Archiv für die Kategorie „Rohrer Geschichte“

Die Schlacht von Bazeilles

Sonntag, 14. November 2010

Nachdem Frankreich am 19. Juli 1870 Preußen den Krieg erklärt hatte, stellte sich für das Königreich Bayern die Frage, ob das Schutz- und Trutzbündnis mit dem  Norddeutschen Bund nun zur Geltung kommen müsse. Die Meinung des Ministerium von der Notwendigkeit des Kriegseintritts wurde nicht von allen Mitgliedern der Abgeordnetenkammer geteilt, die am 18./19. Juli über die Bewilligung der Kriegskredite zu verhandeln hatten. Der damit befaßte Auschuß wollte die Gelder nämlich nur zur Aufrechterhaltung einer bewaffneten Neutralität  bewilligen. Die Entscheidung brachte schließlich der Umschwung einer Gruppe der Patriotenpartei. Der Antrag auf “bewaffnete Neutralität” wurde vom Plenum mit 89 gegen 58 abgelehnt, der Regierungsantrag mit 101 gegen 47 Stimmen angenommen. Die bisher überwiegend preußenkritische Erste Kammer genehmigte am 20. Juli in nationaler Aufwallung einstimmig die Kriegskredite. Damit war über Johann Stöckl aus Rohr gleichsam das Todesurteil gesprochen.

Am 20. Juli 1870 war der Aufmarsch der in drei Armeen gegliederten deutschen Truppen bereits in vollem Gange. Die Südarmee konzentrierte sich bei Landau und bestand aus dem beiden bayerischen Armeekorps, zwei preußischen Korps, je einer württembergischen und badischen Division und einer preußischen Kavalleriedivision. Die beiden bayerischen Korps unter dem Befehl der Generäle Ludwig von der Tann (1815-1881) und Jakob von Hartmann (1795-1873) waren anfangs August an den Siegen von Weißenburg und Wörth beteiligt, anschließend auch an der Schlacht von Sedan, wobei sie bei Bazeilles und Balan schwere Verluste erlitten. Der Kampf um Bazeilles war ein wichtiges Gefecht der Schlacht von Sedan, das am 1. September 1870 um 4 Uhr morgens begann, als Teile der 1. Bayerischen Division in das französische 2000-Seelen-Dorf Bazeilles südlich von Sedan einrückten.

Die bayerische Vorhut hatte am 31. August die Sprengung der Eisenbahnbrücke südlich von Bazeilles verhindert, war aber bei der Verfolgung der Franzosen im Ort selbst auf heftigen Widerstand gestoßen. Am Abend hatte sie sich unbehelligt auf den Brückenkopf nördlich der Maas zurückgezogen. In der folgenden Nacht hatte die französische Armee Bazeilles durch Infanterie und Marineinfanterie der „Blauen Division“ sichern lassen, die Befehl hatte, den Ort bis zum letzten Schuß zu verteidigen. Straßen und massive Häuser waren zur Verteidigung ausgebaut. Die bayerischen Einheiten erlitten in den Häuserkämpfen in kurzer Zeit hohe Verluste und mußten im Laufe des Vormittags immer weiter verstärkt werden, so daß schon um 9 Uhr die gesamte 1. Division und Teile der 2. Division in Bazeilles im Kampf standen. Auch auf der französischen Seite griffen Verstärkungen ein. Um 11 Uhr begannen sich die Franzosen nach wechselvollen Kämpfen zurückzuziehen oder zu ergeben. Diese Entscheidung fiel, als der nördlich zwischen Bazeilles und Sedan gelegene Ort Balan nicht länger gegen die Bayern und Preußen, die von Osten her angriffen, gehalten werden konnte. An den Kämpfen in Bazeilles beteiligten sich auch bewaffnete Zivilisten aus dem Hinterhalt, was große Erbitterung bei den Bayern hervorrief. Sie erschossen viele von ihnen und zündeten Häuser an, aus denen sie beschossen wurden. 39 Einwohner von Bazeilles – Männer wie Frauen – fanden nach französischen Angaben den Tod, weitere 150 (10% der Einwohner) starben an Verletzungen in den Folgemonaten. Am Mittag stand der ganze Ort in Flammen. Die bayerische Armee beklagte den Verlust von 64 gefallenen Offizieren und etwa 1000 tote Soldaten. Unter den Opfern befand sich Johann Stöckl aus Rohr, einer von 130000 Bayern, die französichen Boden betreten hatten, und einer von mehr als 12000, die in ihre Heimat nie mehr zurückkehrten. Stöckl hatte in der 12. Kompanie des 2. Infanterieregiments Kronprinz gedient und war im Alter von 27 Jahren in Bazeilles von fünf Kugeln getroffen worden. Dies läßt vermuten, daß er in einen Hinterhalt von Zivilisten, die ihre Heimatstadt verteidigen wollten, geraten war.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Bayerische Truppen beim Häuserkampf

Bayerische Truppen beim Häuserkampf

Darf man den lokalen Überlieferungen Glauben schenken, haben 32 Rohrer an dem Feldzug teilgenommen. Sie wurden mit einem feierlichen Gottesdienst, den Pfarrer Wolfgang Geltinger (1866-1886) zelebrierte, verabschiedet.

Am 10. August 1870 hielt der Geistliche eine Predigt, die später unter dem Titel “Worte des Trostes und der Ermunterung” gedruckt wurde. Die Begeisterung, die infolge des Krieges hochschwappte, war Geltinger völlig fremd. Für ihn war das blutige Ringen keine Frage der nationalen Ehre, sondern eine Folge “Unsere[r] Sünden … unsere[r] himmelschreiende[n] Ungerechtigkeiten”. Dadurch wurde, so der Rohrer Pfarrer weiter, “die göttliche Rache herausgefordert und Gottes Gerechtigkeit gleichsam gezwungen, die Zuchtruthe über uns zu schwingen und uns mit schweren, ja – mit schrecklichen und furchtbaren Heimsuchungen zu strafen.” Trotzdem machte er seinen Pfarrkindern Hoffnung: “… wißet, daß nicht alle Kugeln treffen, und daß eure jungen Männer … von Gott dem Allmächtigen bewahrt, von Maria beschützt und von den heil. Engeln des Herrn euch wieder zugeführt werden.”Die Predigt endete schließlich mit dem Aufruf, sich von Haß, Feindschaft und Zwietracht zu bannen.

Was für ein Mann in einer Zeit, in der innerhalb von sechs Jahren drei Kriege geführt wurden, um Recht und Freiheit der Einheit zu opfern!

Johann Stöckl wurde schließlich in fremder Erde begraben. Am 11. November 1870 hielt Pfarrer Geltinger für den Gefallenen einen Trauergottesdienst. Die Predigt ist gedruckt und liegt im Staatsarchiv in Landshut. Sie ist zwar nicht so neutral wie die erste, doch auch sie läßt erkennen, daß er den Sieg der deutschen Waffen nicht auf Tapferkeit oder militärische Weitsicht zurückführte, sondern auf die religiöse Gleichgültigkeit des Feindes. Dabei beruft er sich auf einen französichen Bischof, der gesagt haben soll: “Niemand will beten und seine Zuflucht bei Gott nehmen, darum sind auch unsere Waffen nicht siegreich. Die Deutschen aber gehen in die Kirchen, zum Empfang der hl. Sakramente, und erfechten einen Sieg um den anderen.” Pfarrer Geltinger zog daraus den Schluß, daß das Strafgericht Gottes über die Franzosen hereingebrochen sei. Man findet aber kein Wort des Triumphes  in seiner Predigt. Auch jeglicher Siegestaumel ist ihm fremd. Auch die Deutschen müssen leiden. Seine Botschaft lautet: Betet und empfangt die Sakramente, dann bleibt uns dieser Irrsinn erspart! Stöckl, so der Pfarrer, “starb in blutiger Schlacht und furchtbarem Kampfgewühle”.

Heute erinnert an Johann Stöckl und vier weitere Feldzugsteilnehmer noch die Rohrer Mariensäule, die im September 1873 nach einem geradezu grotesk anmutenden Kompetenzgerangel endlich eingeweiht werden konnte. Kaspar Sedlmeier aus Sallingberg, der seit der Schlacht von Beaumont vermißt wurde, und Josef Marklstorfer aus Helchenbach, Josef Pritsch und Josef Lehner, die den “Kriegsstrapazen” erlegen sind. Die beiden letzten gehörten nicht zu den Linientruppen, sondern zu Landwehrbataillonen; einer der wenigen Hinweise, daß es in Rohr eine Landwehr gegeben hat.

“Im Krieg verlieren alle, auch die Sieger”, sagt ein spanisches Sprichwort. Davon zeugen auch die fünf Namen auf der Rohrer Mariensäule.

Der Sockel der Rohrer Mariensäule mit den Namen der Kriegsopfer

Der Sockel der Rohrer Mariensäule mit den Namen der Kriegsopfer

Petrus Pustet – der letzte Propst des Augustinerchorherrenstifts Rohr

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Was mag ein Mann wohl empfinden, wenn er erfährt, daß unter seiner Ägide eine Tradition von 670 Jahren schlagartig zu Ende geht, und er, der die Verantwortung trägt, ohnmächtig zusehen muß, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Diese Frage kann im Hinblick auf jeden Ordensoberen gestellt werden, der im Jahre 1803 einem bayerischen Kloster oder Stift vorstand. Die folgenden Zeilen sind einem dieser Klostervorsteher gewidmet, nämlich Petrus Pustet, dem letzten Propst des Augustinerchorherrenstift Rohr. Abgesehen von lokalpatriotischen Gründen ist diese Arbeit durch den weiteren Lebensweg des Herrn Peter motiviert. Der Ex-Konventuale wurde nämlich 1824 von König Maximilian I. Joseph zum Bischof von Eichstätt ernannt. Damit steht er in einer Reihe mit dem Regensburger Oberhirten

Propst Petrus Pustet (1801-1803)

Propst Petrus Pustet (1801-1803)

Johann Michael Sailer und dessen Schülern Ignaz Albert von Riegg, Johann Maria Manl und Franz Xaver Schwäbl.(1)

Petrus Pustet (Buchstett) wurde am 16. März 1764 zu Hemau in der Oberpfalz geboren und auf den Namen Johann Jakob Josef getauft.(2) Sein Vater Johann Georg war Lehrer und Chorregent. Die Mutter, eine geborenen Baklin, hieß Maria Anna. Wohl im Jahre 1784 trat Pustet in das Augustinerchorherrenstift Rohr ein. Am 4. November wurde er eingekleidet und am 7. November 1785 legte er die Profeß ab. Die Priesterweihe empfing er am 23. September 1787 in Regensburg.  Drei Jahre später promovierte er an der Universität Ingolstadt zum Magister und Doktor der Freien Künste und der Philosophie. Schon vor Beendigung seiner Studien wurde er  1789 zum Pfarrvikar der dem Stift inkorporierten Pfarrei Eschenhart bestellt. Nach der promotion wurde er jedoch sofort zum Professor der Höheren Grammatik an der Universität Ingolstadt berufen. Dort blieb er bis 1795. Ein Jahr später wurde er Pfarrvikar von Laaberberg. …

(1) Der einstige Pollinger Augustinerchorherr Riegg erhielt 1824 das Bistum Augsburg; der Benediktiner Manl wurde 1827 Bischof von Eichstätt; den Jesuitennovizen Sailer ernannte König Ludwig I. zum Bischof von Regensburg; und Schwäbl, der frühere Bartholomäer, wurde 1833 sein Nachfolger. Vgl. Albert, Marcel: Ordensleben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Kontinuität, Restauration und Neuanfänge, in: Gatz, Erwin (Hg.): Klöster und Ordensgemeinschaften (= Geschichte des kirchlichen Lebens in den deutschsprachigen Ländern seit dem Ende des 18. Jahrhunderts VII), Freiburg – Basel – Wien 2006, 149-204, hier 157.

(2) Zum Folgenden siehe Zeschick, Johannes: Die Rohrer Chorherren vom Jahre 1700 bis zur Aufhebung des Stiftes, in: Ders. (Hg.): Kloster in Rohr. Geschichte und Gegenwart, Landshut 1986, 75-123, hier 113.

(Fortsetzung folgt!)

Die Maultasche

Sonntag, 15. August 2010

Der Ursprung des Wortes “Maultasche” geht auf das 16. Jahrhundert zurück und ist zunächst in der Bedeutung als „Ohrfeige“ bezeugt. “Tasche” geht dabei wohl auf „tatschen“ – englisch: touch; italienisch: toccare – im Sinne von „schlagen“ zurück. Erst später wurde die Teigware danach benannt. Vermutlich wegen der Striemen, ähnlich einer Wange nach einer “Watschn”.

Die Maultasche besteht aus zwei Einstrangzöpfen, die vor dem Backen zusammengeschoben und danach befeuchtet mit einer Mischung aus Mehl und Salz bestäubt werden.

Der Kampf ums Schulkreuz 1941

Sonntag, 2. Mai 2010

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Am 23. April 1941 gab der Gauleiter Oberbayerns Adolf Wagner in seiner Eigenschaft als bayerischer Kultusminister einen Erlaß heraus, der sich inhaltlich in zwei Punkte untergliedern läßt. Zum einen ordnete Wagner an, daß das Schulgebet durch einen Spruch aus dem nationalsozialistischen Gedankengut oder einem Lied der HJ ersetzt werden soll, zum anderen, daß kirchlicher Bilderschmuck sowie Kruzifixe in der Schule am falschen Platz seien und entfernt werden müssen. Während das Verbot des Schulgebets in der allgemein vorhandenen Mißstimmung über die nationalsozialistische Kirchenpolitik aufging, kam es hinsichtlich der Entfernung der Schulkreuze zu spontanen Gegenmaßnahmen in weiten Kreisen der bayerischen Bevölkerung, so daß sich Wagner noch im selben Jahr genötigt sah, drei weitere Erlasse herauszugeben, von denen die letzten beiden den ersten abstoppten und schließlich sogar bedingt rückgängig machten. Wie sehr die Bevölkerung über die Entfernung der Schulkreuze aufgebracht war, zeigt ein Brief des Münchener Kardinals Michael von Faulhaber (1917-1952) an den bayerischen Episkopat vom 18. September 1941, in dem er schreibt:

“Offenbar hat seit der Beseitigung der Geisteskranken auf dem Wege der Euthanasie keine Maßnahme dem Volke so stark ans Herz gegriffen wie dieser Kampf gegen das Schulkreuz.”

Die nahezu einzigen Quellen für das Verhalten der bayerischen Bevölkerung im Kampf um das Schulkreuz bilden die Berichte der Regierungspräsidenten der Bezirke Bayerns. Bereits in der ersten Hälfte des des 19. Jahrhunderts waren die Präsidenten dazu angehalten worden, über die allgemeine politische Lage, die wirtschaftlichen Verhältnisse und über etwaige besondere Vorkommnisse dem Ministerium des Innern eingehende Berichte zuzustellen. Abdrucke dieser sogenannten Monatsberichte erhielten der bayerische Ministerpräsident, die Staatskanzlei, die bayerischen Minister, die übrigen Regierungspräsidenten, der Reichsstatthalter seit der Gleichschaltung im März 1933, das neu errichtete Reichskirchenministerium die kirchenpolitischen Abschnitte seit August 1935 und die Gestapoleitstelle in München seit Januar 1938. Diese Berichte stützen sich ihrerseits auf entsprechende Monats- und Sonderberichte der Landratsämter und der kreisfreien Städte, die wiederum ihre Informationen aus Berichten aus den Gemeinden und Gendarmeriestationen bezogen; die Polizei erhielt ihre Meldungen von örtlichen NSDAP-Funktionären und von Spitzeln.

Die Verfasser der Regierungspräsidentenberichte waren aber nicht die Präsidenten selbst, sondern die Stellvertreter der Regierungs- bzw. Oberregierungspräsidenten. Obwohl die Personalien und der berufliche Werdegang einiger Referenten bekannt ist, kann heute nicht mehr festgestellt werden, inwieweit sich die Einstellung der Verfasser zum Nationalsozialismus auf die Formulierung der Berichte auswirkte. Der Wert dieser Monatsberichte liegt aber auch weniger auf den Urteilen der Referenten als auf der lückenlosen Aneinanderreihung konkreter Fakten. Die große Zahl von Einzelnachweisen belegt “die fortlaufende Existenz einer religiös fundierten Volksopposition” (Helmut Witetschek). Ferner liegt mit diesen Berichten eine Quelle über eine Gesellschaftsschicht – Pfarrer und Kirchenvolk, Ortsgruppenleiter und kleine Parteifunktionäre – vor, über die ansonsten kaum berichtet wird.

Eine zweite Quelle zum Kampf um das Schulkreuz stellen die Akten des Kardinals der Erzdiözese München und Freising Michael von Faulhaber (1917-1952) dar. Aus ihnen lassen sich die Maßnahmen des bayerischen Episkopats gegen die Entfernung des Schulkreuzes rekonstruieren. Unter diesen Akten befinden sich insgesamt 18 Schriftstücke, die sich mit der Schulkreuzproblematik befassen; si e wurden zwischen dem 9. Mai und dem 21. November 1941 verfaßt. 14 dieser 18 Dokumente sind Briefe, von denen acht aus der Feder Faulhabers stammen und sechs an den Erzbischof gerichtet sind. Die Empfänger dieser Schreiben sind je einmal die Bischöfe Michael Buchberger (1928-1961) und Michael Rackl (1935-1948), der Diözesanklerus und Adolf Wagner in seiner Eigenschaft als bayerischer Kultusminister. Vier Briefe waren an den bayerischen Episkopat adressiert. Die Briefe, die Faulhaber erhielt stammen von den Bischöfen Landersdorfer, Rackl, Hauck und Buchberger, wobei der Regensburger Bischof zwei Schreiben verfaßte, und vom Passauer Generalvikar Riemer. Die restlichen vier Dokumente bestehen aus einem Entwurf Faulhabers für ein Hirtenwort des bayerischen Episkopats, das Hirtenwort, das am 17. August 1941 verlesen wurde, ein Lagebericht des Ausschusses für Ordensangelegenheiten und ein Entwurf Faulhabers für ein gemeinsames Hirtenwort der katholischen Bischöfe Deutschlands.

Der erste bekannte Fall einer Schulkreuzentfernung im Deutschen Reich ereignete sich bereits im Jahre 1936 im Bistum Regensburg, und zwar in Konnersreuth. Dorthin wurde im Sommer 1936 ein Lehrer versetzt, der bald nach seinem Amtsantritt das Schulkreuz hinter die Tafel stellte, von wo aus es die Putzfrau an seinen ursprünglichen Ort wieder zurückbrachte. Im Oktober entfernte der Lehrer der Lehrer das Kreuz abermals, nahm es mit nach Hause und ersetzte es durch ein kleineres. Dies geschah ohne jegliches Vorbild und ohne irgendeine Weisung einer Behörde oder der Partei. Als Tun für sein Tun gab der  Lehrer an, daß ihn das Kreuz bei der Arbeit störe, genauso wie das Feldkreuz in der Nähe seiner Wohnung. Offensichtlich war dieser Lehrer so sehr von der NS-Ideologie durchdrungen, daß er glaubteeinen Satz von G. Sebecker in die Tat umsetzen zu müssen: ” Wem das Hakenkreuz ins Herz gebrannt, der haßt all’ anderen Kreuze.” Als auch der Bürgermeister nichts unternahm, griffen die Konnersreuther am 28. Februar 1937 zur Selbsthilfe, indem sich ca. 70 Personen vor der Wohnung des Lehrers versammelten und die Herausgabe des Kreuzes verlangten, um es in einer Prozession in die Schule zurückzubringen. Ob und inwieweit das unerschrockene Verhalten der Bevölkerung des Landes Oldenburg beim dortigen Schulkreuzstreit die Konnersreuther Bürger zu diesem Schritt veranlaßt hat, bleibt dahingestellt; jedenfalls löste diese Auseinandersetzung auch in Bayern lebhafte Unruhe aus. Erst als das Bezirksamt Gendarmerieverstärkung zusammenzog, zerstreuten sich die Leute wieder. Das Kreuz wurde dann auf Anordnung von Holzschuher unauffällig zurückgebracht.

Der Nationalsozialismus war keine in sich geschlossene Weltanschauung, sondern ein Konglomerat verschiedener Ideologie wie übersteigerter Nationalismus, Rassismus, Sozialdarwinismus und das “Führerprinzip”. Sie machten den Nationalsozialismus zu einer totalitären Weltanschauung, die   An- spruch auf die völlige Verfügbarkeit aller Menschen erhob. Um diesen Totalitarismus zu verwirklichen, schaltete Hitler nach und nach den Reichstag, die Lämder, die innerpartliche Opposition, die Parteien und die Gewerkschaften aus. Aus diesem Totalitätsanspruch heraus ist es logisch, daß er auch die Kirchen und ihre Institutionen nicht dulden würde, zumal die katholische Kirche vor der “Machtübernahme” dem Nationalsozialismus eine klare Absage erteilt hatte. Trotzdem versuchte Hitler nicht sofort, die Kirchen und ihre Institutionen zu vernichten, sondern sie als ein Instrument des Totalitarismus in den NS-Staat einzubauen, da er die beiden Kirchen völlig falsch einschätzte: “so wie sie [die Kirchen] Häckel und Darwin, Goethe und Stefan George zu Propheten ihres Christentums gemacht haben, so werden sie das Kreuz durch unser Hakenkreuz ersetzen”. So erklärte Hitler in seiner Reichstagsrede vom 23. März 1933: “Die nationale Regierung sieht in den beiden christlichen Konfessionen wichtigste Faktoren der Erhaltung unseres Volkstums. Sie wird die zwischen Ihnen und den Ländern abgeschlossenen Verträge respektieren: ihre Rechte sollen nicht angetastet werden.” Am 20. Juli 1933 kam es sogar zum Abschluß eines Reichskonkordats mit dem Hl. Stuhl. Trotzdem ließ sich die katholische Kirche nicht gleichschalten, was zum offenen Kirchenkampf führte. Es gelang der NSDAP jedoch nicht, die Kirche zu brechen. Da die antiklerikalen Methoden von Männern wie z. B. Julius Streicher (1885-1946) das Verhältnis zwischen Kirchenvolk und Klerus eher festigte, kamen andere NS-Größen zu der Überzeugung, daß man den Einfluß der Kirche dadurch zurückdrängen könne, indem man durch lokale administrative Maßnahmen Staat und Kirche trennt. Infolgedessen ordenete Martin Bormann (1900-1945) am 7. Januar 1936 alle Parteidienststellen an, von religiösen bzw. kirchlichen Fragen unbedingt Abstand zu nehmen. Auf dieser Grundlage kam es am 4. November 1936 im Land Oldenburg erstmals zur Entfernung der Schulkreuze infolge einer ministeriellen Verordnung.

Kaum war der Präzedenzfall geschaffen, fand die Aktion in weiten Teilen Bayerns Nachahmung. So meldet der Regierungspräsident Oberbayerns in seinem Monatsbericht vom 7. Februar 1937, daß sich auch hier ähnliche Fälle ereignet haben. In Niederbayern und in der Oberpfalz zogen sich die kirchenfeindlichen Maßnahmen bis 1939 hin. Zu einer besonders harten Auseinandersetzung kam es in der Pfalz. Dort hatte der Speyerer Bischof Ludwig Sebastian (1917-1943) am 26. Dezember 1936 ein Hirtenwort verlesen lassen, das sich mit den Vorgängen in Oldenburg befaßte. Am 25. Januar 1937 wurden schließlich auf Anordnung des Schullleiters in der Ortschaft Frankenholz das Bild des Führers anstatt des Kreuzes ins Blickfeld der Kinder gehängt. Die Kruzifixe wurden über der Eingangstür angebracht. Nachdem die Proteste der Eltern nichts gefruchtet hatten, entschlossen sie sich zu einem Schulstreik und man entsandte eine Delegation zur Schulabteilung des Reichskommissariats nach Saarbrücken. Jedoch gingen Partei und Gestapo gegen die am Streik Beteiligten vor, indem einige Personen in Schutzhaft genommen wurden und 14 Familienväter ihre Arbeit verloren. Dies geschah, obwohl die Behörden eine gütliche Regelung der Angelegenheit zugesagt hatten. Darauf ließ Sebastian am 14. und am 21. Februar zwei weitere Hirtenbriefe folgen, von denen letzterer die Anordnung eines Sühnegottesdienstes für die entlassenen Arbeiter beinhaltet hat.  Gauleiter Josef Bürckel (1895-1944) reagierte mit der Einführung der Gemeinschaftsschule und mit einer Diffamierungskampagne gegen Sebastian. Obwohl das Frankenholzer Schulkreuz nicht zurückgebracht wurde, ließ Bürckel keine weiteren Entfernungen mehr zu. Neben Sebastian brachte von den bayerischen Oberhirten nur noch der Bamberger Erzbischof Johann Jakob von Hauck (1861-1943) in seiner Silvesterpredigt die Oldenburger Vorgänge in die Öffentlichkeit.

Zum eigentlichen Kampf um das Schulkreuz kam es in Bayern erst 1941. Am 23. April erließ Kultusminister Wagner einen Erlaß; darin hieß es unter anderem: “Gleichzeitig weise ich darauf hin, daß kirchlicher Bilderschmuck, auch wenn er künstlerischen Wert besitzen sollte, sowie Kruzifixe in der Schule am falschen Platze sind; ich ersuche daher, Sorge dafür zu tragen, daß solcher Wandschmuck allmählich entfernt oder durch zeitgemäße Bilder ersetzt wird. Eine geeignete Gelegenheit hierzu ergibt sich beispielsweise bei Erneuerungsarbeiten in den Klaßzimmern und Anstaltsgebäuden oder im Zuge räumlicher Änderungen. Ich ersuche entsprechend zu verfahren.” Ab Juni 1941 beinhalten alle Monatsberichte der einzelnen Bezirksregierungen Berichte über die Reaktionen der bayerischen Bevölkerung, die überall ablehnend war. Obwohl Wagner ausdrücklich angeordent hatte, die Kreuze bei “geeigneter Gelegenheit” zu entfernen, gingen übereifrige Vollzugsbeamte mancherorts unmittelbar nach dem Erlaß daran, die Anweisung zu vollstrecken. Die Reaktionen der Bevölkerung waren dementsprechend. Die aufgebrachten Eltern beschwerten sich, wobei sie sich oftmals auf die Zusicherung anläßlich der Einführung der Gemeinschaftsschule im Jahre 1937  stützten, nämlich, daß die Kruzifixe nicht entfernt werden. In einigen Fällen hatten sie sogar Erfolg, und das Kreuz wurde zurückgebracht. Wenn Wagner erwartet hatte, daß die Reaktionen der Bevölkerung, die antiklerikale Maßnahmen mit sich brachten, auch in diesem Fall nachlassen würden, so hatte er sich geirrt: “Die Anordnung über die Abschaffung des Schulgebets und die Entfernung der Kruzifixe aus den Schulen beunruhigte die Bevölkerung auch weiterhin sehr stark und belastete die allgemeine Stimmung erheblich. In verschiedenen Fällen kam es zu Schulstreiks oder Drohungen mit solchen, wobei auch Ortsgruppenleiter und Ortsbauernführer ihren Unwillen über diese Maßnahme zum Ausdruck brachten. Man erinnerte an die während des Kampfes um die Gemeinschaftsschule gegebenen Versprechungen, daß die Kruzifixe in den Schulen bleiben würden, und hält die Maßnahme für eine Vorläuferin weiterer Anordnungen, namentlich der völligen Aufhebung  des Religionsunterrichts. Ein Landrat weist darauf hin, daß der Vollzug sich wohl wesentlich reibungsloser gestaltet hätte, wenn die Bevölkerung durch die Partei für diese Aktion vorbereitet worden wäre. Vielfach wird betont, daß diese Anordnungen die Bevölkerung in eine mißtrauische Einstellung zu Partei und Staat brächten und auch in einem Rückgang der Opferwilligkeit ihren Niederschlag fänden.”
Dem bayerischen Episkopat wurde der Erlaß nicht mitgeteilt. So wußten die Oberhirten anfangs Mai immer noch nicht, ob er nur für höhere Schulen oder für alle Schultypen Geltung haben sollte. In der Öffentlichkeit nahm der Bamberger Bischof Johann Jakob von Hauck (1912-1943) als erster Stellung. Am 8. Juni ließ er in einer Kanzelankündigung auf den Erlaß hinweisen und in allen Kirchen Bambergs Sühne-Andachten abhalten, die gut besucht waren. Am 26. Juli 1941 – ein Vierteljahr nach dem “Krizifixerlaß” – richtete schließlich Faulhaber im Namen der bayerischen Bischöfe ein Schreiben an Kultusminister Wagner. Der Münchener Erzbischof wies die regionale Nazi-Größe darauf hin, daß es das Volk erwarte, daß die Oberhirten zu den fraglichen Vorgängen Stellung nehmen, daß es aber auch deren Gewissenspflicht sei, angesichts eines solchen Vorfalls bei den höchsten Schulbehörden vorstellig zu werden. Ferner sah Faulhaber einen Widerspruch darin, daß ein Staat, dessen Soldaten den “Feind des Kreuzes”, den Bolschewismus niederwerfen wollen, selbst die Kruzifixe entfernen läßt. Schließlich erinnerte er den Kultusminister daran, daß anläßlich der Einführung der Gemeinschaftsschule der Verbleib der Kreuze in den Schulen zugesichert wurde. Wagner selbst äußerte, daß jeder, der das Gegenteil behaupte, sich schwer gegen Gott und den Menschen versündige. Schließlich dachte Faulhaber daran, am Tag des hl. Laurentius (10. August) herauszugeben, da er befürchtete, daß der Kruzifixerlaß während der Schulferien durchgeführt werden soll. Er verschob den Termin aber wieder, da ihm der Kultusminister am 1. August mündlich ein bald zu erwartendes Antwortschreiben ankündigen ließ.

(Fortsetzung folgt!)

Karl Geisenfelder

Der Geist im Kloster Rohr

Freitag, 9. April 2010

Ortsheimatpfleger Vino Schwertl gilt nicht nur als Lokalhistoriker, sondern auch als Sammler von regionalen Sagen und Legenden. Mehrere seiner Sagen wurden von Emmi Böck in die “Sagen der Hallertau” aufgenommen, so  “Der Geist im Kloster Rohr” und “Die Geister am Weißenkellerberg”.

Die erste von beiden lautet folgendermaßen: “Nach der Aufhebung des Klosters im Jahre 1803 wurde der Ostteil des Klosterbaues zum Pfarrhof bestimmt. Noch vor 80 Jahren wußten die Leute von eigentümlichen Vorgängen zu erzählen, die sich in diesem Gebäude ereignet hätten. Bei der Nacht vernahm man auf dem oberen Gang hallende Schritte. Sie näherten sich jeder Tür. Dann folgte ein lautes Pochen und Klopfen. Im Laufe der Zeit machte der Pfarrer die Beobachtung, daß sich diese immer mehr als Anmeldung eines der Pfarrei bevorstehenden Todesfalles ereignete.

Einmal hatte ein neugeweihter Priester in Rohr eine Primizpredigt zu halten. Bei dieser Gelegenheit mußte er im Pfarrhof übernachten. Der Pfarrer erzählte ihm von den seltsamen Geräuschen in den alten Klostergängen. Aber der junge Priester war eben vom Krieg zurückgekommen und sagte, daß er gar nichts fürchte und daß er fest entschossen sei, dieser geheimnisvollen Sache auf die Spur zu kommen.

Er legte sich zu Bett. Gegen Mitternacht hörte er laute Schritte und lautes Pochen an allen Türen. Auch an seiner Tür klopfte es. Er dachte an Einbrecher und sprang mit dem Revolver in der Hand hinaus. Aber er sah nichts und hörte auch nichts mehr. Von dieser Stunde an war das Geräusch für immer verschwunden.”

Landläufig meint man oft, niedergeschriebene Sagen seien das Ergebnis intensiver Feldforschung, ohne die diese ursprünglich nur mündlich tradierten Texte der Vergessenheit anheim gefallen wären. Zumindest in diesem Fall ist es aber nicht so; Schwertl bediente sich nämlich einer Vorlage, wenngleich er diese in wesentlichen Teilen modifizierte.

Gefunden hat der Rohrer Ortsheimatpfleger diese Sage in der vierbändigen “Geschichte der Säkularisation im rechtsrheinischen Bayern” des Regensburger Dompredigers und nachmaligen Generalvikars Alphons Maria Scheglmann (1858-1937). In diesem Werk steht zu lesen: “Hier finde etwas Erwähnung, was vielleicht nicht ganz ohne Zusammenhang mit der Säkularisationsgeschichte ist. Schon in seinen Studienjahren hörte der Verfasser von eigentümlichen Vorgängen, welche im Pfarrhofe zu Rohr herkömmlich seien. Als neugeweihter Priester hatte er in Rohr eine Primizpredigt zu halten, bei dieser Gelegenheit auch im Pfarrhofe zu übernachten Das wollte er benützen, um der Sache auf den Grund zu kommen. Beim abendlichen Zwiegespräche bestätigte ihm der damalige würdige Pfarrherr alles Gehörte: nicht selten vernehme man bei Nacht auf dem oberen Gang des Pfarrhofes hallende Schritte, die sich jeder Tür nähern, worauf lautes Pochen an der Tür folgt. Er – ein Kombattant aus dem Jahre 1870-71 und Inhaber des Eisernen Kreuzes – habe, als er nach einem Aufzuge dies zum ersten Mal erlebte, an Einbrecher gedacht, sei mit dem Revolver in der Hand hinausgesprungen, aber weder einen Menschen noch ein Tier habe er bemerken können, es sei vielmehr zu konstatieren gewesen, daß sich auf dem Gange ein animalisches Wesen weder befunden habe noch sich befinden könne. Im Laufe der Zeit machte der Pfarrer die Beobachtung, daß sich derselbe Vorfall immer und nur als Anmeldung eines in der Pfarrei alsbald bevorstehenden Todesfalles wiederholte. Auf welche mehrfache Weise diese Tatsache mit der Säkularisation in Verbindung stehen könnte, wird der in der Mystik erfahrene katholische Leser unschwer herausfinden.”

Für den Rohrer Hauptlehrer Schwertl war es ein Leichtes zu erfragen, ob der Geist noch polterte oder damit aufgehört hatte.  Da sich das Gespenst nicht mehr hören ließ, brauchte er eine Erklärung dafür, und zu diesem Zweck machte er den Primizianten zum unerschrockenen Kriegsteilnehmer, der mit gezückter Waffe auf den Gang trat. Das Schreckgespenst war erschrocken und ließ sich künftighin nicht mehr blicken.

Nun verbirgt sich aber hinter dem anonymen Primizianten – wie aus der Vorlage bekannt – der nachmalige Generalvikar Alphons Maria Scheglmann. Der Kleriker wurde 1858 geboren und war demnach bei der Beendigung des Deutsch-Französischen Krieges 13 Jahre alt. Er konnte zu diesem Zeitpunkt also weder Kriegsteilnehmer noch Neupriester sein. Schwertl hat also bei der literarischen Umformung der Vorlage die geschichtlichen Gegebenheiten zugunsten eines plausiblen Schlusses hintangestellt. Um dieses Ziel zu erreichen, hat er auch den real existierenden Personen eine andere Funktion zugewiesen. Nach Scheglmann war es der Rohrer Pfarrer, der am Frankreichfeldzug 1870/71 teilgenommen hatte und mit der Waffe in der Hand aus dem Zimmer gesprungen war; das Gespenst ließ sich davon nicht beeindrucken. Nach Schwertl war es der Kriegsheimkehrer und Primizprediger, der zur Tat schritt und dem Spuk ungewollt ein Ende machte.

Wenn man Scheglmanns Version Glauben schenken wollte, bliebe die Frage nach dem Verschwinden des Gespensts. Unterzieht man dem Text der historischen Kritik, so fällt sehr schnell auf, dass es sich um eine Kunstsage handeln muss, die im königlich-bayerischen Rohr in der Form nie erzählt wurde. Scheglmann wurde  nämlich erst zehn Jahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg, am 3. Juli 1881, zum Priester geweiht. Es ist nicht auszuschließen, dass er als Primizprediger nach Rohr gekommen ist. Pfarrer war damals der 80-jährige Wolfgang Geltinger (1801-1886), der die Marktgemeinde seit 1866 seelsorgerlich betreute. Allein aufgrund seines Alters kann ausgeschlossen werden, dass der Kleriker 1870/71 im Felde stand. Aber es gibt noch einen weiteren Beleg. Am 10. August 1870 hielt er seinen Pfarrkindern eine Predigt, die unter dem Titel “Worte des Trostes und der Ermunterung” veröffentlicht wurde. Er hat also zum fraglichen Zeitpunkt Rohr nicht verlassen.

Es bleibt die Frage, was Scheglmann dazu veranlasst hat, diese Kunstsage zu verfassen. Entweder hat er sie frei erfunden, um seinen Standpunkt bezüglich der Säkularisation mit Berufung auf numinose Mächte zu untermauern, oder Pfarrer Geltinger war ein Spaßvogel, dem es gefiel, dem jungen Amtsbruder, dem er anmerkte, dass er für unheimliche Geschichten empfänglich war, eine schlaflose Nacht in Rohr zu bereiten.

Man wird es nie erfahren.

Unsere Ortsnamen

Sonntag, 21. März 2010

Die folgenden Ausführungen stammen aus den “Rohrer Geschichtsblättern” des früheren Rohrer Ortsheimatpflegers Vino Schwertl († 1960). Die Forschung ist jedoch nicht stehen geblieben. Ergänzungen, Modifikationen oder Korrekturen werden blau geschrieben. Die Rechtschreibeung des Originals wird beibehalten.

Ror im Moos

Sumpf, Moor und Moos, das einst in unserem Tale gelegen und die Schilfrohre, mit denen es bewachsen war, gaben unserem Ort den Namen und haben auch die zwei Rohrkolben in sein Wappen getragen. Rohr ist wohl versehen mit Wassern und Weihern, heißt es 1135 in einer Chronik, so daß an manchen Orten nicht sechs Schuh tief gegraben werden muß, um Wasser zu bekommen.

Noch zur Zeit der Klosteraufhebung lagen sechs Weiher mit ca. zehn Tagwerk Oberfläche um das Kloster, deren Wasser in zwei tiefgefurchten Bächen das Tal zur Laaber suchten.In den Kommissions-Protokollen werden genannt: Der sog. Abdeckerweiher, der Kuchenweiher, der Oberrohrer Weiher, der Lausamer Weiher, das Bräuhaus-Grübchen und der Bestallungs-Weiher.

Die Gewässer waren sehr fischreich Im Jahre 1660 haben die Schweden alle Weiher abgelassen und die Fische mitgenommen.

Hier handelt es sich offensichtlich um einen Tippfehler; der Dreißigjährige Krieg endete 1648 und die Schweden haben das Kloster bereits 1632 verwüstet.

Trotzdem konnte man aus dem Lausamer Weiher noch zwei Tausend Karpfen fischen, die für 15 Gulden nach Neustadt verkauft wurden. (Ein Gulden wurde bei der Umwertung im Jahre 1871 mit 1,71 RM gerechnet.) Ein einziger Karpfen soll zurückgeblieben sein. Ein Urgroßvater wußte nämlich seinem Enkelkinde zu erzählen, daß der Fisch vor vielen Jahrzehnten mit dicht bemoostem Rücken, vor Alter schon bewegungsunfähig, aus dem Moor-Tümpel beim Schie-Anwesen gezogen wurde.

Bei Salingberg [!] könnte man an einen Berg der Saligen oder Seligen denken. Doch das wäre grundfalsch. Um das Jahr 1050 heißt der Ort Tolenberg und in einer Schrift aus dieser Zeit wird erzählt, daß Walchurn von Ovenstetten sein Gut, den Tolenberg, dem Kloster Weltenburg übergibt. Das althochdeutsche Wort “Dolen” entspricht dem Hochdeutschen dulden oder leiden. Der Tolenberg ist also der Leidensberg.

Kurz bevor Ludwig der Kelheimer (1231) auf Veranlassung des Kaisers Friedrich II. durch einen Meuchelmörder erstochen wurde, schenkte ihn er die Kapelle in “Selenperc” dem Kloster Rohr. Sie blieb bis 1803 beim Kloster. Da dieser Berg einmal Tolenberg (Leidensberg), das andere Mal Selenperc genannt wird, muß angenommen werden, daß unter dem später entstandenen Sallingberg ein Berg der Armen Seelen zu verstehen ist.

Schwertls Verdienst ist es, den Zusamenhang zwischen Tolen- und Sallingberg hergestellt zu haben. Leider geben seine “Geschichtsblätter” keine Auskunft darüber, auf welche Quellen er sich dabei beruft. Vielleicht kannte er die Güterbestandsliste des Klosters Weltenburg aus dem Jahr 1128. Dort befindet sich nämlich ein Orts namens “Tollenberch”, der von den Historikern bis heute nicht eindeutig lokalisiert werden kann. Im Einkünfteverzeichnis taucht dann plötzlich “Perg” (Sallingberg) auf und “Tollenberch” taucht nicht mehr auf. Es gibt aber noch weitere Indizien, die für eine Gleichsetzung der beiden Ortsnamen sprechen.


(Fortsetzung folgt!)

Warum der Markt Rohr keinen Bahnhof hat oder die Entstehung einer modernen Sage

Samstag, 13. Februar 2010

Diskutiert man in Rohr über die regionalen Verkehrsverhältnisse, so mündet das Gespräch über kurz oder lang in der vorwurfsvollen Feststellung, daß es “seinerzeit” von den ortsansässigen Ladenbesitzern verhindert worden sei, den Marktflecken in das niederbayerische Eisenbahnnetz einzubinden, da nach deren Dafürhalten eine größere Mobilität der Bevölkerung einen Niedergang der heimischen Geschäftswelt zur Folge gehabt hätte. Demnach soll es den Gewerbetreibenden gelungen sein, die Verantwortlichen in den zuständigen Ministerien dahin zu bewegen, auf den Bau des letzten Teilstücks der Bahnstrecke Landshut-Ingolstadt zu verzichten, so daß die geplante Trasse, die von Landshut über Rohr nach Abensberg hätte führen sollen, bereits in Rottenburg an der Laaber ihren Abschluß fand und die Verbindungsstrecke zu einer sogenannten Lokalbahn degenerierte.

Fragt der interessierte Zuhörer jedoch nach dem genauen Zeitpunkt dieser Aktion, der Rolle des Magistrats oder den Wortführern der Geschäftsbesitzer, so erhält er keine oder nur unbefriedigende Antworten. Es wäre freilich interessant zu erfahren, wie es den Gegnern der Bahn gelungen sein sollte, die obrigkeitsstaatliche Bürokratie jener Zeit von ihrem Standpunkt zu überzeugen und somit den ursprünglichen Plan in wesentlichen Teilen zu modifizieren.

Will man den historischen Hintergründen dieser doch recht mysteriös anmutenden Erzählungen auf den Grund gehen, so hat man sich vor allem mit der Planungsgeschichte der Bahnlinie Landshut-Rottenburg zu beschäftigen. Vorab aber einige Worte zu Abensberg: Die Babonenstadt war im Rahmen der Errichtung der Strecke Regensburg-Ingolstadt in das bayerische Eisenbahnnetz einbezogen worden. Am 9. März 1874 konnte erstmals ein Materialzug in den neuerrichteten Bahnhof einfahren. Damit war gleichsam die Zielstation geschaffen, die gemäß der in Rohr umlaufenden Erzählungen mittels einer Bahnstrecke mit der Hauptstadt Niederbayerns verbunden werden sollte.

Landshut besaß bereits seit 1858 einen Bahnhof. Im Jahre 1890 ersuchte der Magistrat der Drei-Helmen-Stadt um die Konzession zur Projektierung einer Lokalbahn von Landshut nach Pfeffenhausen und ein Eisenbahnkomitee des Marktes Rottenburg um die Projektierung einer Linie von Pfeffenhausen nach Eggmühl. Die bayerische Regierung entsprach beiden Wünschen. Die daraufhin einsetzenden Planungen dauerten nahezu fünf Jahre. Die Münchener Lokalbahn-AG projektierte die Trasse von Landshut bis nach Pfeffenhausen. Gleichzeitig plante ein Stuttgarter Ingenieursbüro die Bahnlinie von Pfeffenhausen über Rottenburg nach Eggmühl. Diese sollte von Rottenburg entlang am linken Ufer der Großen Laaber über Langquaid, Ober- und Niederleierndorf und Schierling zum genannten Zielort führen. Für das zur Gemeinde Laaberberg gehörige Alzhausen wurde einem undatierten Vorbericht zufolge eine Haltestelle in Betracht gezogen. Doch schließlich kamen die verantwortlichen Stellen zu dem Schluß, daß es zweckmäßiger sei, eine Lokalbahn von Landshut nach Rottenburg und eine weitere Lokalbahn von Eggmühl über Schierling nach Langquaid zu bauen. Die Linie Landshut-Rottenburg wurde schließlich in das Lokalbahngesetz vom 17. Juni 1896 mit aufgenommen, und am 29. Oktober 1900 konnte die erste Probefahrt stattfinden.

Konfrontiert man nun die Planungsgeschichte der Bahnstrecke Landshut-Rottenburg mit den oben erwähnten Erzählungen, so wird deutlich, daß die zuständigen Behörden zu keinem Zeitpunkt an den Bau einer Linie Landshut-Abensberg gedacht haben und daß folglich ein etwaiger Widerstand der Rohrer Geschäftswelt gegen ein solches Projekt – will man ihr nicht einen Kampf gegen selbstgemachte Gespenster unterstellen – völlig aus der Luft gegriffen ist. Damit aber nicht genug; der Anschluß an das bayerische Eisenbahnnetz wurde nämlich von den Rohrern nicht nur nicht vereitelt, sondern sogar gefordert. So richtete der Marktgemeinderat am 12. Mai 1900 unter Berufung auf die wirtschaftlichen Interessen des Ortes eine “Allerehrfurchtsvollste Bitte um huldvollste Aufnahme einer Lokalbahnlinie Rohr-Abensberg in den allernächsten Gesetzentwurf”.

Auslösendes Moment für dieses Ansuchen war zum einen die bereits genehmigte Linie Eggmühl-Langquaid, zum anderen die Petition der Gemeinden Siegenburg und Abensberg, beide Ortschaften durch eine Lokalbahn zu verbinden, die am 8. März 1900 von der Abgeordnetenkammer des Bayerischen Landtags an die Königliche Regierung weitergegeben wurde. Nach der Verwirklichung dieser Projekte wäre Rohr der einzige Marktflecken zwischen der Abens und der Großen Laaber ohne Anschluß an das bayerische Eisenbahnnetz gewesen.

Die Entrüstung, welche die gesamte Einwohnerschaft ergriff, nachdem sie erkannt hatte, daß die Neuerungen der Zeit in Rohr keinen Einzug halten sollten, ist in dem bereits oben erwähnten Schreiben des Bürgermeisters Beck – einem Kaufhausbesitzer – an das Königliche Staatsministerium des Königlichen Hauses und des Äußern deutlich zu erkennen. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, schrieb das Gemeindeoberhaupt: “Die beiden Kammern des Landtages haben in der heurigen Beratung des Lokalbahngesetz-Entwurfes die Erbauung einer Lokalbahn Eggmühl-Langquaid genehmigt und die Erbauung der Linie Siegenburg-Abensberg der Hohen Königlichen Staatsregierung zur Würdigung hinüber gegeben. Die Ausführung dieser beiden Linien bedeutet für den Markt Rohr und die örtlich mit dem Markte zusammenhängende Gemeinde Kloster-Rohr nichts weniger als den vollständigen gewerblichen Ruin, schlägt seiner Landwirtschaft die tiefsten Wunden und fordert geradezu zum Proteste heraus. Es hat sich nach Bekanntwerden dieser Thatsachen unserer Einwohnerschaft eine tiefe Erregung bemächtigt und verlangt dieselbe stürmisch, daß die leitenden Gemeindevorstände schleunigst Schritte unternehmen, der den Interessen unserer Bürgerschaft drohenden Gefahr noch rechtzeitig vorzubeugen. … Nach Erbauung dieser beiden Linien liegen die beiden örtlich zusammenhängenden Gemeinden im Mittelpunkte eingeschlossen, von vier Richtungen auf 10-13 km an ihre Peripherie herangehenden Eisenbahnstationen. Dadurch wird ringsum jeder Zuzug und jeglicher Verkehr mit dem Markte Rohr für alle Zeit abgeschnitten, sein Hinterland geht vollständig verloren, er wird vollständig isoliert und somit in seinen vitalsten Interessen zu Grunde gerichtet. Die uns umliegenden Märkte werden zum Schaden und auf Kosten des Marktes und der Bürgerschaft Rohrs, die politisch, gewerblich und wirtschaftlich den Nachbarsmärkten vollständig ebenbürtig sind, begünstigt.”

Beck hat dem Ministerium gegenüber freilich nicht nur seiner Entrüstung Luft gemacht, sondern auch den Weg aufgezeigt, wie das Projekt einer Lokalbahn Rohr-Abensberg verwirklicht werden könne. Nachdem er zunächst mit beeindruckenden Zahlen die Wirtschaftskraft des Marktes und seines unmittelbaren Umlands aufgezeigt hatte, ließ er die Regierung wissen, daß infolge von Bürgerbeschlüssen die Gemeinden Rohr und Kloster-Rohr sofort 45000 Mark zur Verfügung stellen können. Ferner hatte das in Rohr gegründete Eisenbahnkomitee bei der Stadt Abensberg um einen Zuschuß nachgesucht. Der dortige Magistrat stand dem Ansinnen positiv gegenüber und stellte zum Erwerb des notwendigen Terrains einen Zuschuß von 10000 Mark in Aussicht. Und auch die Gemeinde Offenstetten war bereit, sich an dem Projekt zu beteiligen, indem sie den Grund, soweit die Bahn ihre Flur durchschnitt, unentgeltlich zur Verfügung stellen wollte. Des weiteren wies der Rohrer Bürgermeister darauf hin, daß ja 3 der insgesamt 13 km langen Strecke bereits fertiggestellt sind. Damit machte er andeutungsweise darauf aufmerksam, daß von der Steingewerkschaft Offenstetten bereits 1878 von der Bahnstation Abensberg bis zu ihrem Kalkofen und Steinlager in Offenstetten-See eine Industriebahn mit Pferdebetrieb gebaut hatte, deren Gleise problemlos in die geplante Trasse integriert hätten werden können.

Becks Schreiben blieb nicht ohne Wirkung. Bereits am 13. Juni wandte sich der Königliche Oberingenieur Zeulmann von der Generaldirektion der Königlich bayerischen Staatseisenbahnen an das Bayerische Außenministerium und teilte diesem mit, daß “die in der Eingabe ausgesprochenen Befürchtungen, daß durch die Erbauung der Lokalbahnen Landshut-Rottenburg, Eggmühl-Langquaid und Abensberg-Siegenburg der Markt Rohr zu Grunde gerichtet wird, … nicht getheilt werden” können. Obwohl er also dem Projekt ablehnend gegenüberstand, macht er in seinen weiteren Ausführungen darauf aufmerksam, daß der “natürliche (Thal-) Weg für einen Bahnbau nach Rohr auf eine Fortsetzung der in der nächsten Zeit zur Ausführung kommenden Lokalbahn Eggmühl-Langquaid hinweisen” würde. Daran anknüpfend wirft er die Frage auf, “ob die Fortsetzung im Laberthale zum Anschluß an die demnächst zu eröffnende Lokalbahn Landshut-Rottenburg oder nur bis zum Markte Rohr, welcher in einem Seitenthale 3 km westlich vom Laberthale liegt, zu erfolgen hätte”.

Dafür, daß diese Gedankenspiele des Königlichen Oberingenieurs in Rohr jemals publik geworden sind, gibt es in den erhaltenen Quellen keinen Hinweis; sie würden aber plausibel erklären, wie in der Marktgemeinde das Gerücht entstehen konnte, daß man in München die Absicht hegte, die Städte Landshut und Ingolstadt mittels einer Bahnlinie Abensberg-Rohr-Rottenburg miteinander zu verbinden. Die Idee als solche, nämlich den Regierungssitz Niederbayerns mit der Donaufestung durch eine Eisenbahnlinie einander näher zu bringen, war ja den Verantwortlichen nicht fremd. Jedoch sollte die tatsächlich in Erwägung gezogene Trasse nicht durch das Laabertal führen, sondern über Moosburg.

Das bayerische Außenministerium schloß sich schließlich dem Standpunkt Zeulmanns an, daß die Errichtung “einer lokalen Bahnverbindung von Abensberg nach Rohr für nächste Zukunft nicht ins Auge gefaßt” werden könne. Trotzdem hielt man es für angezeigt, “die Frage der Bauwürdigkeit einer solchen Lokalbahn genauer festzustellen und zu diesem Zwecke technische Rekogniszierungen und wirtschaftliche Untersuchungen … vornehmen zu lassen”. Wann die nachgeordneten Behörden dieser Aufforderung Folge geleistet haben, läßt sich anhand der Aktenlage nicht mehr feststellen. Jedenfalls gab der Rohrer Magistrat der Königlichen Eisenbahnbetriebsdirektion Ingolstadt betreffs “Projekt einer Lokalbahn Abensberg-Rohr” am 3. Juni 1904 nochmals detailliert Auskunft über die wirtschaftlichen Verhältnisse der Marktgemeinde. Damit finden die Bemühungen, Rohr in das bayerische Eisenbahnnetz einzubinden, offensichtlich ihr Ende.

Zeulmanns Gedanke, die Städte Landshut und Ingolstadt mittels einer Bahnlinie durch das Laabertal miteinander zu verbinden, war damit aber noch lange nicht gestorben. 1910 hat kein geringerer als Ludwig Thoma, der am bayerischen Verkehrswesen zeitlebens kein gutes Haar gelassen hat, diese Idee abermals aufgegriffen. In diesem Jahr schrieb der bayerische Dichterfürst eine Abhandlung über den “Verkehr in Bayern”, die in der Zeitschrift „März. Halbmonatsschrift für deutsche Kultur“ abgedruckt wurde. Darin heißt es unter anderem: “Was gehen nur jetzt von den Hauptlinien für merkwürdig angelegte Seitenbahnen ab! Von der Ingolstädter Strecke eine nach Wolnzach-Mainburg; mitten in der reichen Hollerdau bleibt sie stecken, aber fünfundzwanzig Kilometer östlich von Mainburg ist eine andere Sackbahn in Rottenburg kläglich verendet, welche von der Landshuter Linie ausgeschickt wird. Rund um ist reiches gutbevölkertes Land mit Getreide- und Hopfenbau, und wenn zum Beispiel eine richtige Vollbahn über Wolnzach durch bis Neufahrn und von Landshut durch bis Abensberg ginge, so wäre hier ein gesegnetes Stück Ober- und Niederbayern erst aufgeschlossen.”

Genausowenig wie man dokumentieren kann, daß die Gedankenspiele Zeulmanns in Rohr publik geworden sind, genausowenig läßt sich beweisen, daß Thomas Aufsatz in der Marktgemeinde gelesen wurde. Die Lektüre dieser Zeilen durch einen Rohrer Zeitgenossen würde aber ebenfalls einen Hinweis geben, wie das ursprüngliche Ansinnen, nämlich der Bau einer Lokalbahn, in Vergessenheit geraten konnte. All diese Quellen liefern aber keinen Anhaltspunkt dafür, wie es später dazu kam, die Rohrer Gewerbetreibenden für das Scheitern des Bahnprojekts verantwortlich zu machen. Die Beweggründe, die dieses Gerücht entstehen ließen, werden wohl immer ein Geheimnis der Geschichte bleiben.

Dieser Aufsatz wurde in den „Verhandlungen des historischen Vereins von Niederbayern“ veröffentlicht. 2007 habe ich ihn auf Initiative des Gewerbevereins als Kernstück eines Vortrags, den ich durch später gefundene Quellen aufgemotzt habe, verwendet. Das hat mir sehr viel Anerkennung beim Rohrer Mittelstand eingebracht.

Das Augustinerchorherrenstift Rohr und die Wittelsbacher

Samstag, 6. Februar 2010

Der Souveränitäts- und Einheitsanspruch des rational durchgliederten Staates, wie er in Bayern nach der Säkularisation entstanden ist, kennt keine Enklaven, keine Ausnahmestellungen kraft eigenen, nicht vom Staate übertragenen Rechtes, keinen “Staat im Staate”. Der Monarch war bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts nicht Teil der Staatsverfassung, sondern Eigentümer des Staates.

Herzog II. von Bayern bestätigt die Schenkung der Kapelle in Sallingberg an das Augustinerchorherrenstift Rohr

Regensburg, 23. Februar 1230

“In nomine domini amen. Otto dei gracia palatinus comes Reni, dux Bavarie, omnibus in perpetuum. Cum et deus precipiat et naturalis hortetur affectus honorare parentes, certa reverencie, honoris ac dileccionis erorum credimus esse indicia actus eorum …

(Fortsetzung folgt)

Zwischen Spätbarock und Frühklassizismus – Martin Bader, Stukkator und Architekt aus Rohr

Freitag, 5. Februar 2010

 

Hört man „Rohr“, denkt man an „Asam“, und hört man „Asam“, so denkt man an barocke Kunst. Gilt diese Assoziationskette aber für den gesamten Klosterkomplex, wie er sich 1803, im Jahr der Säkularisation, darstellte und in Resten heute noch erhalten ist, oder nur für die weltberühmte Pfarrkirche? Motiviert wird diese Fragestellung durch die Tatsache, dass sich das 18. Jahrhundert – grob gegliedert – in drei kunsthistorische Epochen zerlegen lässt: den Spätbarock, das Rokoko und den Frühklassizismus; betrachtet man vor diesem Hintergrund dieses Rasters die Chronologie der mehr als 60 Jahre dauernden Baumaßnahmen zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und dem Reichsdeputationshauptschluss im Jahre 1803, wird sehr schnell deutlich, dass es für den fraglichen Zeitabschnitt weit mehr als nur „Asam“ und „Barock“ zu sagen gibt.

Doch nun zu den kunstgeschichtlichen Details:

Das Augustiner-Chorherrenstift in Rohr war durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges arg in Mitleidenschaft gezogen worden. An eine Fortsetzung des Baus an der zwischen 1618 und 1620 begonnenen Stiftskirche konnte lange Zeit nicht gedacht werden. Erst 1696, fast ein halbes Jahrhundert nach dem Westfälischen Frieden, erhielt der Stukkator und Mauerer Joseph Bader den Auftrag, den alten Turm aufzustocken und ihn mit einem haubenartigen Abschluss zu versehen, wie er im wesentlichen bis heute erhalten ist. Der Künstler stammte aus Wessobrunn, ließ sich aber in Rohr nieder, nachdem Propst Patritius von Heydon beschlossen hatte zu bauen. 1695 heiratete er dort Maria Ursula Änderl, Tochter des Senators und Brauers Johann Wilhelm Änderl. Aus der Ehe gingen 16 Kinder hervor. Als Bauplaner leitete Bader Barockisierungsmaßnahmen an den Kirchen in Laaber (1700), Neuessing (1711), Laaberberg (1711), Obereulenbach (1712) und Allersdorf (1712ff.). Um 1716 stuckierte er die Innenräume des Klosters Weltenburg in „ausgesprochenem Wessobrunner Stil“. Als sein Hauptwerk darf die ausführende Bauleitung der Rohrer Stiftskirche angesehen werden.

Der Chorherr Antonius Bonzano berichtet in seiner Chronik darüber: „In abwesenheit deß Edlen vndt Kunstreichen Herrn Ägiddii Asam, der den Entwurf zur Kirche angefertigt hatte, wurde dem ehrengeachteten Joseph Pader, Bürger und Maurermeister allhier zu Rohr anvertraut, alles zu dirigieren.“ Als Weihbischof Godefrid Langwert von Simmern (1717-1741) am 27. September 1722 nach fünfjähriger Bauzeit die barocke Stiftskirche weihte und den Hochaltar konsekrierte, weilte der Baumeister nicht mehr unter den Lebenden; er war am 18. Mai 1721 gestorben.

Noch in seinem Todesjahr hatte er die Planungen für die Umgestaltung der Pürkwanger Pfarrkirche auf den Weg gebracht. Die Entwürfe wurden schließlich durch seinen Sohn Martin, der zusammen mit seinem jüngeren Bruder Florian die Werkstatt des Vater übernommen hatte, ausgeführt.

1722/23 wird der Name „Martin Bader“ beim Bau des Jesuitengymnasiums in Ellwangen genannt. Ungeklärt ist jedoch, ob sich dahinter der Rohrer Baumeister verbirgt. Gesichert tritt er 1726/27 bei der Ausstattung der Wallfahrtskirche “Unserer Lieben Frau” zu Mauern in Erscheinung. Eine zentrale Rolle im Baderschen Schaffen spielt der Neubau der Wallfahrtskirche St. Ottilia zu Hellring in den Jahren 1733 bis 1735. Als Architekt fungierte der Landshuter Hofmaurermeister Johann Georg Hirschstetter, dem es gelang das einfache Raumschema den Stilidealen des beginnenden Rokoko gefügig zu machen. Die Stukkierung erfolgte durchgehend im so genannten Régence-Stil, eine von Frankreich ausgehende Absage an den schweren Barock. Als Künstler ist Martin Bader anzusehen. Der “Muratorium magister und gypsiarius” meisterte seine Aufgabe im Sinne Hirschstetters, da sein Dekorationssystem die Struktur der Architektur interpretiert und damit zur Verdeutlichung des Raumprinzips beiträgt. Damit tritt Bader aus der Tradition des Vaters heraus und erweist sich in Hellring wie auch bei seinen folgenden Arbeiten stets auf der Höhe seiner Zeit.

Der Künstler machte sich aber nicht nur als Stukkator, sondern auch als Architekt einen Namen. So leitete er den Neubau der Loreto-Klause zu Rohr (1735f.), den Umbau der Sallingberger Kirche (1738), die Erweiterung des Pfarrhofes in Pürkwang (1738) und den Neubau der Rohrer Seelenkapelle (1747). Die Kirche St. Stephan zu Staubing, von 1750 bis 1752 nach den Plänen Baders errichtet, zählt zu den “qualitätsvollsten ländlichen Rokokobauten im Landkreis”.

Doch nun zurück nach Rohr: Dort war am 21. April 1749 der Grundstein zu den neuen Konventsgebäuden gelegt worden. Die Pläne dazu entwarf Martin Bader. Seltsamerweise wird sein Name in der einschlägigen Literatur oftmals nicht genannt. Die Zuordnung der Gebäude zu einer bestimmten Epoche ist nirgendwo Thema. Sollte Bader, der zwei Jahre vorher die Rohrer Seelenkapelle mit Rokokostukkatoren verziert hatte, dem unzeitgemäßen Barock nochmals zu neuem Leben verholfen haben? Als der Künstler am 9. Juli 1755 offensichtlich kinderlos starb, waren erst der West- und der Südflügel vollendet. Mit der Schließung des Gevierts im Osten wurde nun der kurfürstliche Maurermeister Christoph Thomas Wolf aus Stadtamhof beauftragt. Auch dessen Name findet in der einschlägigen Literatur meist keine Erwähnung. Eine Beschreibung der Stilelemente des Ostflügels, an den im Norden die Bibliothek mit einer deutlich abgehobenen Fassadenstruktur angebaut war, fehlt völlig. Die Bibliotheken wurden in dieser Zeit aus Brandschutzgründen nur selten in ein Klostergeviert eingefügt.

Um der Kunstauffassung Wolfs trotzdem auf die Spur zu kommen, gilt es dessen Gesamtwerk etwas näher zu betrachten. Als zwischen 1759 und 1761 der Ostflügel des Rohrer Klostergevierts errichtet wurde, war das “Zeitalter der Zwiebeltürme”, die heute noch die bayerische Landschaft prägen, vorbei. So erneuerte und erhöhte Wolf 1762 den Turm der Abensberger Pfarrkirche, dessen haubenförmige Bedachung durch einen Obelisken abgeschlossen wird – einem ägyptischen Kultsymbol, das in der Renaissance kleinformatik als Baudekoration verwendet wird, während des Barocks und des Rokoko wieder verschwindet. Ein Jahr später erhöhte er dem Abensberger Vorbild entsprechend auch den Turm der Weltenburger Klosterkirche.

1781 zeichnete Wolf die Pläne für den Neubau der Stiftsgebäude zu Obermünster in Regensburg. Die Gebäulichkeiten werden unter anderem wegen ihrer Fassadenstruktur dem Klassizismus zugerechnet.Wenngleich die Pläne für die Stiftsgebäude von Obermünster 20 Jahre jünger sind als der Rohrer Ostflügel, so weisen beide vergleichbare vertikale Fensterachsen auf, die der Wandgliederung das Gepräge geben. Wolf hat also bereits in Rohr auf eine stark bewegt Fassade verzichtet, wie sie für den Barock typisch war. Einziges Dekor ist ein Portal, das den Zweck hat, die schlichte Wand zu gliedern. Unübersehbar ist dabei Wolfs Bemühen um klassische Architekturdetails wie der überhöhte Dreiecksgiebel mit einem Medaillon und die beiden toskanischen Pilaster, d. h., der Schaft weist keine Kanneluren auf. Allerdings fehlt die Basis, was der dorischen, also der ältesten griechischen Säulenordnung entspricht.

Wenn auch die obigen Ausführungen nicht den Anspruch erheben, der kunstgeschichtlichen Weisheit letzter Schluß zu sein, wird trotzdem zweierlei deutlich: Zum einen hatte keiner der beiden Asam irgendeinen Anteil an der Errichtung des Klostergevierts. Dies war auch aus chronologischen Gründen gar nicht möglich; Cosmas Damian starb am 10. Mai 1739, sein Bruder Egid Quirin am 29. April 1750. Zum anderen ist der fragliche Gebäudekomplex nicht barock. Die Baumeister und Künstler, die hier am Werk waren, sind den nachfolgenden  Epochen zuzurechnen.

Die Hügel von Rohr

Sonntag, 17. Januar 2010

Das Wenige, das über das Wappen des Marktes Rohr i. NB bisher geschrieben worden ist, beschränkt sich bei der Deutung in der Regel auf den Adler und die Rohrkolben. Die Hügel, auf denen die Pflanzen stehen, werden gleichsam als deren Träger vernachlässigt. Nun ist aber allgemein bekannt, dass Rohrkolbengewächse (Typhaceae) Sumpfpflanzen sind. Und Wasser – so banal das klingen mag – läuft bergab. Die Pflanzen würden also austrocknen. Doch es geht im Folgenden nicht um Botanik und Schwerkraft, sondern um Heraldik. Mit anderen Worten: Sind die Hügel im Rohrer Wappen mehr als bloßer Zierrat?

Die Siegel des Augustiner-Chorherrnstifts Rohr sind bis zur Regierungszeit des Propstes Johannes Holnstainer (1589-1630) ohne Heraldika. Erst dieser Klostervorsteher bringt zu Füßen der mit einer Gloriole das Spitzoval des Siegels füllenden Madonna mit Kind zwei Wappenschilde unter der Inful an. Das erste enthält das angebliche Wappen der Stifter, nämlich den halben Adler am Spalt und zwei Rohrkolben auf zwei Bergen oder Hügeln. Von Holnstainer sind noch zwei weitere Wappen vorhanden, eines davon mit drei Rohrkolben auf drei Hügeln ohne den halben Adler.

Der skizzierte Befund lässt noch keinen Schluss zu, dass die Hügel mehr als eine Staffage für die Sumpfpflanzen darstellen. Betrachtet man jedoch die Siegel der folgenden Jahrhunderte genauer, so fällt auf, dass die Rohrkolbengewächse der Pröpste Patritius Urspinger (1646-1647) und Patritius von Guggomos (1757-1787) im Wasser stehen. Damit ist aber nicht nur den Naturgesetzen Genüge getan. In Urspingers Siegel taucht nämlich eine nicht exakt bestimmbare Zahl von Hügeln selbstständig neben den im Wasser stehenden zwei Rohrkolben auf. Damit sind die Hügel aber nicht nur ausschmückendes Beiwerk, sondern eigenständiges Symbol.

Wenn man das Wort „Hügel“ hört, wer denkt da nicht sofort an die sieben Hügel Roms. Und man braucht gar nicht so weit zu gehen; Freising hat mit Weihenstephan, dem Lankesberg und dem Domberg immerhin drei Hügel. Der letzte wird auch „mons doctus“ genannt und jetzt sind wir beim Thema. Mose erhielt die Zehn Gebote auf dem Berg Sinai. Und Jesus stieg für seine wichtigste Predigt ebenfalls auf einen Berg. Die Benediktinerabtei Mallersdorf, auf einen Hügel gelegen, trug bis zur Säkularisation den Ehrentitel „sedes sapientiae“ (Sitz der Weisheit). Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen.

Und Rohr? Während der Regierungszeit Holnstainers gewährte Papst Clemens VIII. (1592-1605) am 12. Februar 1595 dem Propst von Rohr und seinen Nachfolgern das Recht der Pontifikalien. Er gab das Pontificale Romanum (1595/96) und das Caeremoniale episcoporum (1600) heraus sowie Neuausgaben des Breviarum Romanum (1602) und des Missale Romanum (1604). Der Ruf dieses Papstes beruhte auf seinem versöhnlichen Verhalten, seiner unermüdlichen Arbeitsfreude und seinem kritischen Abwägen. In den Klöstern und Kirchen Roms, die von Orden betreut wurden, erschien der Pontifex unangemeldet und untersuchte persönlich die Zellen und Schränke der Mönche. Das fragliche Recht von einem Papst wie Clemens VIII. zu erhalten, bedurfte also besonderer Leistungen.

Wie Altabt Johannes Zeschick in seiner Doktorarbeit „Das Augustinerchorherrenstift und die Reformen in bairischen Stiften vom 15. bis zum 17. Jahrhundert“ eindrucksvoll bewiesen hat, war Rohr im Zeitalter der Gegenreformation, als viele Klöster aus der weiß-blauen Klosterlandschaft verschwanden, geradezu ein Fels in der Brandung. Propst Johannes Holnstainer kommt das besondere Verdienst zu, dass er nicht nur auf wirtschaftlichem, sondern auch auf geistigem und geistlichem Gebiet Großartiges geleistet hat. Seine Chorherrn studierten nicht nur die Humaniora, sondern auch Philosophie und Theologie, was für Ordensangehörige damals keine Selbstverständlichkeit war. Das geschah nicht nur an den Universitäten von Ingolstadt und Rom, sondern auch im Stift selbst, sodass mit Recht von einem „Seminarium Praelatorum“, also einer Lehranstalt für Prälaten, gesprochen wird. Und die in Rohr ausgebildeten Herren musste immer dort einspringen, wo bei einer Propstwahl „kain taucglichs subiect“ im betreffenden Konvent vorhanden war. So wurden eine ganze Reihe von Rohrer Chorherren nach St. Mang zu Stadtamhof, nach Herrenchiemsee und St. Zeno bei Reichenhall postuliert.

Als Patrizius Urspinger 1646 zum Konventsvorsteher erkoren wurde, wählte er die Rohrkolben des angeblichen Stifter- und Propsteiwappens zu seinem Propstwappen. Sie stehen aber nicht auf Hügeln, sondern im Wasser und ein unförmiger Hügel ersetzt den Adler im linken Spalt. Damit erhält das gipfelige Gebilde einen heraldischen Eigenwert. Doch wie soll man den deuten? Urspingers Regierungszeit, der von 1627 bis 1629 Theologie am Münchener Jesuitenkolleg studiert hatte, währte keine elf Monate. Trotzdem hat er etwas geschaffen, was bis heute fort existiert: Die Erzbruderschaft des heiligen Rosenkranzes. Nun möchte man meinen, das wäre eine altehrwürdige Einrichtung. In Wirklichkeit kennt das 16. Jahrhundert so gut wie keine Rosenkranzbruderschaften. Erst die durch die Gegenreformation eingeleitete Erneuerung des religiösen Lebens führte dann dazu, dass vorreformatorische Bruderschaften neu gegründet und zahlreiche neue errichtet wurden. Wie lässt sich nun eine Verbindung zwischen Urspingers Wappenhügel als „mons doctus“ und der Rosenkranzbruderschaft denken. Um diese Frage zu beantworten, muss man sich erinnern, dass den Grundholden des Stifts, des Lesens und Schreibens kaum mächtig, infolge der Reformation und des Dreißigjährigen Krieges selbst die elementarsten Gebete und Glaubenswahrheiten fremd waren. Da bot, um mit den Worten des Papstes Johannes Paul II. zu sprechen, der Rosenkranz „eine fruchtbare geistige wie pädagogische Möglichkeit der Betrachtung, der geistlichen Bildung des Volkes Gottes und der Neuevangelisierung“. Folglich wurde mit Hilfe der Rosenkranzbruderschaft, das geschundene Volk im Glauben neu unterwiesen. In diesem Sinne erweist sich Urspingers Hügel nicht als ein „mons doctus“ der Gelehrten, sondern all derjenigen, die in Angst und Bangen um ein „Ave“ gerungen haben.

Karl Geisenfelder, Ortsheimatpfleger