Archiv für die Kategorie „Bayerische Geschichte“

“Kann man über die Bewertung des Jahres 1809 streiten?”

Montag, 21. Februar 2011

Diese Frage stellt Egon Johannes Greipl im 149. Band (2009) der “Verhandlungen des historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg”. Im Rahmen dieses Vortrags, der den Titel “Napoleon und Bayern” trägt, stellte der Historiker enthusiastisch fest: “Ich war begeistert, in welch großartiger Weise sich regionale Vereine und Kommunen an den Schauplätzen von 1809, besonders Eggmühl, Schierling, Abensberg und Alteglofsheim, Kelheim, Regensburg und Stadtamhof erinnernd ins Zeug gelegt haben.” Doch was bewog den österreichischen Erzherzog und den Franzosenkaiser nach Rohr zu ziehen? In dem niederbayerischen Marktflecken übernachteten die beiden Feldherrn, am 18. April 1809 Erzherzog Karl und am 20. April Kaiser Napoleon.

Napoleonshügel bei Gaden

Napoleonshügel bei Gaden

Doch was bewog den Habsburger, in Rohr Station zu machen? Seine Entscheidung, die österreichischen Truppen nach Rohr zu führen, ist der Anfang vom Ende der Träume Karls, in Süddeutschland einen nationalen Aufstand gegen den Kleinen Korsen zu entfachen.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Im Triangel dreier Römerstraßen – das “Dampflgütl”

Sonntag, 9. Januar 2011

Wie wenig die sogenannten Ochsenstraße mit einem kastrierten männlichen Rind zu tun hat, wird deutlich, wenn man man nicht die heutige Aussprache zum Maß aller Dinge macht, sondern das Wort einer diachronen Sprachbetrachtung unterzieht. So wird indogermanisch /au/ wie in “Augustus” im Altsächsischen zu /ō/; und das /g/ wird im Germanischen zum /k/. Überträgt man diesen Befund auf die “Ochsenstraße”, so wird schnell deutlich, daß es sich um eine “Augustenstraße”, also um eine kaiserliche Straße handelt. Sie lief von Eining über Langquaid, Schierling, Rogging und Sünching nach Straubing und kürzte das Donauknie ab. Mit dieser Trasse ist gleichsam die nördliche Grenze des gedachten Dreiecks gezogen.
Die Straße von Regensburg nach Mainburg führt über Dünzling nach Hellring. Den Ort im Osten umgehend läuft die Trasse weiter nach Langquaid und dann in gerader Richtung durch den Sinsbucher Forst. Nachdem die Sraße den Wald verlassen hat, heißt sie bis Rohr “Hochstraß”.

(Fortsetzung folgt!)

Herzog Stephan III. der Kneißel, Italien und das Angelusläuten.

Samstag, 18. Dezember 2010

Kirchliche Bräuche werden oft als uralt angesehen. Man glaubt, sie bis in die Zeit der Apostel zurückführen zu können, und sah bis zur Säkularisierung der Gesellschaft in ihnen gleichsam Gebote, die wie Gesetze befolgt werden müssen. Noch zwischen den beiden Weltkriegen gingen ganze Familien beim Angelusläuten auf die Knie und beteten vor dem Herrgottswinkel gemeinsam den “Engel des Herrn”.

Jean François Millet: Angelus

Jean François Millet: Angelus

Und doch handelt es sich hier nicht um die Beachtung eines kirchlichen Gebots, sondern um die Reaktion auf ein Privileg, das Papst Bonifaz IX. (1389-1404) im Jahre 1391 Stephan III. dem Kneissel, dem Herzog von Bayern-Ingolstadt, verliehen hatte. Es geht also nicht um das Beten müssen, sondern um das Beten dürfen.

Der “Engel des Herrn” geht auf Franz von Assisi (1181/82-1226) zurück. Der Ordensgründer, der im Jahre 1219 eine Missionsreise nach Palästina unternommen hatte, war vom Gebetsruf des Muezzin so sehr beeindruckt, daß er nach seiner Rückkehr diesen Brauch, wenn auch in abgewandelter Form, auch in Italien eingeführt wissen wollte. So schrieb er an die Kustoden seines Ordens: “Und sein Lob sollt ihr allen Leuten so künden und predigen, daß zu jeder Stunde und wenn die Glocken läuten, dem allmächtigen Gott vom gesamten Volk auf der ganzen Erde immer Lobpreis und Dank dargebracht werde.”

Der eigentliche Initiator des “Angelus” war Bruder Benedikt Sinigardi aus Arezzo, der sich im Jahre 1211 den Franziskanern angeschlossen hatte. Als er 1241 in seine Vaterstadt zurückkehrte, führte er bei seinen Mitbrüdern folgende Marienantiphon ein: “Angelus Domini locutus est Mariae.” Dabei ordnete er an, dies am Abend zu beten und mit der Klosterglocke gleichsam ein Zeichen zu geben. Das Beispiel von Arezzo machte Schule; Der hl. Bonaventura, der 8. Generalminister der Franziskaner riet nämlich auf dem Generalkapitel zu Pisa im Jahre 1263 seinen Mitbrüdern: ” Die Brüder sollen die Gläubigen anleiten, am Abend, wenn es in den Klöstern zur Komplet läutet, Maria dreimal zu grüßen. Sie sollen es mit den gleichen Worten tun, mit denen der Engel Gabriel Maria gegrüßt hatte, also mit dem Ave Maria.” Hinter dieser frommen Gebetsempfehlung stand im Mittelalter die Vorstellung, daß es Abend gewesen sei, als der Erzengel Maria die Botschaft brachte. In Rom wird das Gebet erstmals 1327 bezeugt, zu einer Zeit als der Papst nicht am Tiber, sondern in Avignon residierte.

Daß ausgerechnet Stephan III. der Kneissel, was so viel wie der “Prächtige” heißt, das Privileg des Angelus-Läuten erwirkte, ist sicher kein Zufall. Der Ingolstädter Herzog war Halbitaliener. Seine Mutter Elisabeth (1309[?]-1349) war die Tochter des Königs Friedrich III. (1296-1337) von Sizilien aus dem Hause Aragón. Es darf also angenommen werden, daß  Stephan der italienischen Sprache mächtig war. 1364 heiratete er Thaddäa, die Tochter des Mailänder Signore Bernabò Visconti (1354-1385). Dies war eine von vier Ehen zwischen den Wittelsbachern und den Visconti.

Stephan III. (1375-1413)

Stephan III. (1375-1413)

Poltisch motivierte Bündnisse mit dem Mailänder Adelsgeschlecht waren für die bayerischen Herzöge nichts Neues. Die Visconti waren das ganze 14. Jahrhundert hindurch an deutschen Verbündten interessiert, um ihre expansive Politik in Italien abzusichern. Südliches Ziel dieses Strebens war zunächst Bologna, aber auch Mittelitalien. Damit war der Machtbereich des Papstes tangiert; der residierte aber seit 1309 in Avignon. Wie gefährlich Papst Johannes XXII. (1316-1334) die Visconti einschätzte, zeigt sein Kampf gegen Kaiser Ludwig den Bayern (1314-1347), den er 1323 vor ein päpstliches Gericht laden wollte. In der Zitation beschuldigte er ihn unter anderem, mit Galeazzo Visconti (1322-1328) und seinen Brüder Feinde der Kirche unterstützt zu haben. Der hatte nämlich 1324 mit Unterstützung des Kaisers in Vaprio an der Adda der päpstlichen Armee eine vernichtende Niederlage beigebracht. Als 1342 Herzog Ludwig V. (1347-1361) Margarete Maultasch, die Erbin Tirols, heiratete, entstand zwischen Bayern und Mailand eine gemeinsame Grenze. Nach dem Tod des Wittelsbachers im Jahre 1361 erbte sein Sohn Meinhard Oberbayern und Tirol, doch der starb schon zwei Jahre später. Nach den Teilungsverträgen wären alle anderen bayerischen Teilherzöge erbberechtigt gewesen. Trotzdem übergab Margarete, die Witwe Ludwigs, die Grafschaft Tirol ihrem habsburgischen Vetter Herzog Rudolf IV. von Österreich (1358-1365). Da Kaiser Karl IV. (1347-1378) zustimmte, wurde der Übergang Tirols an Habsburg im Vertrag von Schärding am 29. September 1369 besiegelt und war damit endgültig.

Der Verlust der Grafschaft wurde allerdings nicht so leicht weggesteckt, und so wurde die Bündnispolitik der folgenden Jahre stets auf die Rückgewinnung Tirols ausgerichtet. In diesem Sinne verlobte Herzog Stephan II. (1347-1375) seinen Sohn Johann mit Katharina, der jüngsten Tochter des Grafen Meinhard VII. von Görz (1338-1385), der ebenfalls Ansprüche auf Tirol erhob. Wichtiger für den Fortgang der geschichte ist aber seine Entzweiung mit Kaiser Karl IV., an dessen Italienzug im Jahre 1354 er noch teilgenommen hatte, sich aber dann mit ihm zerstritt, als zwei Jahre später mit der Goldenen Bulle Bayerns Rechte auf eine Kurstimme übergangen wurden.

Und auch die Visconti sollten sich alsbald mit dem Kaiser überwerfen. Bereits Innozenz VI. (1352-1362) begann die Rückkehr der Päpste von Avignon nach Rom vorzubereiten. Unter dem Kardinallegaten Gil Álvarez Carillo de Albornoz (um 1310-1367) wurde der Kirchenstaat unter Einsatz erheblicher finanzieller Mittel weitgehend befriedigt; Bologna kehrte 1360 in den Machtbereich des Papstes zurück. Innozenz’ Nachfolger Urban V. (1362-1370) sah die Visconti als seinen Hauptfeind in Italien, exkommunizierte 1363 Bernabò und rief gegen ihn und seine Verwandten, “den Räubern kirchlichen Besitzes”, sogar zum Kreuzzug auf. Im folgenden Jahr hob er den Bann jedoch wieder auf, das besetzte Land ging zurück in den Besitz des Papstes, wofür er allerdings 500000 Florin bezahlen mußte.

1364 erschienen jedoch Kaiser Karl IV., die Dichter Giovanni Boccaccio und Petrarca und die hl. Birgitta von Schweden in Avignon, und bedrängten Urban V. nach Rom zurückzukehren. Dies war die Stunde Herzog Stephans II. Nachdem der Kaiser die Visconti nämlich ihrer Lehen verlustig erklärt hatte, kam es zu einem poitischen Richtungswechsel Mailands: Äußeres Zeichen war die Verlobung zwischen Stephan dem Kneissel und Bernabòs Tochter Thaddäa sowie zwischen dessen Sohn Marco und Herzog Friedrichs Tochter Elisabeth. Tatsächlich traten Kaiser Karl, als er 1368 zu seinem Romzug aufbrach, in Norditalien an der Seite der Visconti und der Scaliger auch die bayerischen Herzöhe entgegen. Da das Richsoberhaupt gegen diesen Bund wenig ausrichten konnte, willigte er in einen Frieden, in dem er sich von seinen papsttreuen Bundesgenossen, den Herren von Padua, Ferrara und Mantua, löste. Während Karl mit kleinem Heer nach Rom weiterzog, fielen die Bayern noch einmal mit aller Gewalt ins Inntal ein und rückten über den Brenner bis zur Eisackenge vor Brixen, bis sie schließlich das Herannahen eines habsburgischen Entsatzheeres zur Umkehr bewegte.

Papst Urban V., der 1367 vorübergehend nach Rom zurückgekehrt war, hatte von dort aus erneut ein Bündnis gegen Mailand vorbereitet. Aber nicht nur die Visconti, auch andere italienische Staaten befürchteten eine Ausdehnung des Kirchenstaates. Als die militärischen Erfolge ausblieben, schloß Urban V. einen enttäuschenden Frieden und er residierte  ab  1370 wieder in Avignon. Im Januar 1377 kehrte Papst Gregor XI.  (1370-1377) nach Rom zurück. Sein Nachfolger, Urban VI. (1378 – 1389) begann verstärkt italienische Prälaten zu Kardinälen zu ernennen. Hierdurch sollte der übermächtige Einfluss Frankreichs auf die Kurie zurückgedrängt werden. Im Herbst 1378 wählte aber eine Gruppe unzufriedener französischer Kardinäle einen neuen Papst, welcher sich Clemens VII. (1378 – 1394) nannte. Die erste entscheidende Maßnahme dieses Gegenpapstes bestand darin, seine Residenz nach Avignon zurückzuverlegen. Kaiser Karl IV. stellte sich ohne Zögern auf die Seite Urbans VI. Die Konsequenzen dieser Entscheidung musste dann allerdings erst sein Nachfolger, König Wenzel (1378-1400), tragen.

Die Wittelsbacher hatten sich bereits 1374 mit dem Luxemburger Kaiser ausgesöhnt. Im Auftrag König Wenzels ging Herzog Stephan dann 1380 nach Oberitalien und Rom um mit Urban VI. über die Kaiserkrönung zu verhandeln.

(Fortsetzung folgt!)

Carl Gandorfer – der Wegbereiter des bayerischen Landwirtschaftsministeriums

Freitag, 19. November 2010

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Es klingt schier unglaublich – der Agrarstaat Bayern hat erst im Jahre 1919 ein Landwirtschaftsministerium erhalten. Die Landwirtschaft stellte nämlich bis weit ins 19. Jahrhundert den wichtigsten Wirtschaftsfaktor dar, in dem der größte Teil der Bevölkerung Brot und Arbeit fand.1 Trotzdem gab es in der bayerischen Staatsverwaltung keine Instanz, die sich speziell oder gar ausschließlich mit der Agrarverwaltung beschäftigte. Die von Staats wegen angestrebte Verbesserung der Wirtschaftsstrukturen war zunächst Aufgabe des 1810 gegründeten “Landwirtschaftlichen Vereins”, der mit seinem Zentralkommitee, dem “Bayerischen Landwirtschaftsrat”, und den Gebiets- und Ortsvereinen in enger Verbindung zu den Behörden der inneren Verwaltung stand. Die temporäre Übertragung der Agrarzuständigkeit auf das Handelministerium – 1848-1871 – änderte daran nichts.

Bei der Auflösung des Handelsministeriums, das infolge der Reichsgründung im Jahre 1871 überflüssig geworden war, ging der Bereich “Landwirtschaft” wieder an das Staatsministerium des Innern zurück.² Schließlich blieb die Landwirtschaft bis zum Ende der Monarchie ein wichtiger Teil des Innenressorts, dessen Minister Max Freiherr von Freilitzsch (1881-1907), Friedrich von Brettreich (1907-1912 und 1916-1918) und Maximilian Graf von Soden-Fraunhofen (1912-1916) durch Herkunft und berufliche Tätigkeit exorbitante Fachkenntnisse wie auch starkes persönliches Interesse für diesen Zweig ihres Verwaltungsbereichs zeigten.³ Für die Königliche Regierung gab es also keine Veranlassung, ein selbständiges Landwirtschaftsministerium zu kreieren. So war es der Legislative vorbehalten,  die Errichtung des fraglichen Ressots zu fordern.

Politische Heimat der bayerischen Bauern war zunächst nahezu ausschließlich die “Patriotenpartei” bzw. das “Zentrum”. Erst als sie sich durch die Caprivischen Handelsverträge (1891-1893) regelrecht in ihrer Existenz bedroht sahen, gewann der Gedanke einer eigenen parlamentarischen Interessensvertretung an Boden. Es ist hier nicht der Ort, die Gründungsgeschichte des “Bayerischen Bauernbundes” nachzuzeichnen, doch soll erwähnt werden, daß sich unter den federführenden Politikern Johann Baptist Sigl (1839-1901) befand, der wie Carl Gandorfer aus der Großgemeinde Mallersdorf-Pfaffenberg stammte.4

Carl Gandorfer

Carl Gandorfer

Ohne die Gründung des Bayerischen Landwirtschaftsministerium aus den Augen verlieren zu wollen, sei es im Folgenden gestattet, kurz auf Sigl einzugehen, zumal der promovierte Jurist die “rote Revolution als die natürliche Erbin”5 des militaristischen Bismarck-Reiches vorausgesehen hatte und in deren Folge das Bayerische Landwirtschaftministerium letztlich gegründet wurde. Wohl nirgendwo wird der Geist, hinter der Art des Niederbayern aus Ascholtshausen Politik zu machen, deutlicher als in einem Redebeitrag zur Amnestierung der Haberfeldtreiber vor der Abgeordnetenkammer des Bayerischen Landtags am 29. November 1897: “Ich bin immer, wie ich es in meinem ganzen Leben gewesen bin, auf Seite derjenigen, welche des Mitleids, der Barmherzigkeit bedürfen, die unter etwas zu leiden haben, die Hilfe bedürfen. Wer meine Geschichte kennt und die Geschichte meines Blattes [Das Bayerische Vaterland], der wird sagen müssen, daß, wenn gar nichts geholfen hat, das ‘Vaterland’ und Dr. Sigl es gewesen sind, die sich um die Unterdrückten und Verfolgten angenommen haben, ohne Rücksicht auf seine Person oder seinen persönlichen Vorteil.”6

Die Wankelmütigkeit der Wählergunst  hatte den glänzenden Stilisten bereits 1893 bereits in den Reichs-, aber nicht in den Landtag berufen. Der Bauernbund konnte in Niederbayern 47,6% erzielen und vier Abgeordnete nach Berlin entsenden. Doch Sigl blieb skeptisch. Was konnten vier Bauernbündler unter 397 Reichstagsabgeordneten schon erreichen? Ihm war, als hätte ihm ein Schaf in den Magen “neig’lampelt”7 . Besonders lagen ihm die Holledauer Hopfenbauern am Herzen. Als er sich für einen Schutzzoll für das Grüne Gold stark machte, stieß er mit seinem Antrag bei den Abgeordneten auf wenig Gegenliebe.

Da ein “Canossagang” nicht gegen Sigls Prinzipien verstieß, beschloß er den Reichskanzler Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1894-1900) persönlich aufzusuchen. Nachdem zwei Interventionsversuche nichts gefruchtet hatten, verabschiedete sich der Vollblutparlamentarier eindeutig zweideutig mit den Worten: “Für die Not der Holledauer Hopfenbauern haben Euer Exzellenz nicht das geringste Verständnis, deshalb bitte ich Sie, mich …”8 In der langen Pause bekam der Reichskanzler einen hochroten Kopf, ehe das Schlitzohr aus Niederbayern fortfuhr: “… im besten Andenken zu behalten.”

Die Anekdote denunziert Sigl nicht als Polit-Clown; sie zeigt vielmehr, daß die Bauernbündler von Anfang an Individualisten – um nicht zu sagen Einzelkämpfer – waren, die ungewöhnliche Wege gehen mußten, um sich angesichts der Mehrheitsverhältnisse in Land- und Reichstag Gehör zu verschaffen. Daß sie dabei die Mentalität ihrer (nieder-)bayerischen Heimat nicht verleugnen konnten oder wollten, hebt sie aus der Masse der Parlamentarier des Königreichs Bayern hervor und bewahrt sie bis heute vor dem Dunkel der Geschichte. Zu nennen sind hier Dr. Georg Ratzinger, ein Großonkel von Papst Benedikt XVI., Georg Eisenberger, der Gründer des Bundes Oberländer Waldbauern, und nicht zuletzt eben Carl Gandorfer aus Pfaffenberg. Diese Männer haben hinreichend bewiesen, daß Bodenständigkeit nichts mit uniformierter Bierseligkeit zu tun hat.

Nachdem 1893 auf Anhieb 9 Abgeordnete des “Bauernbundes” in den bayerischen Landtag einezogen waren, stieg die Zahl der Mandatäre bei den folgenden Wahlen stetig an: 1899 waren es 13, 1905 15 BBB-Abgeordnete, welche die Belange der Bauern in der Zweiten Kammer dezidiert vertraten. 1907 indes war der Verlust von 2 und 1912 sogar von weiteren 5 Mandaten hinzunehmen. Doch nun zu Gandorfer: Der Pfaffenberger Ökonom ist 1913 durch eine Nachwahl in die Abgeordnetenkammer des Landtags gewählt worden, da der bisherige Mandatsträger, der Straubinger Stadtpfarrprediger Jakob Wagner, wegen seiner Bestellung zum Stadtpfarrer von Amberg auf oberhirtliches Geheiß gezwungen war, seinen Sitz im Landtag niederzulegen. Mit großer Vehemenz, mit ehrlichem Wollen und vor allem charakterlicher Selbständigkeit ging der neue Abgeordnete sofort ans Werk. So opponierte er am 31. November 1913 als einziger Bauernbündler gegen die Erhöhung der Zivilliste anläßlich der Krönung Ludwigs III. (1913-1918), dessen Leidenschaft auch nach der Thronbesteigung die Landwirtschaft blieb.

Doch nicht einmal ein Jahr sollte ins Land gehen, bis der Erste Weltkrieg ausbrach. Das blutige Ringen der europäischen Mächte traf die bayerische Landwirtschaft empfindlich. Erträge und Erlöse gingen beträchtlich zurück. So fiel z. B. der Hektarertrag beim Weizen von 16,3 auf 14dz. Noch schlimmer sah es beim Kartoffelanbau aus. Hier fiel der Ertrag während des Krieges von 115 auf 84,6dz. Die Blockade der Entente schnitt nämlich das Deutsche Reich und damit auch Bayern nahezu vollständig von allen Zufuhren ab, was natürlich auch die Landwirtschaft arg in Mitleidenschaft zog, die auf Einfuhren von Düngemitteln angewiesen war. Gleichzeitig  kam die inländische Kunstdüngerfabrikation mehr oder weniger zum Erliegen. Ferner wurden Pferde requiriert und zahlreiche landwirtschaftliche Arbeitskräfte zum Militär eingezogen.

Und der vergleichsweise große Viehbestand hatte zur Folge, daß das Königreich Bayern in der Zeit der Fleisch-Zwangswirtschaft ab Juni 1916 deutlich mehr Schlachtvieh ex- als importierte. Der Ausfuhrüberschuß betrug bis Oktober 1920 allein 41459 Stück Großvieh, 51200 Schafe und Ziegen, dazu kamen über 200000 Stück Geflügel und in etwa 168000dz rohes und verarbeitetes Fleisch. Folglich bezog Gandorfer im Februar 1917 im Rahmen der sogenannten Ernährungsdebatte scharf Stellung gegen den Norden: “Unsere Lebensmittel aber gelangen, wenn sie nicht auf rechtmäßige Weise hinaufkommen, durch Schwindel hinauf, und wir herunten dürfen hungern. Ich stehe ja selbst auf dem Standpunkt, es solle Gleichheit und Einigkeit herrschen; aber die da droben sagen ganz anders, sie sagen, wir greifen zu, wo wir zugreifen können. Ich denke, wir sollen uns einmal sagen, wir müssen uns auf die Füße stellen und müssen den Rücken nach Norden kehren (Heiterkeit).” Eine prophetische Rede im Hinblick auf die Gründung des bayerischen Landwirtschaftsministeriums?

1 Zum Folgenden Volkert, Wilhelm: Die Staats- und Kommunalverwaltung, in: Schmid, Alois (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte IV/2, München 22007, 74-153, hier 117f. – Die “Verspätung” wird umso deutlicher, wenn man bedenkt, daß im Königreich Preußen bereits im Jahre 1848 ein Landwirtschaftsministerium geschaffen worden war.

2 Seidl, Alois/Fried Pankraz: Die Landwirtschaft, in: Schmid, Alois (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte IV/2, München 22007, 155-215, hier 163.

3 Volkert, Wilhelm: Handbuch der bayerischen Ämter, Gemeinden und Gerichte 1799-1980, München 1983, 262.

4 Näheres zur Gründung des “Bayerischen Bauernbundes” bei Albrecht; Dieter: Von der reichsgründung bis zum Ende des Ersten Weltkrieges (1871-1918), in: Schmid, Alois (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte IV/1, München 22003, 319 -438, hier 350f.; siehe auch Sigl, Rupert: Dr. Sigl. Ein Leben für das Bayrische Vaterland, Rosenheim o. J., 295-299.

5 Sigl 300 (wie Anm. 4).

6 Ebd.

7 Ebd. 298. – Sigl spricht fälschlicherweise von 200 Reichstagsabgeordneten. Zu den exakten Zahlen vgl. Hohorst, Gerd/Kocka, Jürgen/Ritter, Gerhard A. (Hgg.): Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch II (Statistische Arbeitsbuch zur neueren deutschen Geschichte), München ²1978, 174.

8 Sigl 301 (wie Anm. 4).

(Fortsetzung folgt!)

Die Schlacht von Bazeilles

Sonntag, 14. November 2010

Nachdem Frankreich am 19. Juli 1870 Preußen den Krieg erklärt hatte, stellte sich für das Königreich Bayern die Frage, ob das Schutz- und Trutzbündnis mit dem  Norddeutschen Bund nun zur Geltung kommen müsse. Die Meinung des Ministerium von der Notwendigkeit des Kriegseintritts wurde nicht von allen Mitgliedern der Abgeordnetenkammer geteilt, die am 18./19. Juli über die Bewilligung der Kriegskredite zu verhandeln hatten. Der damit befaßte Auschuß wollte die Gelder nämlich nur zur Aufrechterhaltung einer bewaffneten Neutralität  bewilligen. Die Entscheidung brachte schließlich der Umschwung einer Gruppe der Patriotenpartei. Der Antrag auf “bewaffnete Neutralität” wurde vom Plenum mit 89 gegen 58 abgelehnt, der Regierungsantrag mit 101 gegen 47 Stimmen angenommen. Die bisher überwiegend preußenkritische Erste Kammer genehmigte am 20. Juli in nationaler Aufwallung einstimmig die Kriegskredite. Damit war über Johann Stöckl aus Rohr gleichsam das Todesurteil gesprochen.

Am 20. Juli 1870 war der Aufmarsch der in drei Armeen gegliederten deutschen Truppen bereits in vollem Gange. Die Südarmee konzentrierte sich bei Landau und bestand aus dem beiden bayerischen Armeekorps, zwei preußischen Korps, je einer württembergischen und badischen Division und einer preußischen Kavalleriedivision. Die beiden bayerischen Korps unter dem Befehl der Generäle Ludwig von der Tann (1815-1881) und Jakob von Hartmann (1795-1873) waren anfangs August an den Siegen von Weißenburg und Wörth beteiligt, anschließend auch an der Schlacht von Sedan, wobei sie bei Bazeilles und Balan schwere Verluste erlitten. Der Kampf um Bazeilles war ein wichtiges Gefecht der Schlacht von Sedan, das am 1. September 1870 um 4 Uhr morgens begann, als Teile der 1. Bayerischen Division in das französische 2000-Seelen-Dorf Bazeilles südlich von Sedan einrückten.

Die bayerische Vorhut hatte am 31. August die Sprengung der Eisenbahnbrücke südlich von Bazeilles verhindert, war aber bei der Verfolgung der Franzosen im Ort selbst auf heftigen Widerstand gestoßen. Am Abend hatte sie sich unbehelligt auf den Brückenkopf nördlich der Maas zurückgezogen. In der folgenden Nacht hatte die französische Armee Bazeilles durch Infanterie und Marineinfanterie der „Blauen Division“ sichern lassen, die Befehl hatte, den Ort bis zum letzten Schuß zu verteidigen. Straßen und massive Häuser waren zur Verteidigung ausgebaut. Die bayerischen Einheiten erlitten in den Häuserkämpfen in kurzer Zeit hohe Verluste und mußten im Laufe des Vormittags immer weiter verstärkt werden, so daß schon um 9 Uhr die gesamte 1. Division und Teile der 2. Division in Bazeilles im Kampf standen. Auch auf der französischen Seite griffen Verstärkungen ein. Um 11 Uhr begannen sich die Franzosen nach wechselvollen Kämpfen zurückzuziehen oder zu ergeben. Diese Entscheidung fiel, als der nördlich zwischen Bazeilles und Sedan gelegene Ort Balan nicht länger gegen die Bayern und Preußen, die von Osten her angriffen, gehalten werden konnte. An den Kämpfen in Bazeilles beteiligten sich auch bewaffnete Zivilisten aus dem Hinterhalt, was große Erbitterung bei den Bayern hervorrief. Sie erschossen viele von ihnen und zündeten Häuser an, aus denen sie beschossen wurden. 39 Einwohner von Bazeilles – Männer wie Frauen – fanden nach französischen Angaben den Tod, weitere 150 (10% der Einwohner) starben an Verletzungen in den Folgemonaten. Am Mittag stand der ganze Ort in Flammen. Die bayerische Armee beklagte den Verlust von 64 gefallenen Offizieren und etwa 1000 tote Soldaten. Unter den Opfern befand sich Johann Stöckl aus Rohr, einer von 130000 Bayern, die französichen Boden betreten hatten, und einer von mehr als 12000, die in ihre Heimat nie mehr zurückkehrten. Stöckl hatte in der 12. Kompanie des 2. Infanterieregiments Kronprinz gedient und war im Alter von 27 Jahren in Bazeilles von fünf Kugeln getroffen worden. Dies läßt vermuten, daß er in einen Hinterhalt von Zivilisten, die ihre Heimatstadt verteidigen wollten, geraten war.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Bayerische Truppen beim Häuserkampf

Bayerische Truppen beim Häuserkampf

Darf man den lokalen Überlieferungen Glauben schenken, haben 32 Rohrer an dem Feldzug teilgenommen. Sie wurden mit einem feierlichen Gottesdienst, den Pfarrer Wolfgang Geltinger (1866-1886) zelebrierte, verabschiedet.

Am 10. August 1870 hielt der Geistliche eine Predigt, die später unter dem Titel “Worte des Trostes und der Ermunterung” gedruckt wurde. Die Begeisterung, die infolge des Krieges hochschwappte, war Geltinger völlig fremd. Für ihn war das blutige Ringen keine Frage der nationalen Ehre, sondern eine Folge “Unsere[r] Sünden … unsere[r] himmelschreiende[n] Ungerechtigkeiten”. Dadurch wurde, so der Rohrer Pfarrer weiter, “die göttliche Rache herausgefordert und Gottes Gerechtigkeit gleichsam gezwungen, die Zuchtruthe über uns zu schwingen und uns mit schweren, ja – mit schrecklichen und furchtbaren Heimsuchungen zu strafen.” Trotzdem machte er seinen Pfarrkindern Hoffnung: “… wißet, daß nicht alle Kugeln treffen, und daß eure jungen Männer … von Gott dem Allmächtigen bewahrt, von Maria beschützt und von den heil. Engeln des Herrn euch wieder zugeführt werden.”Die Predigt endete schließlich mit dem Aufruf, sich von Haß, Feindschaft und Zwietracht zu bannen.

Was für ein Mann in einer Zeit, in der innerhalb von sechs Jahren drei Kriege geführt wurden, um Recht und Freiheit der Einheit zu opfern!

Johann Stöckl wurde schließlich in fremder Erde begraben. Am 11. November 1870 hielt Pfarrer Geltinger für den Gefallenen einen Trauergottesdienst. Die Predigt ist gedruckt und liegt im Staatsarchiv in Landshut. Sie ist zwar nicht so neutral wie die erste, doch auch sie läßt erkennen, daß er den Sieg der deutschen Waffen nicht auf Tapferkeit oder militärische Weitsicht zurückführte, sondern auf die religiöse Gleichgültigkeit des Feindes. Dabei beruft er sich auf einen französichen Bischof, der gesagt haben soll: “Niemand will beten und seine Zuflucht bei Gott nehmen, darum sind auch unsere Waffen nicht siegreich. Die Deutschen aber gehen in die Kirchen, zum Empfang der hl. Sakramente, und erfechten einen Sieg um den anderen.” Pfarrer Geltinger zog daraus den Schluß, daß das Strafgericht Gottes über die Franzosen hereingebrochen sei. Man findet aber kein Wort des Triumphes  in seiner Predigt. Auch jeglicher Siegestaumel ist ihm fremd. Auch die Deutschen müssen leiden. Seine Botschaft lautet: Betet und empfangt die Sakramente, dann bleibt uns dieser Irrsinn erspart! Stöckl, so der Pfarrer, “starb in blutiger Schlacht und furchtbarem Kampfgewühle”.

Heute erinnert an Johann Stöckl und vier weitere Feldzugsteilnehmer noch die Rohrer Mariensäule, die im September 1873 nach einem geradezu grotesk anmutenden Kompetenzgerangel endlich eingeweiht werden konnte. Kaspar Sedlmeier aus Sallingberg, der seit der Schlacht von Beaumont vermißt wurde, und Josef Marklstorfer aus Helchenbach, Josef Pritsch und Josef Lehner, die den “Kriegsstrapazen” erlegen sind. Die beiden letzten gehörten nicht zu den Linientruppen, sondern zu Landwehrbataillonen; einer der wenigen Hinweise, daß es in Rohr eine Landwehr gegeben hat.

“Im Krieg verlieren alle, auch die Sieger”, sagt ein spanisches Sprichwort. Davon zeugen auch die fünf Namen auf der Rohrer Mariensäule.

Der Sockel der Rohrer Mariensäule mit den Namen der Kriegsopfer

Der Sockel der Rohrer Mariensäule mit den Namen der Kriegsopfer

Der “Campanile” der Stiftskirche von Rohr

Samstag, 16. Oktober 2010

Wer bewundert sie nicht – die italienischen Kirchturme? Der “Campanile”, von ital. campana “Glocke”, steht im Gegensatz zu den Kirchtürmen nördlich der Alpen frei. Bedeutende Beispiele sind der “Schiefe Turm” zu Pisa, der Campanile am Dom in Florenz von Giotto (1266-1337) oder der Turm der Markuskirche in Venedig.

Campanile der Markuskirche in Venedig

Campanile der Markuskirche in Venedig

In Bayern waren Kirchtürme dieser Art eine Seltenheit. Lediglich auf der Fraueninsel im Chiemsee hat sich ein Campanile erhalten. Auch in Rohr i. NB hat nach der Gründung des Augustinerchorherrenstifts im Jahre 1133 offensichtlich ein freistehender Turm zum Gottesdienst gerufen. Jedenfalls lassen die bildlichen Quellen einen solchen Schluß zu. Die älteste erhaltene Darstellung des Rohrer Kirchturms ist auf dem Grabmal des Stifters, des edlen Adalbert von Rohr, zu sehen. Es stammt aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und zeigt eine romanische Basilika.(1) Der frei stehende Turm wirkt schlank und hoch. Er zeiht allerdings bereits die stark horizontale Gliederung der einzelnen Geschosse und jeweils ein Fenster nach den vier Himmelsrichtungen in jeder Etage von der zweiten aufwärts. Das oberste Geschoß zeigt je zwei Rundbogenfenster auf jeder Seite und führt durch Spitzgiebel in ein hohes Spitzdach über.

Adalbert von Rohr

Grabmal des Stifters des Augustinerchorherrenstifts Rohr, des Edlen Adalbert von Rohr (Kupferstich in Dalhammers "Canonia Rohrensis" 1784)

Im Jahre 1443 wurde der Turm neu gedeckt.(2) Die um die Mitte des 15. Jahrhunderts erreichte Gestalt des Turms dürfte in den folgenden 150 Jahren ihre Form wohl kaum verändert haben.

Im Jahre 1632 wurde das Augustinerchorherrenstift ein Opfer des Dreißigjährigen Krieges.(3) Die Klostergebäude gingen in Flammen auf, die Kirche indes blieb verschont. Nach den Schweden steckten am 21. Mai 1648, also in den letzten Kriegsmonaten, kaiserlich-katholische  Truppen das Kloster abermals in Brand. Erst gegen Ende des Jahrhunderts hatte sich das Stift soweit erholt, daß mit dem Bau notwendiger Wirtschaftsgebäude begonnen werden konnte. 1696 ließ Propst Patritius II. Freiherr von Heydon (1682-1730) das Obergeschoß des Turmes in barocker Form neu aufführen. Er erhielt die Form, wie sie im wesentlichen heute noch besteht. Damals saß auf dem eigenartigen Helm, der dem Turm bekrönt, noch ein kleines Türmchen. Dem Stich Michael Wenigs zufolge war noch vor dem Jahre 1701 dan die Westfassande eine barocke Vorhalle gebaut worden.(4)

(1) Näheres zum Folgenden bei Zeschick, Johannes: Zur Baugeschichte der ersten Stiftskirche, in: Bayerns Assunta. Marienkirche und Kloster in Rohr, hg. v. der Abtei der Benediktiner zu Rohr in Niederbayern, Landshut 2. Aufl. 1973, 33-42, hier 34.

(2) Ebd. 38.

(3) Zum Folgenden ebd. 40.

(4) Ebd. 39f.

(Fortsetzung folgt!)

Petrus Pustet – der letzte Propst des Augustinerchorherrenstifts Rohr

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Was mag ein Mann wohl empfinden, wenn er erfährt, daß unter seiner Ägide eine Tradition von 670 Jahren schlagartig zu Ende geht, und er, der die Verantwortung trägt, ohnmächtig zusehen muß, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Diese Frage kann im Hinblick auf jeden Ordensoberen gestellt werden, der im Jahre 1803 einem bayerischen Kloster oder Stift vorstand. Die folgenden Zeilen sind einem dieser Klostervorsteher gewidmet, nämlich Petrus Pustet, dem letzten Propst des Augustinerchorherrenstift Rohr. Abgesehen von lokalpatriotischen Gründen ist diese Arbeit durch den weiteren Lebensweg des Herrn Peter motiviert. Der Ex-Konventuale wurde nämlich 1824 von König Maximilian I. Joseph zum Bischof von Eichstätt ernannt. Damit steht er in einer Reihe mit dem Regensburger Oberhirten

Propst Petrus Pustet (1801-1803)

Propst Petrus Pustet (1801-1803)

Johann Michael Sailer und dessen Schülern Ignaz Albert von Riegg, Johann Maria Manl und Franz Xaver Schwäbl.(1)

Petrus Pustet (Buchstett) wurde am 16. März 1764 zu Hemau in der Oberpfalz geboren und auf den Namen Johann Jakob Josef getauft.(2) Sein Vater Johann Georg war Lehrer und Chorregent. Die Mutter, eine geborenen Baklin, hieß Maria Anna. Wohl im Jahre 1784 trat Pustet in das Augustinerchorherrenstift Rohr ein. Am 4. November wurde er eingekleidet und am 7. November 1785 legte er die Profeß ab. Die Priesterweihe empfing er am 23. September 1787 in Regensburg.  Drei Jahre später promovierte er an der Universität Ingolstadt zum Magister und Doktor der Freien Künste und der Philosophie. Schon vor Beendigung seiner Studien wurde er  1789 zum Pfarrvikar der dem Stift inkorporierten Pfarrei Eschenhart bestellt. Nach der promotion wurde er jedoch sofort zum Professor der Höheren Grammatik an der Universität Ingolstadt berufen. Dort blieb er bis 1795. Ein Jahr später wurde er Pfarrvikar von Laaberberg. …

(1) Der einstige Pollinger Augustinerchorherr Riegg erhielt 1824 das Bistum Augsburg; der Benediktiner Manl wurde 1827 Bischof von Eichstätt; den Jesuitennovizen Sailer ernannte König Ludwig I. zum Bischof von Regensburg; und Schwäbl, der frühere Bartholomäer, wurde 1833 sein Nachfolger. Vgl. Albert, Marcel: Ordensleben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Kontinuität, Restauration und Neuanfänge, in: Gatz, Erwin (Hg.): Klöster und Ordensgemeinschaften (= Geschichte des kirchlichen Lebens in den deutschsprachigen Ländern seit dem Ende des 18. Jahrhunderts VII), Freiburg – Basel – Wien 2006, 149-204, hier 157.

(2) Zum Folgenden siehe Zeschick, Johannes: Die Rohrer Chorherren vom Jahre 1700 bis zur Aufhebung des Stiftes, in: Ders. (Hg.): Kloster in Rohr. Geschichte und Gegenwart, Landshut 1986, 75-123, hier 113.

(Fortsetzung folgt!)

Die BREZ’N

Freitag, 3. September 2010

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Wohl kaum ein anderes Brotgebäck ist aus dem Leben der Bayern weniger wegzudenken als die Brez’n. Sie ist fester Bestandteil der bayerischen Eßkultur. Sie ist unverzichtbar zum Leberkäs’ oder zu den Weißwürsten. Besonders gut schmeckt die ofenfrische Brez’n, wenn man sie mit Butter bestreicht. Sie ist so stark in der bayerischen Kultur verankert, daß sie nicht nur als Aushängeschild vieler Bäckereien dient, sondern sogar als Wappen des Landes-Innungsverbandes für das bayerische Bäckerhandwerk.

Wer aber glaubt, die Brez’n sei ein urbayerisches Produkt, der irrt gewaltig. Das Wort ist vom lateinischen “bracchium” (= Arm) abgeleitet, da die Form des Brotes an verschränkte Arme erinnert. Als sich aber die Römer aus dem später bayerischen Stammesgebiet im Laufe des 5. Jahrhunderts zurückgezogen haben, waren die Bajuwaren noch nicht da. Es stellen sich also gleichzeitig mehrere Fragen. Haben die Bajuwaren ein germanisches Brotgebäck mit einem Namen versehen, der sich aus dem Lateinischen herleitet? Oder haben sie ein römisches Brotgebäck auf ihren Speisezettel mitaufgenommen? Dann stellt sich aber die Frage nach der zeitlichen Kluft zwischen dem Abzug der Römer und der Landnahme durch die Bajuwaren. Zur Beantwortung all dieser Fragen, muß der Historiker einen Ausflug in die Theologie machen. Die Liturgiewissenschaftler haben nämlich herausgefunden, daß ursprünglich die Gläubigen in Rom ihr gewöhnliches häusliches – meist also gesäuertes – Brot als eucharistische Gabe mit in den Gottesdienst brachten, vornehmlich in schön gestalteten Formen wie der Ring-, Kranz- oder kreuzgekerbten Scheibenform. Zunehmende Ehrfurcht führte aber im Laufe der Jahrhunderte zur Verwendung von ungesäuertem Brot, das sich dünner, heller und vor allem bröselfreier backen läßt. Das ursprüngliche Kultbrot veränderte sich im Laufe der Zeit, bis es die charakteristische Form der heutigen Brez’n bekam. Zuerst wurde der Ring bzw. der Kranz nicht mehr rund geschlossen, sondern so übereinander gelegt, daß ein Ärmchen abstand und daß es aussah wie eine Sechs. Im 9. Jahrhundert ging man dann dazu über, beide Enden nach innen zu biegen. Und im 11. Jahhundert wurden die nach innen gebogenen Enden in sich verschlungen, wieder nach außen gebogen und durch die Klebekraft des Teiges am Kreisbogen fixiert bzw. aneinandergebacken.

Die bekannteste Variante ist wohl die Laugenbreze. Sie dürfte aber wohl erst im 19. Jahrhundert erfunden worden sein. Auf den ältesten Darstellungen, die Brenzen zeigen, ist das Gebäck weiß.

Pieter Bruegel der Ältere (1525/30-1569): Der Kampf zwischen Karneval und Fasten (1559; Ausschnitt)

Pieter Bruegel der Ältere (1525/30-1569): Der Kampf zwischen Karneval und Fasten (1559; Ausschnitt)

(Fortsetzung folgt)

Die Maultasche

Sonntag, 15. August 2010

Der Ursprung des Wortes “Maultasche” geht auf das 16. Jahrhundert zurück und ist zunächst in der Bedeutung als „Ohrfeige“ bezeugt. “Tasche” geht dabei wohl auf „tatschen“ – englisch: touch; italienisch: toccare – im Sinne von „schlagen“ zurück. Erst später wurde die Teigware danach benannt. Vermutlich wegen der Striemen, ähnlich einer Wange nach einer “Watschn”.

Die Maultasche besteht aus zwei Einstrangzöpfen, die vor dem Backen zusammengeschoben und danach befeuchtet mit einer Mischung aus Mehl und Salz bestäubt werden.

“Habemus Papam”

Mittwoch, 14. Juli 2010
Benedikt XV.

Benedikt XV.

Einem kirchlichen Ritus entsprechend wird nach einer Papstwahl von der Außenloggia der Peterskirche in Rom mit dieser lateinischen Formel auch heute noch der neue Pontifex der Öffentlichkeit präsentiert. Die vollständige, seit dem 15. Jahrhundert schriftlich überlieferte Wendung lautet: “Annuntio vobis magnum gaudium, Papam habemus”, zu Deutsch: “ich verkünde euch eine große Freude, wir haben einen Papst.” Eine bekannte deutsche Boulevardzeitung warb einen Tag nach der Wahl Joseph Kardinal Ratzingers zum Nachfolger des verstorbenen Johannes Paul II. (1978-2005) mit der Schlagzeile “Wir sind Papst!” um die Gunst der laufenden Kundschaft. Können sich aber mit Bedacht auf 26 211 000 Lutheraner,   85 000 Baptisten und 64 000 Methodisten wirklich alle Deutschen über diese Wahl freuen? Hat nicht Martin Luther, der Reformator, der zwei Jahre vorher bei einem vom ZDF durchgeführten Ranking, das den Titel “Unsere Besten” trug, hinter Konrad Adenauer (1876-1967) und vor Karl Marx (1818-1883) den 2. Platz belegt, den Mann in den Schuhen des Fischers als “Antichristen” diffamiert? Er identifizierte ihn also als jene apokalyptische Persönlichkeit, die nach den Zeugnissen des Neuen Testaments und der christlichen Tradition gegen die Ordnung Gottes und die Botschaft Christi ausgerichtet ist. Was aber oft übersehen wird: Die Anschuldigung ist bei Luther an Voraussetzungen gebunden: Wenn der Papst das Evangelium nicht zulässt, wenn er den Menschen die Tür zum Himmelreich nicht aufschließt und wenn er nicht will, dass jemand selig werde. Und selbst als die Papstschelte des Reformators immer maßloser wurde, äußerte er noch, er wäre bereit, dem Bischof von Rom die Füße zu küssen und ihn auf Händen zu tragen, wenn er nur das Evangelium, d. h. die Lehre von der Glaubensgerechtigkeit zulassen würde. Und Philipp Melanchthon (1497-1560), das Alter Ego Luthers, wollte dem Papst gar “um des Friedens und der gemeinsamen Einigkeit willen … seine Superiorität über die Bischöfe, die er iure humano hat”, anerkennen.

Im späteren Protestantismus fielen derartige Differenzierungen völlig weg; nun schien es mehr und mehr, dass Luthers Anliegen in erster Linie eine “Los-von-Rom-Bewegung” gewesen sei. Und nach den Dogmen des Ersten Vatikanischen Konzils (1869/70) schien alle Hoffnung auf die Ökumene endgültig zu Ende zu sein. Der evangelische Theologe Karl Barth (1886-1968) sprach vom “Vatikanischen Frevel” und das Nein zum Papst erschien jetzt als der Grundpfeiler nahezu aller nichtrömischen Kirchen. Angesichts der zunehmenden Globalisierung merkte man allerdings recht bals, dass weder die konfessionellen Weltbünde noch der Ökumenische Rat eine Struktur der Einheit zu gewährleisten vermochten. So räumt der “Evangelische Erwachsenenkatechismus” von 1975 auch ein, dass “die nichtrömischen Kirchen bisher kein überzeugendes Modell vorgelebt [haben], wie die Einheit der Kirche sichtbare Gestalt gewinnen könnte”. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass die Stellung der anderen Konfessionen zum Papstttum weitgehend davon abhängen wird, ob es Rom gelingt, das Amt als einen Dienst an der Einheit darzustellen.

Nach dem Zusammentreffen zwischen dem Vorsitzenden des Rates der Evanglischen Kirche in Deutschland Eduard Lohse (1979-1985) und Papst Johannes Paul II. am 17. November 1980 in Mainz wurde angesichts der Dringlichkeit einer Verbesserung des ökumenischen Miteinander die “Gemeinsame Ökumenische Kommission” eingesetzt, von der nicht nur praktische, sondern auch prinzipiell-theologische Probleme diskutiert und womöglich gelöst werden. Insgesamt verabschiedete das Gesamtprojekt acht Einzeltexte, von denen sich das letzte Teildokument mit den gegenseitigen Verwerfungen des jeweiligen Amtsverständnisses beschäftigt. Was die Diffamierung des Papstes als “Antichristen” angeht, kam man überein, dass dieser Vorwurf schon unter den Bedingungen des 16. Jahrhunderts nicht gerechtfertigt war. Evangelischerseits wird die Verwendung des Begriffs und die daraus folgende Wirkungsgeschichte bedauert. Hinsichtlich der sachlichen Kontroverse über das Papstamt hat das Vaticanum II durch seine Aussage der Unterordnung des Lehramts unter das Wort Gottes in der dogmatischen Konstitution “Dei Verbum”, durch seine Kollegialität der Bischöfe und durch die Betonung der Ortskirchen, in denen und aus denen “die eine und einzige katholische Kirche [besteht] (Lumen Gentium 23), sowie durch die Erinnerung an die Patriarchate als “Stammütter des Glaubens” (Lumen Gentium 23) Gesichtspunkte entwickelt, die Möglichkeiten der Verständigung öffnen. Festgehalten wurde ferner, dass der Genfer Reformator Jean Calvin (1509-1564) nie bestritten hat, dass die Gemeinschaft der Bischöfe sich im Laufe der Geschichte stets an einigen durch ihren apostolischen Ursprung hervorgehobenen Gemeinden, unter denen die römische und ihr Bischof von alters her einen besonderen Vorrang hatte, orientierten. Schließlich kann auf ein Papsttum, dessen Amt dem Evangelium untergeordnet ist, das Urteil der Reformation keine Anwendung finden. Wenn sich nun nichtrömische Christen oder gar religiös Indifferente spontan mit dem neuen Pontifex identifizieren, liegt das aber sicher nicht an interkonfessionellen Erklärungen aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, sondern an der Lehre, die unverrrückbare Wahrheiten kennt, und das in einer Zeit, in der politische und wirtschaftliche Konzepte schneller wachsen als die Mode und sich diametral gegenüberstehen, obwohl es für sie jeweils einleuchtende Ansätze gibt. Will man erahnen, was die Zukunft mit Benedikt XVI. bringt, muss man zunächst in die Vergangenheit schauen. Wohl selten ist nach der Wahl eines neuen Papstes dessen Name mehr diskutiert worden. Benedikt von Nursia, der Mönchsvater und Patron Europas, wurde ins Spielgebracht oder Benedikt XIV. (1740-1758), weil er der Pontifex war, der as “Heilige Uffiz” aufgrund seiner Tätigkeit von innen kannte.

Der bayer auf dem Stuhl Petri selbst beruft sich aber auf Benedikt XV. …

(Fortsetzung folgt!)