Archiv für die Kategorie „Bayerische Geschichte“

Rohr, den 20. April 1809 – neue Erkenntnisse

Samstag, 5. Dezember 2015


In den frühen Morgenstunden des 10. April 1809 überquerte Erzherzog Karl den Inn und marschierte in Bayern ein, während gleichzeitig Erzherzog Johann die italienische Grenze mit seiner österreichischen Italienarmee passierte.

Am 17. April traf Napoleon in Donauwörth ein. Der französische Ordonanzoffizier Ségur berichtet darüber: “Als er [der Kaiser] aus dem Wagen stieg, … war sein erstes Wort: ‘Wo ist der Feind?’” Bereis am 18. und 19. April tobten in einigen Dörfern nordöstlich von Abensberg kleinere Gefechte, welche die französischen und bayerischen Truppen für sich entscheiden konnten.

Einen Tag nach der Schlacht schrieb General Louis Nicolas Davout (1770-1823) in sein Tagebuch: “Rohr, 21. April 1809, fünf Uhr morgens. Die Kämpfe vorgestern und gestern sind ein zweites Jena”

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Fortsetzung folgt! – Continua!

Oktoberfest, 4. Oktober 2015

Mittwoch, 14. Oktober 2015

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100 Jahre Marktkrankenhaus Rohr i. NB

Mittwoch, 13. Februar 2013

Die institutionell organsierte Krankenpflege ist in Rohr i. NB fast so alt wie die historische Überlieferung. Bereits im fünften Jahr nach der Gründung des Augustiner-Chorherrenstifts im Jahre 1133 stiftete der Regensburger Domherr Heinrich, ein Bruder des Klostergründers Adalbert, eine Infarmie, d. h. eine Krankenstation. Sie bestand mindestens bis 1280, als Bischof Heinrich II. (1277-1296) Besitz in Sittelsdorf an sie übertragen hat. Bald danach scheint sie untergegangen zu sein, denn am 25. März 1354 stiften Ulrich III. von Abensberg und seine Gemahlin Gertrud in Rohr ein Siechhaus (= Siechkobel). 1803, im Jahr der Säkularisation, ist für den sozialen Bereich nurmehr der Unterhalt eines kleinen Armenhauses nachweisbar. Bis zum Bau des Marktkrankenhauses bestand ein “Lokalkrankenhaus”, das auf Dauer aus gesetzlichen und vor allem hygienischen Gründen nicht mehr zu halten war. Ein Krankenhaus kann nicht zugleich Armenhaus sein. Deshalb drängte auch das Bezirksamt Kelheim auf die Errichtung eines neuen Krankenhauses. Schließlich wurden von den verantwortlichen Gremien folgende Beschlüsse gefasst:

Sitzungsprotokoll des Magistrats Rohr vom 30. Juli 1910

“Gemäß Verfügung des Kgl. Bezirksamtes sollen das Armen- und Krankenhaus in Rohr getrennt und demnach ein neues Krankenhaus nach einer Planskizze des Bezirksbautechnikers erbaut werden. Der Magistrat beschließt mit Vorbehalt der Zustimmung der Gemeindebevollmächtigten den Neubau eines Krankenhauses.

Beck, Geberl, Stöckl, Winhard, Brand, Geisenfelder, Westermeier”

Sitzungsprotokoll der Gemeindebevollmächtigten vom 31. Juli 1910

“Bezüglich Neubau eines Krankenhauses nach dem Entwurfe und der Planskizze des Bezirksbautechnikers wird beschlossen, es sei das bezeichnete Bauprojekt genehmigt und wird dem Magistratsbeschluß vom 30. d. M. zugestimmt.

Die Gemeindebevollmächtigten: Ferg, Weichenrieder, Hafenbrädl, Obermeier, Trattner, Zieglmeier, Neumayer, Knitl, Röll, Ostermayer, Brand, Meier, Danner, Zeitler, Joh. Brand, Jos. Jackermeier, Vögel, Hart.”

 

Dieses Protokoll war gleichsam die “Geburtsurkunde” (P. Romuald Schweidler OSB) des Rohrer Krankenhauses. Aber bis zur Verwirklichung war noch ein weiter Weg. Den Aufzeichnungen in den Protokollbüchern des Magistrats zufolge antworten unterm 29. Dezember 1910 die Räte auf eine Zuschrift des Bezirksamtes Kelheim mit der “Bitte um Stundung und gütige Nachsicht, da die Gemeinde mit ihren kaum 1200 Seelen ohnehin eine vorhandene Schuldenlast zu verzinsen hat und nicht neue Schuldenlast auf sich nehmen kann”.

An dieser Stelle sei es gestattet, einen kleinen allgemeinen kommunalpolitischen Exkurs einzufügen: In der fraglichen Zeit ist zwischen dem Markt Rohr und der Gemeinde Kloster-Rohr zu unterscheiden. Der Markt hatte eine so genannte städtische Verfassung, d. h., neben dem “Magistrat – bestehend aus dem Bürgermeister und sechs Räten -, nahmen an der Leitung der Gemeinde die Bevollmächtigten des Gemeindekollegiums teil, die aus ihrer Mitte einen Vorsitzenden wählten. Kloster-Rohr hingegen hatte eine Dorfverfassung, d. h. nur ein Kollegium.

Zu Beginn des Jahres 1911 drängte das Landratsamt neuerdings den Bau, ja “der verstärkte Distriktsauschuß Abensberg hat am 6. März 1911 beschlossen, der Magistrat Rohr sei aufzufordern, noch im heurigen Jahre mit dem Neubau eines Krankenhauses zu beginnen, widrigenfalls der Krankenhausbezirk Rohr vom 1. Januar 1912 an aufgeteilt und dieser Zustand solange aufrechterhalten wird, bis ein neues Krankenhaus gebaut ist”.
Infolge dieser unmissverständlichen Forderung der vorgesetzten Behörde wird in den Sitzungen der beiden Gemeindekollegien der Baugrund “südlich vom Markte als geeignet und vom hygenischen Standpunkte empfehlenswert in Vorschlag gebracht, und soweit erforderlich und ausreichend, von den Besitzern Anton Aenderl und Anton Kammermeier um den geforderten Preis von 15 M pro Dezimal für die Gemeinde übernommen”. Am 20. Mai 1911 forderte das Königliche Bezirkamt Kelheim abermals den Bau mit letzter Fristangabe, nämlich den 1. Juni 1911.

Bereits im Mai 1911 hatte sich die Gemeinde an das Mutterhaus der Armen Franziskanerinnen in Mallersdorf gewandt, um zwei Schwestern für Rohr zu erbitten. Schwester M. Cyrilla Mitterhuber schrieb indes an den Bürgermeister, dass man das Krankenhaus leider nicht übernehmen könne, da den Statuten zufolge für Filialen mindestens drei Nonnen gefordert werden. Diesem Wunschen stimmte die Marktgemeinde in einem Vertrag mit dem Mutterhaus am 4. Dezember 1912 zu, sodass im folgenden Jahr M. Viventia Resch, M. Goar Spratter und M. Almeida Wein die Krankenpflege übernehmen konnten.

Die diversen Bauarbeiten wurden dann im Herbst 1912 vergeben. Der Magistrat genehmigte am 5. Oktober die vorher durchgeführte Vermessung und Abmarkung der Platznummern 2381½ und 239½ in der Steuergemeinde Kloster-Rohr als Krankenhausplatz.

Rohr Krankenhaus

Bezirksbaumeister Nell in Kelheim hatte den Bauplan entworfen und war auch der Bauleiter. Die Darlehnskasse Rohr finanzierte den Bau und Tierarzt Josef Plötz (1860-1926) leitete als Rechner der Darlehnskasse die Geldvorschüsse an die Baukasse. Die Baufirma Nock aus Schierling führte den Bau aus. Die Warmwasserheizungs-, Lüftungs- und Warmwasserbereitungsanlage wurden an die Firma Emhardt und Auer in Regensburg übertragen. Den Wasserleitungsbau und die Entwässerung besorgte die Firma Ludwig Froschhammer ebenfalls aus Regensburg. Die elekrtrische Klingelanlage war an Schlossermeister Friedrich Seitz aus Rottenburg übertragen worden. Und schließlich legte der Bezirksbaumwart den Garten an.
Der Bauausschuss, dem Bürgermeister Friedrich Beck und die Magistratsräte Brand, Geberl und Huber sowie die Gemeindebevollmächtigten Jackermeier, Scheumpflug und Zeitler angehörten, überwachte und kontrollierte die Arbeiten. Wenngleich im Jahre 1913 der Bau des neuen Krankenhauses der Vollendung entgegenging, fehlte es noch lange an medizinischem Gerät, was zu einem richtigen Krankenhausbetrieb notwendig ist. Trotzdem weihte der Rohrer Pfarrer Alois Heilingbrunner das neue Gebäude ein. Das einstige Lokalkrankenhaus wurde zum Armenhaus.
Infolge des Ersten Weltkriegs konnte das Krankenhaus immer weniger seiner urspünglichen Zweckbestimmung nachkommen. Es war noch schwach besetzt, sodass mangels Einnahmen die Gemeinde einen Kredit von 4000 RM aufnehmen musste. Eine, wenn auch bescheidene Einnahmequelle ergab sich, indem man im Krankenhaus ein “Volksbad” eröffnete. Privatpersonen konnten am Freitag und am Samstag dieses Bad gegen eine Gebühr von 30 Pfennig, später einer Reichsmark benützen. Die Badedauer betrug eine Viertel, später eine halbe Stunde. Im März 1919 musste wegen Kohlenmangels das Samstagsbad aufgelassen werden, konnte aber wegen, nachdem sich die Verhältnisse gebessert hatten, im Dezember desselben Jahres wieder eröffnet werden. Eine andere Einnahmequelle ergab sich aus dem Mietzins eines Zimmers, in dem ein Zahnarzt zweimal wöchentlich seine Sprechstunde abhielt.
Als die Belegung des Krankenhauses wieder stieg und alle Räume benötigt wurden, war auch für die Gemeinde der Verzicht auf diese Einnahmen gegeben. Während des Ersten Weltkriegs stand das Krankenhaus ohne Arzt da. Unter diesen Umständen war auch die Abberufung der Schwestern in das Mutterhaus in Mallersdorf zu befürchten. Die Rohrer mussten medizinische Hilfe zeitweise auswärts in Anspruch nehmen. Der finanzielle Ausfall war für die Gemeinde verhängnisvoll, denn es gab keine Einnahmen mehr. Schließlich fuhren die Verantwortlichen nach Nürnberg, um beim Generalkommando des IV. Armeekorps den unhaltbaren Zustand zu schildern. Nach hartem Ringen gelang es, einen Militärarzt für das Marktkrankenhaus freizustellen. Wenige Wochen später traf Dr. Haitzer in Rohr ein. So kam der Betrieb im Krankenhaus wieder in Gang. An dessen inneren Ausbau war aber immer noch nicht zu denken. Es nimmt also nicht wunder, dass der Arzt im Jahre 1919 Rohr wieder verließ. Sein Nachfolger war Dr. Hämmerle. Der wurde 1925 von Dr. Hans Frey vertreten. Ein Jahr später blieb er endgültig in Rohr. Frey war es dann, der 13 Jahre nach der Errichtung des Gebäudes für das notwendige Inventar sorgte.

4. Mai – Fest des hl. Florian

Dienstag, 1. Mai 2012

Florian Das Christentum auf später bayerischen Stammesgebiet reicht bis in die Römerzeit zurück. Dessen Anfänge liegen freilich im Dunkeln. Es werden wohl Beamte, Soldaten Kolonisten und Händler gewesen sein, die – vom Süden und Osten her – das Evangelium in den Donauprovinzen des Imperium Romanum verbreitet haben. Die neue Religion indes war verboten und wurde in mehr oder minder regelmäßigen Abständen blutig verfolgt. In der Zeit, als das Christen- zur letzten Kraftprobe mit dem Heidentum antrat, tritt aus dem Dunkel eine Märtyrergestalt in das Licht der Geschichte: der hl. Florian. Es ist äußerst bemerkenswert, dass das Andenken an diesen Heiligen, an dessen Martyrium am 4. Mai erinnert wird, im Freistaat und in der Alpenrepublik Österreich bis in die Gegenwart lebendig und überaus volkstümlich geblieben ist. Ende des vorletzten Jahrhunderts wurden zwischen den Historikern ein leidenschaftlicher Kampf um die Glaubwürdigkeit der “Passio Floriani” geführt. Man hat mit dem legendarischen Charakter dieser Quelle, die aus der Karolingerzeit stammt, auch Florians geschichtliche Authentizität und dessen Martyrium in Frage gestellt. Mittlerweile ist der Streit um die Historizität des Heiligen und seines Martyriums positiv entschieden. Dies ergab die Auswertung der Eintragung Florians im so genannten Martyrologium des hl. Hieronymus (347-420). Darunter versteht man einen um 450 in Oberitalien entstandenen und dem Kirchenlehrer fälschlicherweise zugeschriebenen Heiligen- und Märtyrerkalender, der zu Beginn des 7. Jahrhunderts überarbeitet und interpelliert wurde. Hier ist unter dem 4. Mai zu lesen: “In Ufernoricum, im Orte Lauriacum (=Lorch), der Geburtstag Florians, eines ehemaligen Kanzleivorstands des Zivilstatthalters, auf dessen Befehl er mit einem um den Nacken gebundenen Stein von der Brücke in die Enns gestürzt wurde, wobei ihm – wie alle Umstehenden sahen – die Augen brachen.” Unter “Ufernoricum” ist der an der Donau im Voralpenland gelegene Teil der römischen Provinz Noricum zu verstehen, der sich vom Inn in östlicher Richtung bis zum Wienerwald erstreckte.

Rätien und Noricum

Rätien und Noricum

Die Teilung der Provinzen in die Verwaltungsbezirke “Ufer-” und “Binnennoricum” fand unter Kaiser Diokletian (283-305) statt. Damit ist ausgesagt, dass das Florians Martyrium in die letzte der großen reichsweiten Verfolgungen des Christentums anzusetzen ist. Da diese Verfolgungswelle in die letzten Regierungsjahre (303-305) des Herrschers fiel, kommt für das Martyrium der 4. Mai 304 in Betracht. Das Martyrologium spricht vom “Geburtstag” des Heiligen, da im Frühchristentum der Todestag als Geburtstag für den Himmel angesehen wurde. Der Ort des grausamen Geschehens war Lauriacum, das heutige Lorch. Es handelt sich dabei nicht um die Hauptstadt Noricums; das war Virunum und nach der Teilung der Provinz Ovilava, das heutige Wels. Florian wird ehemaliger (ex) Vorstand (princeps der Kanzlei (officii) des Zivilstatthalters (praesidis) genannt. Es handelt sich dabei um eine genaue Berufstitulatur der römischen Beamtenhierarchie aus diokletianischer Zeit. Das erhöht natürlich die Glaubwürdigkeit des Eintrags ins Martyrologium. Der Legendenschreiber hätte sie nicht erfinden können. Er verstand sie nicht und schwächte sie ab zu einem “princeps officii”, woraus schließlich die Vorstellung von Florian als einem römischen Offizier erwuchs. Florian Man darf allerdings nicht von einem alten, ausgedienten Mann im Ruhestand ausgehen. Eher ist anzunehmen, dass es sich bei Florian um einen enthobenen, zwangspensionierten Beamten handelte, der seines Glaubens wegen bereits nach dem ersten Edikt Diokletians seinen exponierten Posten beim Statthalter verloren hatte. Als Kanzleichef war Florian der höchste Verwaltungsbeamte der Provinz – ein Zeichen, dass das Christentum in Noricum bereits Eingang in die höchsten gesellschaftlichen Kreise gefunden hatte. Der Begriff “praeses” war die amliche Bezeichnung für den Statthalter der nicht senatorischen, kaiserlichen Provinzen.

Florian wurde in die Enns geworfen, die unweit von Lorch in die Donau mündet. Die Notiz von seinem Wassertod ist keine spätere Erfindung, sondern weist ebenfalls in die diokletianische Zeit. So wurde z. B. der jugendliche Bischof Irenäus von Sirmium (t 304) während der gleichen Verfolgung auf der Savebrücke mit dem Schwert hingerichtet und sein Leichnam in den Fluss geworfen.

Es stellt sich zwangsläufig die Frage, wann die Eintragung Florians in das Martyrologium erfolgte. Dafür ergeben sich eine ganze Reihe von wichtigen Indizien. Die anfangs des 7. Jahrhunderts wohl im Kloster Luxeuil vorgenommene Erweiterung des Martyrologiums fällt in die Zeit des Abtes Eustasius (t629). Der Mönch hatte die Bayernmission in Angriff genommen. Dadurch war eine Verbindung zwischen Luxeuil und Lorch gegeben, das wohl Ausgangspunkt des Missionswesens war.

(Fortsetzung folgt!)

Die Apostel auf dem Rohrer Hochaltar

Samstag, 25. Juni 2011

 

Apostel Johannes

Apostel Johannes

Wenn von der Asamkirche in Rohr gesprochen wird, findet in der Regel nur die “Himmelfahrt” Erwähnung. Die übrigen Kleinodien wie der romanische Taufstein, die St.-Anna-Kapelle, der Peter-und-Paul- oder der Josephsaltar samt den dazugehörigen Gemälden oder das Stiftungsgemälde im Chor werden in der einschlägigen Literatur meist mit wenigen Federstrichen abgetan. Auch die Apostel um den leeren Sarkophag stehen in der Regel am Rande des Interesses. Man kann neun Jünger Jesu zählen und schon tun sich die ersten Fragen auf: neun von elf oder neun von 13. Es gab doch 12 Apostel! Judas Iskariot hat sich laut Mt 27, 5 aber vor dem Prozeß Jesu noch erhängt. So wären es also elf. Gemäß Apg 1, 15-26 wurde Matthias zum Apostel gewählt. Und schließlich bezeichnet sich Paulus in Gal 1,1 selber als “Apostel”, ohne dezidiert auf den Zwölferkreis zu rekurrieren.

In der einschlägigen Literatur hat sich bis heute niemand mit solchen Fragen beschäftigt. Im günstigsten Fall werden einzelne Apostel andiskutiert oder der emotionale Kontrast zwischen Johannes auf der einen und den übrigen Jüngern auf der anderen Seite herausgearbeitet.

Beschäftigt man sich mit ihnen intensiver, so merkt man bald, daß Asam ein exzellenter Künstler mit ausgezeichneten Bibelkenntnissen war. Rechts neben dem Sarkophag steht vom Betrachter aus gesehen der Apostel Johannes.

Woran ist er zu erkennen?

"Rohrer" Apostel

"Rohrer" Apostel

 

Vergleicht man die Apostel miteinander, so fällt auf, daß die fragliche Figur im Gegensatz zu den anderen trotz des leeren Grabes ziemlich gelassen bleibt. Ihr Blick richtet sich nach oben. Während also die anderen die Realität nicht fassen können, weiß Johannes gleichsam um das Schicksal der Verstorbenen. Wie kam nun Asam dazu, eine der Apostelfiguren nach oben schauen zu lassen? Den Anlaß dazu gab ihm folgende Bibelstelle: “Am ersten Tag der Woche kommt Maria von Magdala früh, als es noch finster war, zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weg war. Da läuft sie und kommt zu Simon Petrus und zu dem anderen Jünger, den Jesus lieb hatte, und spricht zu ihnen: Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Da ging Petrus und der andere Jünger hinaus und sie kamen zum Grab. Es liefen aber die zwei miteinander und der andere Jünger lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst zum Grab, schaut hinein und sieht die Leinentücher liegen; er ging aber nicht hinein. Da kam Simon Petrus ihm nach und ging in das Grab hinein und sieht die Leinentücher liegen, aber das Schweißtuch, das Jesus um das Haupt gebunden war, nicht bei den Leinentüchern liegen, sondern daneben, zusammengewickelt an einem besonderen Ort. Da ging auch der andere Jünger hinein, der zuerst zum Grab gekommen war, und sah und glaubte.” (Joh 20,1-8) Johannes hat also mit leeren Gräbern keine Probleme. Sie rufen bei ihm keine Irritationen hervor, aber auch keinen religiösen Enthusiasmus.

Links neben Johannes steht Thomas. Im Gegensatz zu Johannes glaubt er nicht. Für ihn ist das Geschehen unfassbar und er greift in den Sarkophag; er kann nicht fassen, daß er leer ist. Die Konstellation ist aus der Bibel bekannt: “Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben. Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.” (Joh 20,24-32)

Thomas glaubt nur, was er im wahrsten Sinne des Wortes “be-greifen” kann.

Unmittelbar am Sarkophag folgt der Apostel Jakobus Zebedäus, der Bruder des Johannes. Er ist leicht am Wanderstab zu erkennen. Die Identifizierung aller übrigen Apostel ist nicht einfach, wenn nicht gar unmöglich. So verstehen sich die folgenden Überlegungen weniger als definitive Einsichten, sondern eher als Gedankenspiele, die dazu dienen, jede der Figuren zu individualisieren.

Von rechts nähern sich augenscheinlich die Apostel Petrus und Paulus. Keiner von beiden trägt ein typisches Attribut wie z. B. die Schlüssel oder das Schwert bei sich.

(Fortsetzung folgt!)

Der rechte Seitenaltar

    Im rechten Querhaus – sagt man – hat der Landshuter Maler Johann Jakob Plezger 1721 die Apotheose des Hl. Joseph dargestellt (1721). 

    hl. Joseph

    hl. Joseph ?

 

 

Es ist ganz egal, wie man die Begriff definiert, – als gleichzeitige Aufnahme von Leib und Seele in den Himmel oder als Entrückung des noch lebenden Ziehvaters Jesu – man findet weder im Neuen Testament noch in den apokryphen Schriften einen Hinweis auf ein solches Geschehen. In der “Geschichte von Joseph dem Zimmermann”, die um 400 in Ägypten entstanden sein dürfte, wird über dessen Krankheit und den Tod ausführlich berichtet. Zuletzt erörtern Jesus und die Apostel, warum Joseph sterben mußte, wo doch Henoch und Elja die Unsterblichkeit erhalten hatten. Demnach findet sich in der frühchristlichen Literatur keine Tradition, die es rechtfertigen würde, von einer Apotheose des hl. Joseph zu sprechen.
Wie kommt es dann zu diesem Gemälde?

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich mit der Verehrung des hl. Joseph etwas näher beschäftigen. Erst im 16. Jahrhundert begannen die Bettelorden den Kult des Ziehvaters Jesu zu fördern. Der Augsburger Bischof Johann Christoph von Freyberg-Eisenberg (1665-1690) dehnte den 19. März als gebotenen Feiertag auf sein ganzes Bistum aus. Erst im 18. Jahrhundert gehören Josephsdarstellungen gleichsam zur Grundausstattung der barockisierten Kirchen.
Die zunehmende Verehrung kam nicht von ungefähr. Die Habsburger erkoren Joseph nämlich zu ihrem Hausheiligen. Nachdem Kaiser Ferdinand II. (1690-1637) im Jahre 1620 mit einem Bild Josephs in die Schlacht gegen die pfälzisch-böhmische Armee am Weißen Berg bei Prag gezogen war und den Sieg errungen hatte, wurde der Josephs- im Habsburger Reich zum Feiertag. Papst Clemens X. (1670-1676) erhöhte 1670 den Rang des Festes; 1714 bereicherte Papst Clemens XI. (1700-1721) den Feiertag mit einem eigenen Meßformular und Offizium; Papst Benedikt XIII. (1724-1730) fügte den Josephs Namen in die Allerheiligenlitanei ein.

Die zunehmende Josephsverehrung erklärt zwar die Schaffung eines entsprechenden Altars, aber nicht dessen Ausstattung mit einem Bild, das weder dogmatischen noch traditionellen Vorgaben standhält.
Wie wenig es sich um den hl. Joseph handelt, macht allein die Tatsache deutlich, daß der Ziehvater Jesu nach den Kindheitsgeschichten aus den Evangelien verschwindet, Maria hingegen überlebt Jesus. Auf dem Gemälde indes erwartet neben der Trinität und den Engeln die Gottesmutter den Verstorbenen: angesichts des biblischen Befundes und des anzunehmenden Altersunterschieds zwischen Maria und Joseph ein Ding der Unmöglichkeit. Ferner gibt es keine katholische Tradition, nach der die wesentlich jüngere Gattin dem Mann in den Tod vorausgegangen sein soll.
Um die Aussage dieses Gemäldes zu erschließen, muss man v. a. zwei Dinge beachten: Zum einen das Klostermodell; zum anderen das Todesjahr des Architekten Bader. Das Modell macht doch nur Sinn, wenn die abgebildete Person in irgendeiner Beziehung dazu steht, wie z. B. der Architekt Joseph Bader zum Stift der Augustiner-Chorherren in Rohr. Ferner entsteht das Gemälde Plezgers nicht “irgendwann”. Der Landshuter Maler fertigte es im Todesjahr des Baumeisters, der am 18. März 1721, also noch vor der Weihe der barockisierte Kirche, verstorben war. Es geht also hier nicht um eine Apotheose im religiösen Sinn; Bader wird nicht unsterblich, weil er ein sündenfreies Leben geführt hat, er lebt vielmehr in seinem Werk fort. Nun hätte man aber im 18. Jahrhundert keinem Menschen dieses Gemälde als Apotheose des hl. Joseph “verkaufen” können. Einen solchen Titel hätte man als “irrgläubig” zurückgewiesen. Und um Bader mit dem hl. Joseph zu verwechseln, mußte der Architekt völlig aus dem Gedächtnis der Betrachter geschwunden sein. Andererseits müssen die “Kunstsachverständigen” dieser Zeit eine “Apotheopse Josephi” geglaubt oder als geglaubt angenommen haben.

(Fortsetzung folgt!)

 

Der linke Seitenaltar: Abschied der Apostelfürsten

 

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Peter und Paul
Pfarrkirche “Maria Himmelfahrt”: Altarbild des linken Querhauses

Das Gemälde des linken Querhausaltars der Rohrer Pfarrkirche “Mariä Himmelfahrt” zeigt die beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus, wie sie nach dem Todesurteil sich die Hand reichen und unerschrocken dem Maryrium entgegengehen. Das grausame Schicksal, das die beiden ereilte, steht nicht in der Bibel. Die älteste Quelle, die von der “Passio Petri et Pauli” erzählt, ist der 1. Clemensbrief: “Aber wir wollen mit den alten Beispielen aufhören und wollen kommen zu den Wettkämpfern der jüngsten Zeit: Nehmen wir die edlen Beispiele unseres Geschlechts. Wegen Eifersucht und Neid sind die größten und gerechtesten Säulen verfolgt worden und haben bis zum Tode gekämpft. Halten wir uns vor Augen die tapferen Apostel: Petrus, der wegen ungerechtfertigter Eifersucht nicht eine und nicht zwei, sondern viele Mühen erduldet hat und der so – nachdem er Zeugnis abgelegt hatte – gelangt ist an den (ihm) gebührenden Ort der Herrlichkeit. Wegen Eifersucht und Streit hat Paulus den Kampfpreis der Geduld aufgewiesen: Siebenmal Ketten tragend, vertrieben, gesteinigt, Herold im Osten wie im Westen, hat er den edlen Ruhm für seinen Glauben empfangen. Gerechtigkeit hat er die ganze Welt gelehrt und hat Zeugnis abgelegt vor den Führenden; so ist er aus der Welt geschieden und ist an den heiligen Ort gelangt – größtes Vorbild der Geduld.” Clemens (90/92-99-101), der Verfasser, gilt als der dritte Papst. Er könnte Petrus und Paulus noch persönlich gekannt haben. Über den Ort, den Zeitpunkt und die Methode, mit der die Hinrichtungen vollzogen, weiß Clemens nichts zu berichten. Über die Gleichzeitigkeit der beiden Exekutionen, über Richtschwert oder das umgestürzte Kreuz ist keine Silbe zu finden.

Erst in den “Petrusakten”, einer apokryphen Schrift, die um 190 entstanden sein dürften, heißt es: “Ich fordere nun von euch, den Scharfrichtern, kreuzigt mich so, mit dem Kopf nach unten und nicht anders!”

Sta_Maria_del_Popolo_Caravagio
Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610)

Ähnlich verhält es sich mit der Hinrichtung Pauli durch das Schwert. Sie findet sich erstmals in den “Paulusakten” einer apokryphen Schrift die zwischen 185 und 195 entstanden sein könnte: “Darauf stellte sich Paulus hin gegen Osten gerichtet und erhob die Hände zum Himmel und betete lange; und nachdem er im Gebet auf Hebräisch mit den Vätern sich unterredet, neigte er seinen Hals, ohne noch weiter zu sprechen. Als aber der Henker ihm den Kopf abschlug, spritzte Milch auf die Kleider der Soldaten.”

Spätestens seit dem 4. Jahhundert gilt der 29. Juni als der Todestag der beiden Apostel. Er wird in der “Depositio Martyrum, die vor 336 entstanden ist, angeführt. Es handelt sich dabei um einen Kalender, in dem der “dies natalis” der Märtyrer aufgelistet wird. Ein identischer Todestag ohne Angabe der Jahreszahl ist nicht zwangsläufig ein gleichzeitiger. Vom Tod des Völkerapostels “ad aquas salvias” sprechen dann einige Legenden und apogryphe Legenden, die im Laufe des Frühmittelalters entstanden sind. Sie gehen vermutlich auf mündliche Überlieferungen zurück, deren Wahrheitsgehalt sich nicht mehr überprüfen läßt. Wie dem auch sei: Die Legende berichtet auch, dass Petrus und Paulus gemeinsam zur Hinrichtung geführt und an der Via Ostiense getrennt wurden. Sie verabschiedeten sich mit einer innigen Umarmung voneinander.

separazione di Pietro e Paolo – via Ostiense 106

Bis vor ungefähr 100 Jahren befand sich an der Via Ostiense eine dieser “Trennung” geweihte Kapelle (Cappella della separazione). Von hier aus seien sie getrennt zur Exekution geführt worden: Petrus zum Zirkus des Caligula und des Nero beim vatikanischen Hügel, Paulus weiter an die Via Ostiense. Das Gotteshaus gibt es nicht mehr. Ein Relief und eine Inschrift erinnern noch daran.

Cosmas Damian Asam hat die fragliche Legende sicherlich gekannt, ist sie doch die literarische Grundlage seines Gemäldes “Abschied der Apostel Petrus und Paulus”. Sie umarmen sich allerdings nicht am Ende ihres letzten gemeinsamen Gangs. Vielmehr greift Paulus mit der linken Hand nach der rechten Petri. Handelt es sich hier um künstlerische Freiheit oder um theologische Absicht? Dem 2. Kapitel des Galaterbriefs zufolge hat es zwischen den beiden Aposteln massive Kontroversen gegeben: “Als Kephas aber nach Antiochia gekommen war, bin ich ihm offen entgegengetreten, weil er sich ins Unrecht gesetzt hatte. Bevor nämlich Leute aus dem Kreis um Jakobus eintrafen, pflegte er zusammen mit den Heiden zu essen. Nach ihrer Ankunft aber zog er sich von den Heiden zurück und trennte sich von ihnen, weil er die Beschnittenen fürchtete. Ebenso unaufrichtig wie er verhielten sich die anderen Juden, sodass auch Barnabas durch ihre Heuchelei verführt wurde. Als ich aber sah, dass sie von der Wahrheit des Evangeliums abwichen, sagte ich zu Kephas in Gegenwart aller: Wenn du als Jude nach Art der Heiden und nicht nach Art der Juden lebst, wie kannst du dann die Heiden zwingen, wie Juden zu leben?” (Gal 2,11-14). Wir wissen nicht, wie sich die Beziehungen zwischen den beiden Apostelfürsten nach diesen öffentlichen Worten weiterentwickelt haben. Sollten die Spannungen aber nicht schon früher überwunden worden sein, so war es jetzt höchste Zeit, Frieden zu schließen. Es ist nicht gut, im Streit vor seinen Schöpfer zu treten.

Cosmas Damian Asam hat sich von 1711 bis 1713 nachweislich in Rom aufgehalten, um dort die großen (Barock-)Meister wie Raffael Santi (1483-1520), Annibale Carracci (vor 1560-1609), Guido Reni (1575-1642) und Domenichino, eigentlich Domenico Zampieri, (1581-1642) zu studieren. Dabei hat er sicher auch den Ort des Geschehens in Augenschein genommen. Dabei hat er aber ein wichtiges Detail übersehen. Die auf dem Gemälde sichtbare Cestius-Pyramide wurde zwischen 18 und 12 v. Chr. erbaut. Da Bestattungen innerhalb der Stadt verboten waren, wurden die Grabmäler an den Ausfallstraßen, hier an der Via Ostiense, errichtet. Erst 271 wurde die Pyramide in die Stadtmauer des Kaisers Aurelian (270-275) einbezogen, also ca. 200 Jahre nach dem Martyrium der Apostelfürsten. Diese Mauer ist aber auf Asams Gemälde zu sehen. Gaffer, die das grausame Geschehen offensichtlich fasziniert, sind auf ihr zu sehen. Bildet die Mauer also die Szenerie, um die menschliche Psyche zu entlarven, die Freude am Leid des Mitmenschen?
Ein solcher Gedanke ist bei Asam sicher nicht von der Hand zu weisen. Welche Rolle spielt dann aber die Pyramide? Sie ist sehr dunkel gehalten und bei ungünstigen Lichtverhältnisse kaum zu erkennen. Fällt aber das Sonnenlicht gegen Mittag durch das gegenüberliegende Kirchenfenster, erstrahlt sie in hellem Glanz. Mit anderen Worten: Cosmas Damian Asam spielt mit den natürlichen Lichtverhältnissen, so daß die dunkle obere Hälfte des Gemäldes vorübergehend erhellt wird und die Pyramide deutlich zu erkennen ist, wenn die Sonne im zenit steht. Nun gelten die Pyramiden als “Symbole für die Ewigkeit”. …

(Fortsetzung folgt!)

 

1809 – Die Schlacht um Rohr

Donnerstag, 23. Juni 2011

Es wurde schon an anderer Stelle (Januar 2010) gesagt, daß die Bezeichnung “Schlacht bei Abensberg” der Komplexität des Raumes und der Kampfhandlungen nicht gerecht wird. Die Präposition “bei” gruppiert lediglich die Orte des Grauens um das Städtchen, zu dem Napoleon geeilt war, um seine Truppen gegen die Österreicher zu dirigieren. Von Gaden aus setzte er Bayern und Württemberger in Bewegung, die bis Bachl vormaschierten.

Inzwischen war Marshall Jean Lannes von Norden her bei Bachl angekommen und griff die österreichischen Truppen heftig an. Napoleon setzte also zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten verschiedene Kontingente ein, so daß sich die Österreicher unmittelbar nacheinander gleichsam zwei Gegenern ausgesetzt sahen. Getrennt von ihrer Reiterei floh die Infanterie in die Gehölze, um nach Rohr zu entkommen. Dort wurden inzwischen die österreichischen Truppen verstärkt. Napoleon ließ die Division „Kronprinz“ in Bachl stehen. Gleichzeitig vereinigte sich Lannes mit der Kürassierdivision „St. Sulpice“. Eine Brigade schickte er sofort nach Rohr, in der Hoffnung, die Österreicher vorher abfangen zu können. Dort war das Detachement Schustekhs zum Schutze der fliehenden österreichischen Infanterie aufgestellt worden. Die konnte aber ohne besondere Verluste Rohr erreichen. Ein französisches Chasseur-Regiment versuchte nun den rechten Flügel der Österreicher zu umgehen, doch die Kienmeier-Husaren drängten sie zurück. Die Kürassiere fassten nun die Husaren an der linken Seite, warfen sie zurück und verfolgen sie durch den Markt Rohr. Hier war die Infanterie aufgestellt. Nach Lage der Dinge kam es zum Häuserkampf. Schließlich flohen die Österreicher nach Rottenburg.

Die Kampfhandlungen in Rohr sind kaum zu rekonstruieren. Aufgrund der lokalen Gegebenheiten darf angenommen werden, daß die französichen Truppen von Bachl über Straßenhaus nach Rohr zogen. Sie müssen also an den Espanweihern die Ortsgrenze erreicht haben. Es liegt in der Natur der Sache, daß es bei einem Häuserkampf keine eindeutige Truppenbewegung bzw. Stoßrichtung mehr gibt. Und die Österreicher dürften wohl auf der alten Chausseestraße nach Landshut Richtung Rottenburg geflohen sein. Dafür bietet die von Vino Schwertl tradierte Sage “Die Geister am Weißenkellerberg” einen Anhaltspunkt. “Der Weißenkellerberg liegt zwischen Rohr und Thaldorf an der alten Straße, die von Regensburg nach Landshut führte. … Ein Denkmal auf dem Weißenkellerberg erinnert an das Gefecht, das im Jahre 1809 dort stattgefunden hat. Die Geschichte erzählt, daß dabei viele tapfere Krieger ihr Leben lassen mußten und daß der Boden mit Blut getränkt wurde. Und die Leute wissen zu berichten, daß es nicht ratsam sei, zu mitternächtlicher Stunde allein über den alten Kampfplatz zu gehen. Ein großer schwarzer Hund mit feurigen Augen erscheint. Er läßt niemand über den Berg. Wenn nach ihm geschlagen wird, verschwindet er, ist aber im nächsen Augenblick wieder da und vollbringt ein gottserbärmliches Geheul, das selbst den tapfersten Mann weichen läßt. Besonders aufdringliche Wanderer verfolgt er bis zur Haustür. Auch über die Felder läuft er ihnen nach. Mit dem ersten Glockenschlag der Morgenstunde verschwindet er. Manchmal stehen auch die im Kampf gefallenen Pferde auf und versperren mit feurigen Ketten am Hals den Weg.” Inhaltlich gibt die Sage nicht viel her. Dämonische Tiere hindern nächtliche Wanderer am Weitermarsch. Die historischen Hintergründe sind auf ein Minimum reduziert. Der Ort des gespenstischen Treibens war 1809 Kriegsschauplatz. Es kann ja durchaus sein, daß ein nächtlicher Wanderer von einem Hund verfolgt oder von einem ausgebrochenen Pferd erschreckt wurde. Die Geschichte wurde dramatisiert und aus den Tieren wurden Fabelwesen. Deren Auftreten wurde schließlich mit dem Schlachtenort begründet.

Ist die Sage deshalb historisch wertlos? Um das zu klären, muß man sich die Topographie des Ortes genauer ansehen. Rohr liegt im tertiären Hügelland. Ein Bach, der von West nach Ost verläuft, bildet gleichsam ein Tal, um das sich das Kloster und die ursprüngliche Siedlung gruppieren. Die Hügel wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg bebaut. Geht man nun davon aus, daß die Östtereicher versucht haben, beim Espanweiher eine Verteidigungslinie aufzubauen, die aber den Attacken der Franzosen nicht gewachsen war, so bleibt als einzige Folge die Flucht durch den Markt. Zwischen den Häsern kann man zwar in Deckung gehen oder sich verstecken, aber keine Gegenwehr organisieren. Dies ist erst wieder auf freiem Feld möglich. 1809 endete der Ort an der Stelle, an der heute die Asam- in die Wildenberger Straße mündet. Folgt man der alten Verbindungsstraße nach Landshut, steigt das Terrain ständig an, bis es am Weißen Kellerberg den Scheitelpunkt erreicht.

(Fortsetzung folgt!)

Wenn jemand eine Reise tut, dann …

Montag, 20. Juni 2011

Johannes Paul II. (1978 - 2005)

Johannes Paul II. (1978 – 2005)

“Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.” (Mt 28 19f.). Nimmt man diese oder eine Parallelstelle des Neuen Testaments – wie viele Zeitschriften es getan haben oder immer noch tun – gleichsam als theologische Grundlage für die 104 Auslandsreisen des Wojtyla-Papstes, auf denen er 129 Staaten besucht und rechnerisch genug Kilometer zurückgelegt hat, um 29 Mal den Globus zu umrunden, so stellt siche die Frage, warum viele seiner Vorgänger Rom nie verlassen haben. Allein die Tatsache, daß kein Biograph des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. (1978-2005) ohne die eingehehnde Beschäftigung mit seinen Personalreisen auskommt, macht deutlich, daß es sich dabei um eine Besonderheit, ja geradezu um ein unverwechselbares Merkmal dieses Pontifikats handelt.

Das Thema “reisende Päpste” befindet sich allerdings in einem schwierigen, meist kaum bekannten Kontext. Übersehen werden darf aber auf keinen Fall die Tatsache, dass die Nachfolger Petri bis zur vorübergehenden Auflösung des Kirchenstaats im Jahre 1870 niemals nur als Hirten und Seelsorger, sondern auch als Staatsmänner unterwegs waren. Beschränken wir uns bei unseren Überlegungen auf unsere Heimat. Insgesamt haben nur vier Päpste Bayern besucht. Den Anfang macht im Jahr 1052 Leo IX. (1049-1054) aus dem Geschlecht der Grafen von Egisheim-Dagsburg. Der gebürtige Elsässer hat nach seinem Amtsantritt drei Reisen über die Alpen übernommen, die letzte 1052, um vermittelnd im Konflikt zwischen dem Kaiser und dem ungarischen König Andreas I. (1046-1060) einzugreifen.

 

 

Leo IX. (1049-1054)
Leo IX. (1049-1054)

Tatsächlich brach Heinrich III. (1039-1056), nachdem der Papst persönlich am Schlachtenort erschienen war, die Belagerung Preßburgs ab. Nun begaben sich das Reichsoberhaupt und Leo IX. nach Regensburg. “Es war eines der letzten ungetrübten Bilder des Zusammenswirkens der abendländischen Christenheit, als hier Leo IX. am 7. Oktober in Anwesenheit des Kaisers, der geistlichen und weltlichen Fürsten und einer großen Volksmenge, den Wunsch der Regensburger Kirche nach weiteren Heiligen in der Bischofsstadt erfüllend, die Gebeine Bischof Wolfgangs aus ihrem bisherigen Grab barg und in die neue Krypta unter dem Westchor der Emmeramskirche übertrug.” (Karl Hausberger) Gleichzeitig wurden die sterblichen Überreste des in der Niedermünsterkirche beigesetzten Bischofs Erhard zur allgemeinen Verehrung erhoben.

Die letzte Reise, die jeder Mensch anzutreten hat, sollte Papst Clemens II. (1046/47) nach Bamberg zurückkehren lassen.

Grabmal Clemens' II. im Bamberger Dom

Grabmal Clemens' II. im Bamberger Dom

Kaiser Heinrich III. hatte am 24. Dezember 1046 auf der Synode von Sutri drei Päpste abgesetzt und Bischof Siutger von Bamberg an deren Stelle gesetzt. Nach einer weiteren Synode, die im Januar 1047 stattfand, begleitete Clemens II. das Reichsoberhaupt auf mehreren Reisen. Während der Rückkehr aus Deutschland starb der Papst unter mysteriösen Umständen nach einem Pontifikat, das nicht einmal ein Jahr währte in Foglia in der Nähe von Pesaro. Sein Leichnam wurde nach Bamberg gebracht und im dortigen Dom beigesetzt. Es ist das einzige Papstgrab nördlich der Alpen.

Es sollte weit mehr als 700 Jahre dauern, ehe wieder ein Papst den Weg nach Bayern fand. Beurteilt man den Besuch Pius’ VI. (1775-1799), mit bürgerlichem Namen Giovannangelo Braschi, mit heutigen Augen, so mag man über die Kälte, mit der er von der bayerischen Bevölkerung empfangen wurde, überrascht sein. Als der Pontifex am 26. April 1782 in München einfuhr, läuteten zwar alle Glocken, der Jubel fiel aber eher bescheiden aus. Nur wenige Einwohner der Residenzstadt mochten nämlich bei strömenden Regen aus dem Haus gehen, um den Gast zu sehen. Von den wenigen Neugierigen und Frommen, die sich trotzdem am Wege aufstellten, beugten nur die Mönche die Knie. Zwei Tage später versammelten sich dann zwar 50ooo Menschen auf dem Schrannenplatz, doch als der Papst den Segen spendete, kniete nur Kurfüst Karl Theodor (1777-1799) nieder.

Um das Verhalten der Münchner Bevölkerung verstehen zu können, müssen wir uns zunächst mit dem Landesherrn beschäftigen.  Der Pfälzer hatte in Altbayern nie richtig Fuß fassen können.

… (Fortsetzung folgt)

Pius VI. (1775-1799)

Pius VI. (1775-1799)

Fritz Beck und die Aktivitäten des Rohrer Geschichtsvereins

Montag, 6. Juni 2011

Neben Vino Schwertl gab es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Rohr noch zwei weitere Ortsheimatpfleger, nämlich den Tierarzt Dr. Josef Pletz und Fritz Beck. Letzter hat zwischen 1923 und 1930 die “Chronik der Marktgemeinde und des Klosters Rohr i. NB” zusammengestellt. Geboren wurde Beck am 30. März 1894 in Rohr. In den Jahren von 1923 bis 1930 stellte er die Unterlagen zusammen. Mit Mitgliedern des “Rohrer Geschichtvereins” sammelte er altes Aktenmaterial über Beruf, Hausbesitzer, Verehelichungen Rohrer Bürger und über Verhörprotokolle des Klosterrichters. Die Existenz dieses Vereins läßt sich nur Becks Unterlagen erschließen. Das Gründungsdatum und die offizielle Auflösung des Vereins, falls es eine solche überhaupt gegeben hat, sind nicht überliefert. Es darf angenommen werden, daß es regelmäßige Versammlungen gegeben hat; Protokolle existieren offensichtliche keine (mehr). An der Sammlung des alten Aktenmaterials haben sich laut Vorwort der “Chronik” einige Mitglieder des Vereins beteiligt. Die spektakulärste Aktion war wohl 1930 die Ausgrabung an den Keltengräbern in der Nähe von Grub. Nachdem im Jahre 1922 der Rohrer Lokalhistoriker Dr. Josef Pletz auf einen Ringwall in der Nähe der Einöde aufmerksam geworden war, brachen einige Mitglieder des Geschichtsvereins auf, um das Geländedenkmal persönlich in Augenschein zu nehmen. Auf dem Weg dorthin stießen sie – etwa einen Kilometer nördlich von Grub – auf Bodenerhebungen, die man als vorgeschichtliche Grabhügel interpretierte. Da man der Deutung des Landesamtes für Denkmalpflege, daß es sich hier lediglich um Windbruchhaufen handle, keinen Glauben schenken wollte, unternahm man fünf Jahre später, also 1927, einen Grabungsversuch, der allerdings ergebnislos verlief. Drei Jahre später wurde man jedoch fündig. Beck hatte inzwischen den Benefiziaten Zoller aus Obereulenbach und die Lehrer Wiesmüller und Bindl aus Rottenburg bzw. Laaberberg für seinen Plan, weiterzugraben, begeistern können. Am 10. Juni 1930 wurde seine Hartnäckigkeit belohnt: Eine Pfeilspitze war der erste Fund, es folgten Tonstücke und Knochenreste. Weitere Grabungen förderten Armspangen, Fibelteile und sogar einen unversehrten Topf zutage.
Was aus den Funden wurde, geht aus Becks Grabungsbericht nicht eindeutig hervor. Nach Lage der Dinge wurden sie zunächst im Rohrer Heimatmuseum untergebracht, das nur in diesem Zusammenhang Erwähnung findet. Die Hobbyarchäologen wurden nämlich beim Bezirksamt vorstellig, sich beim Landesamt dahin zu verwenden, daß die Grabungen fortgesetzt werden dürfen, zumal man in Rohr bereits eine solche Einrichtung hat, für welche diese Funde von größter Bedeutung wären. Es ist aber nicht bekannt, wo sich dieses Museum befand, wann es eröffnet und warum es wieder geschlossen wurde.

Zu einem späteren Zeitpunkt müssen zumindest Teile des Fundes von Experten untersucht worden sein. Während nämlich Beck in seinem Bericht irrtümlich von “Keltengräbern” spricht, ordnet die wissenschaftliche Literatur die gefundenen Stücke der älteren Bronzezeit (ca. 2000-750 v. Chr.) zu. Ferner weiß sie zu berichten, daß die sie “bis auf Nachlesefunde in der Prähistorischen Staatssammlung für ein Heimatmuseum in Langquaid [!] vorgesehen waren und später verschollen sind”. Der letzte Satz gibt mehrere Rätsel auf: Wo wurden die Funde wissenschaftlich untersucht – in Rohr oder in München? Und warum sollten sie in Langquaid untergebracht werden? Handelt es sich vielleicht um eine Verwechslung der beiden Marktgemeinden?
In Rohr waren diese Dinge weitgehend in Vergessenheit geraten. Offensichtlich hat sich zwischen den Grabungen und 1970 niemand mehr für die Funde interessiert. In diesem Jahr verfasste der Landhuter Historker Dr. Georg Spitzlberger einen Aufsatz über die die “Vor- und frühgeschichtlichen Fundstätten im Land der Großen und Kleinen Laaber”. Dieser enthält Zeichnungen von Fundstücken, die 1930 in Grub zutage gefördert wurden. Eine entsprechende Anfrage ergab, daß die einige der Gruber Funde von einem der Grabungsteilnehmer verwahrt worden waren. Der hat sie ihm auch zum Abzeichnen zur Verfügung gestellt. Seit dessen Tod gelten sie als verschollen. So bleiben fürs erste nur die wunderschönen Zeichnungen des Landshuter Historikers, um an die Erfolge heimatgeschichtlicher Forschungen vergangener Tage zu erinnern.

Die letzte Grabung und die Beendigung der Materialsammlung für die “Chronik” fallen in das Jahr 1930. Damit brechen alle Aktivitäten des Rohrer Geschichtsvereins ab. Offensichtlich hat die nun einsetzende Passivität ihre Ursache in der Übersiedlung Becks von Rohr nach Augsburg. Wahrscheinlich fehlte es den übrigen Mitgliedern an neuen Themen, um weiterhin aktiv zu bleiben.

(Fortsetzung folgt)

Die kuriosen Predigten des Laaberberger “Bauernpfarrers” Anton Westermayer

Samstag, 14. Mai 2011

Die Predigten des Pfarrers Anton Westermayer gehören längst zu den Höhepunkten der bayerischen Literaturgeschichte. Das “Rosenheimer Verlagshaus” hat sie publiziert und so einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Im Jahre 2001 wurden sie unter dem Titel “Kuriose Predigten eines Bauernpfarrers” neu aufgelegt. (1) Dabei war der Kleriker alles andere als ein Bauernpfarrer. Von 1840, dem Jahr seiner Priesterweihe, bis zum seinem Tod 1894, pastorisierte er nämlich nur eine einzige bäuerlich geprägte Pfarrei. (2) Von 1844 bis 1850 war Westermayer Pfarrer von Laaberberg (Gemeinde Rohr i.NB; Landkreis Kelheim).

Ein tiefer Fall: Der von unehelicher Abstammung am 2. Januar 1816 in Deggendorf geborene Westermayer hatte am Herzoglichen Georgianum in München studiert, ehe er am 6. Mai 1840 in Regensburg zum Priester geweiht wurde. Befähigt “zur Redekunst und Literatur” bestellte man ihn bereits im Dezember 1841 zum Verweser der Domkanzel. Am 30. Juni 1842 wurde Westermayer von König Ludwig I. (1825-1848) schließlich offiziell zum Domprediger ernannt – eine höchst ehrenvolle Berufung für einen 26 Jahre alten Priester.

Westermayer ging selbstbewusst an seine Aufgabe: ” Wenn der Bischof diese Aufgabe hat, in der gesunden Lehre zu unterrichten, die Widersprecher zu widerlegen und die Schwätzer, die heut zu Tage auf anderem Gebiete ihr Zungengedresche üben, als unter dem Volke Israels, zum Schweigen zu bringen: so hat diese Pflicht gewiß auch der Stellvertreter des Bischofs – der Domprediger.” (3) Bei solch markigen Worten ist bes nicht verwunderlich, dass man ihm bald vorwarf, bei seinen Kanzelreden Schähungen gegen die Lutheraner und ihre Kirche zu äußern. Schließlich kam es zu einer polizeilichen Untersuchung. Auch die staatlichen wie kirchlichen Vorgesetzten wurden eingeschaltet. Schließlich wurde er am 1. Februar 1844 wegen “Majestätsbeleidigung” seines Amtes enthoben und als Pfarrer nach Labberberg versetzt.
Seine Abschiedspredigt ließ an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig: “Als Prediger der katholischen Kirche, als Prediger auf einer Domkanzel war ich meinem Gewissen und euch schuldig, die katholische Lehre nach allen Seiten hin zu beleuchten und sie in aller Schärfe vorzutragen. Weil ihrer aber in starker Mischung lebt, so mußte ich ich auch jedesmal die Nichtigkeit des gegentheiligen Irrthums darthun.” (4) Westermayer war sicher kein Vorreiter der Ökomene, aber ein typischer Charakterkopf, wie sie das 19. Jahrhundert in Bayern hervorbrachte. Sowohl der Dompredigerstelle als auch die Pfarrei Laaberberg wurden infolge der Säkularisation vom bayerischen König besetzt.(5) Er stand also unter der Kuratel der staatlichen und nicht der kirchlichen Gewalt. Und in kirchlicher Hinsicht hatte er sich nichts zu schulden kommen lassen. Auch der Regensburger Bischof Valentin von Riedel (1841-1857) galt bei König Ludwig I. (1825-1848) als Vertreter der ultramontanen Richtung. Trotzdem hatte Westermayer von ihm keine Hilfe zu erwarten. Es gab keine 30 Pfarreien, in denen der Oberhirte das freie Besetzungsrecht ausübte. Und nur die Versetzung auf eine solche Seelsorgestelle hätte Westermayer der staatlichen Aufsicht entzogen.

Nach dem Urteil des Dekans leistete der ehemalige Domprediger in Laaberberg hervorragende Arbeit und hat darüber hinaus die Muße, ein Predigtwerk mit dem Titel “Bauernpredigten, die auch Stadtleute brauchen können” zu verfassen. Die Hörer waren seine Pfarrkinder. Doch Laaberberg ist Westermayer zu klein. Was tut nun ein bayerischer Pfarrer im 19. Jahrhundert, der unter der Fuchtel der weltlichen Obrigkeit steht und der diesem Zwang entfliehen möchte; er geht in die Politik. Es ist nichts Ungewöhnliches, daß ein Priester im 19. Jahrhundert am politischen und parlamentarischen Leben teilnahm, zumal der Klerus in dieser Zeit einen hohen Anteil der katholischen Elite stellte.

1849 wird er in die bayerische Abgeorndetenkammer gewählt und entfaltet dort sein politisches Talent bis 1855. Als konservativer Charakter befürwortet er den bestehenden Staat, wendet sich aber gleichzeitig gegen staatskirchliche Bestrebungen, welche die Freiheit der Kirche beschränken. Ein Jahr später verläßt er Laaberberg und wird Stadtpfarrprediger bei St. Peter.

Doch nun zu den “Bauernpredigten”!



(Fortsetzung folgt!)


(1) Die Erstauflage war unter dem Titel “Bauernpredigten, die auch manche Statdtleute brauchen können.

(2) Näheres zum Folgenden bei Schrüfer, Werner: Eine Kanzel ersten Ranges, Regensburg 2004, 93.

(3) Westermayer, Glaubenspredigten I, Vorrede XI:
(4) Schrüfer 94.
(5) Matrikel 1916, 81 und 473.
(6) Gatz, Erwin: Priester als Partei- und Sozialpolitiker 376.

(Fortsetzung folgt)

Da damische Kine? – Il Re pazzo? – The crazy King?

Sonntag, 8. Mai 2011
Ludwig II.

Ludwig II.

2011 jährt sich der geheimnisumwobene Tod Ludwigs II. zum 125. Mal. Die Herrschaft, die 1864 so verheißungsvoll begann, endete im Jahre 1886 auf Schloß Hohenschwangau.

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“Wos?” Der König ist doch im Starnberger See ertrunken?! Richtig! Seine Herrschaft endete allerdings nicht am 13 . Juni 1886 im Wasser, sondern “bereits” am 9. Juni infolge seiner Entmündigung.
Glaubt man dem Juristen Wilhelm Wöbking, ist der König – ein guter Schwimmer – in Suizidabsicht in den See gegangen und hat Dr. Bernhard von Gudden, den behandelnden Nervenarzt, der ihn daran hindern wollte, durch Strangulieren mit in den Tod genommen hat. Anhaltspunkte für einen Mord gibt es demnach nicht. Wöbkings Buch ist zum 100. Todestag Ludwigs II., also 1986, erschienen.
Als ich vor kurzem das Buch des Psychiaters Heinz Häfner in die Hand bekam und den Titel “Ein König wird beseitigt” las, dachte ich zunächst, daß die Mordtheorien neuen Auftrieb erhalten haben.
Weit gefehlt! Was die Todesumstände des Königs betrifft, folgt der Psychiater dem Juristen. Am Schluß des fast 550 Seiten umfassenden Werkes faßt Häfner zusammen: “König Ludwig II. war weder geisteskrank noch geistesschwach.”
Ehe ich daran gehe, aus der Fülle des Materials, das Prof. Dr. Häfner zusammengetragen hat, einige Punkte zu erörtern, erlaube ich mir ein paar persönliche Dinge sagen: Wenn mich ein Amerikaner oder ein Italiener fragt, wo ich denn herkomme, antworte ich grundsätzlich: Aus der Holledau! Für “hops” oder “luppolo” hat sich noch jeder interssiert, vor allem, wenn sie im Bier drinnen sind. Scherz beiseite!
Als Holledauer verleugne ich weder meine bayerische Heimat noch mein deutsches Vaterland. Und daß die Niederbayern im Grunde ihres Herzens Kosmopoliten sind, zeigt schon das wittelsbachische Teilherzogtum Straubing-Holland, das Teile des heutigen Niederbayern sowie die niederländischen Grafschaften Hennegau, Holland, Seeland und Friesland umfaßte. Es bestand von 1353 bis 1425/29 und wurde von Straubing und Den Haag aus regiert. Das Herzogtum zerfiel, als die Straubinger Linie der Wittelsbacher im Mannesstamm ausstarb, und nicht an nationalen Gegensätzen.
Obwohl ich mich seit meiner Schulzeit mit König Ludwig II. und seinem rätselhaften Tod beschäftige, bin ich kein Nostalgiker, kein König-Ludwig-Vereins-Mitglied, kein bayerischer Sezessionst und schon gar kein Monarchist. Das Buch von Häfner hat mich in dieser Haltung bestärkt. Dem ausgewiesenen Experten zufolge ist Ludwig nicht entmündigt worden, weil er verrückt, sondern weil er anders war.

Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man großartig auf die äußeren Ursachen der Tragödie eingehen. Ludwig II. geriet durch seine Bausucht in eine finanzielle Krise, der er nicht mehr Herr wurde. Die pekuniären Verhältnisse waren aber den Royals und der Königlichen Regierung längst bekannt; warum haben sie nicht eher reagiert? Zunächst ist festzuhalten, dass zwischen den ersten Baumaßnahmen und dem Baubeginn von Schloß Herrenchiemsee im Frühjahr 1877 war keine Verschuldung der Kabinettskasse vorhanden. Nach Erhalt eines Darlehens in der Höhe von 7,5 Millionen Mark im Jahre 1884 setzte Ludwig II. sein Bauprogramm uneingeschränkt fort. Nachdem aber im folgenden Jahr 6 Millionen Mark weiterer Schulden angefallen waren, begann er erstmals die rechtliche Grenzlinie der Zivilliste zu überschreiten, indem er seinen Finanzminister Emil von Riedel (1877-1904) am 29. August 1885 dazu aufforderte, seine Finanzen zu regeln, um seine Bauten fortführen und vollenden zu können. Knappe zehn Monate später war der König tot.
Unweigerlich drängt sich vor dem Hintergrund des Fortgangs der Geschichte das Sprichwort auf, daß ein Reich leicht, eine Familie schwer zu regieren sei. Ludwig konnte seine Cousins, die Söhne seines Onkels Luitpold, nicht leiden und mit dem Defizit in der Kabinettskasse schwanden auch die pekuniären Zukunftsperspektiven der kinderreichen luitpoldinischen Prinzen dahin. Während Luitpold vom Kaiserprojekt abriet, verscherbelte König Ludwig durch den sogenannten Kaiserbrief die bayerische Souveränität, wofür er von Bismarck insegsamt etwas mehr als sechs Millionen Goldmark erhalten haben dürfte.

Wie dem auch sei: …

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(Fortsetzung folgt!)