe aus den Schulen beunruhigte die Bevölkerung auch weiterhin sehr stark und belastete die allgemeine Stimmung erheblich. In verschiedenen Fällen kam es zu Schulstreiks oder Drohungen mit solchen, wobei auch Ortsgruppenleiter und Ortsbauernführer ihren Unwillen über diese Maßnahme zum Ausdruck brachten. Man erinnerte an die während des Kampfes um die Gemeinschaftsschule gegebenen Versprechungen, daß die Kruzifixe in den Schulen bleiben würden, und hält die Maßnahme für eine Vorläuferin weiterer Anordnungen, namentlich der völligen Aufhebung  des Religionsunterrichts. Ein Landrat weist darauf hin, daß der Vollzug sich wohl wesentlich reibungsloser gestaltet hätte, wenn die Bevölkerung durch die Partei für diese Aktion vorbereitet worden wäre. Vielfach wird betont, daß diese Anordnungen die Bevölkerung in eine mißtrauische Einstellung zu Partei und Staat brächten und auch in einem Rückgang der Opferwilligkeit ihren Niederschlag fänden.”
Dem bayerischen Episkopat wurde der Erlaß nicht mitgeteilt. So wußten die Oberhirten anfangs Mai immer noch nicht, ob er nur für höhere Schulen oder für alle Schultypen Geltung haben sollte. In der Öffentlichkeit nahm der Bamberger Bischof Johann Jakob von Hauck (1912-1943) als erster Stellung. Am 8. Juni ließ er in einer Kanzelankündigung auf den Erlaß hinweisen und in allen Kirchen Bambergs Sühne-Andachten abhalten, die gut besucht waren. Am 26. Juli 1941 – ein Vierteljahr nach dem “Krizifixerlaß” – richtete schließlich Faulhaber im Namen der bayerischen Bischöfe ein Schreiben an Kultusminister Wagner. Der Münchener Erzbischof wies die regionale Nazi-Größe darauf hin, daß es das Volk erwarte, daß die Oberhirten zu den fraglichen Vorgängen Stellung nehmen, daß es aber auch deren Gewissenspflicht sei, angesichts eines solchen Vorfalls bei den höchsten Schulbehörden vorstellig zu werden. Ferner sah Faulhaber einen Widerspruch darin, daß ein Staat, dessen Soldaten den “Feind des Kreuzes”, den Bolschewismus niederwerfen wollen, selbst die Kruzifixe entfernen läßt. Schließlich erinnerte er den Kultusminister daran, daß anläßlich der Einführung der Gemeinschaftsschule der Verbleib der Kreuze in den Schulen zugesichert wurde. Wagner selbst äußerte, daß jeder, der das Gegenteil behaupte, sich schwer gegen Gott und den Menschen versündige. Schließlich dachte Faulhaber daran, am Tag des hl. Laurentius (10. August) herauszugeben, da er befürchtete, daß der Kruzifixerlaß während der Schulferien durchgeführt werden soll. Er verschob den Termin aber wieder, da ihm der Kultusminister am 1. August mündlich ein bald zu erwartendes Antwortschreiben ankündigen ließ.

(Fortsetzung folgt!)

Karl Geisenfelder