Archiv für die Kategorie „Geschichte“

Fritz Beck und die Aktivitäten des Rohrer Geschichtsvereins

Montag, 6. Juni 2011

Neben Vino Schwertl gab es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Rohr noch zwei weitere Ortsheimatpfleger, nämlich den Tierarzt Dr. Josef Pletz und Fritz Beck. Letzter hat zwischen 1923 und 1930 die “Chronik der Marktgemeinde und des Klosters Rohr i. NB” zusammengestellt. Geboren wurde Beck am 30. März 1894 in Rohr. In den Jahren von 1923 bis 1930 stellte er die Unterlagen zusammen. Mit Mitgliedern des “Rohrer Geschichtvereins” sammelte er altes Aktenmaterial über Beruf, Hausbesitzer, Verehelichungen Rohrer Bürger und über Verhörprotokolle des Klosterrichters. Die Existenz dieses Vereins läßt sich nur Becks Unterlagen erschließen. Das Gründungsdatum und die offizielle Auflösung des Vereins, falls es eine solche überhaupt gegeben hat, sind nicht überliefert. Es darf angenommen werden, daß es regelmäßige Versammlungen gegeben hat; Protokolle existieren offensichtliche keine (mehr). An der Sammlung des alten Aktenmaterials haben sich laut Vorwort der “Chronik” einige Mitglieder des Vereins beteiligt. Die spektakulärste Aktion war wohl 1930 die Ausgrabung an den Keltengräbern in der Nähe von Grub. Nachdem im Jahre 1922 der Rohrer Lokalhistoriker Dr. Josef Pletz auf einen Ringwall in der Nähe der Einöde aufmerksam geworden war, brachen einige Mitglieder des Geschichtsvereins auf, um das Geländedenkmal persönlich in Augenschein zu nehmen. Auf dem Weg dorthin stießen sie – etwa einen Kilometer nördlich von Grub – auf Bodenerhebungen, die man als vorgeschichtliche Grabhügel interpretierte. Da man der Deutung des Landesamtes für Denkmalpflege, daß es sich hier lediglich um Windbruchhaufen handle, keinen Glauben schenken wollte, unternahm man fünf Jahre später, also 1927, einen Grabungsversuch, der allerdings ergebnislos verlief. Drei Jahre später wurde man jedoch fündig. Beck hatte inzwischen den Benefiziaten Zoller aus Obereulenbach und die Lehrer Wiesmüller und Bindl aus Rottenburg bzw. Laaberberg für seinen Plan, weiterzugraben, begeistern können. Am 10. Juni 1930 wurde seine Hartnäckigkeit belohnt: Eine Pfeilspitze war der erste Fund, es folgten Tonstücke und Knochenreste. Weitere Grabungen förderten Armspangen, Fibelteile und sogar einen unversehrten Topf zutage.
Was aus den Funden wurde, geht aus Becks Grabungsbericht nicht eindeutig hervor. Nach Lage der Dinge wurden sie zunächst im Rohrer Heimatmuseum untergebracht, das nur in diesem Zusammenhang Erwähnung findet. Die Hobbyarchäologen wurden nämlich beim Bezirksamt vorstellig, sich beim Landesamt dahin zu verwenden, daß die Grabungen fortgesetzt werden dürfen, zumal man in Rohr bereits eine solche Einrichtung hat, für welche diese Funde von größter Bedeutung wären. Es ist aber nicht bekannt, wo sich dieses Museum befand, wann es eröffnet und warum es wieder geschlossen wurde.

Zu einem späteren Zeitpunkt müssen zumindest Teile des Fundes von Experten untersucht worden sein. Während nämlich Beck in seinem Bericht irrtümlich von “Keltengräbern” spricht, ordnet die wissenschaftliche Literatur die gefundenen Stücke der älteren Bronzezeit (ca. 2000-750 v. Chr.) zu. Ferner weiß sie zu berichten, daß die sie “bis auf Nachlesefunde in der Prähistorischen Staatssammlung für ein Heimatmuseum in Langquaid [!] vorgesehen waren und später verschollen sind”. Der letzte Satz gibt mehrere Rätsel auf: Wo wurden die Funde wissenschaftlich untersucht – in Rohr oder in München? Und warum sollten sie in Langquaid untergebracht werden? Handelt es sich vielleicht um eine Verwechslung der beiden Marktgemeinden?
In Rohr waren diese Dinge weitgehend in Vergessenheit geraten. Offensichtlich hat sich zwischen den Grabungen und 1970 niemand mehr für die Funde interessiert. In diesem Jahr verfasste der Landhuter Historker Dr. Georg Spitzlberger einen Aufsatz über die die “Vor- und frühgeschichtlichen Fundstätten im Land der Großen und Kleinen Laaber”. Dieser enthält Zeichnungen von Fundstücken, die 1930 in Grub zutage gefördert wurden. Eine entsprechende Anfrage ergab, daß die einige der Gruber Funde von einem der Grabungsteilnehmer verwahrt worden waren. Der hat sie ihm auch zum Abzeichnen zur Verfügung gestellt. Seit dessen Tod gelten sie als verschollen. So bleiben fürs erste nur die wunderschönen Zeichnungen des Landshuter Historikers, um an die Erfolge heimatgeschichtlicher Forschungen vergangener Tage zu erinnern.

Die letzte Grabung und die Beendigung der Materialsammlung für die “Chronik” fallen in das Jahr 1930. Damit brechen alle Aktivitäten des Rohrer Geschichtsvereins ab. Offensichtlich hat die nun einsetzende Passivität ihre Ursache in der Übersiedlung Becks von Rohr nach Augsburg. Wahrscheinlich fehlte es den übrigen Mitgliedern an neuen Themen, um weiterhin aktiv zu bleiben.

(Fortsetzung folgt)

Die kuriosen Predigten des Laaberberger “Bauernpfarrers” Anton Westermayer

Samstag, 14. Mai 2011

Die Predigten des Pfarrers Anton Westermayer gehören längst zu den Höhepunkten der bayerischen Literaturgeschichte. Das “Rosenheimer Verlagshaus” hat sie publiziert und so einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Im Jahre 2001 wurden sie unter dem Titel “Kuriose Predigten eines Bauernpfarrers” neu aufgelegt. (1) Dabei war der Kleriker alles andere als ein Bauernpfarrer. Von 1840, dem Jahr seiner Priesterweihe, bis zum seinem Tod 1894, pastorisierte er nämlich nur eine einzige bäuerlich geprägte Pfarrei. (2) Von 1844 bis 1850 war Westermayer Pfarrer von Laaberberg (Gemeinde Rohr i.NB; Landkreis Kelheim).

Ein tiefer Fall: Der von unehelicher Abstammung am 2. Januar 1816 in Deggendorf geborene Westermayer hatte am Herzoglichen Georgianum in München studiert, ehe er am 6. Mai 1840 in Regensburg zum Priester geweiht wurde. Befähigt “zur Redekunst und Literatur” bestellte man ihn bereits im Dezember 1841 zum Verweser der Domkanzel. Am 30. Juni 1842 wurde Westermayer von König Ludwig I. (1825-1848) schließlich offiziell zum Domprediger ernannt – eine höchst ehrenvolle Berufung für einen 26 Jahre alten Priester.

Westermayer ging selbstbewusst an seine Aufgabe: ” Wenn der Bischof diese Aufgabe hat, in der gesunden Lehre zu unterrichten, die Widersprecher zu widerlegen und die Schwätzer, die heut zu Tage auf anderem Gebiete ihr Zungengedresche üben, als unter dem Volke Israels, zum Schweigen zu bringen: so hat diese Pflicht gewiß auch der Stellvertreter des Bischofs – der Domprediger.” (3) Bei solch markigen Worten ist bes nicht verwunderlich, dass man ihm bald vorwarf, bei seinen Kanzelreden Schähungen gegen die Lutheraner und ihre Kirche zu äußern. Schließlich kam es zu einer polizeilichen Untersuchung. Auch die staatlichen wie kirchlichen Vorgesetzten wurden eingeschaltet. Schließlich wurde er am 1. Februar 1844 wegen “Majestätsbeleidigung” seines Amtes enthoben und als Pfarrer nach Labberberg versetzt.
Seine Abschiedspredigt ließ an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig: “Als Prediger der katholischen Kirche, als Prediger auf einer Domkanzel war ich meinem Gewissen und euch schuldig, die katholische Lehre nach allen Seiten hin zu beleuchten und sie in aller Schärfe vorzutragen. Weil ihrer aber in starker Mischung lebt, so mußte ich ich auch jedesmal die Nichtigkeit des gegentheiligen Irrthums darthun.” (4) Westermayer war sicher kein Vorreiter der Ökomene, aber ein typischer Charakterkopf, wie sie das 19. Jahrhundert in Bayern hervorbrachte. Sowohl der Dompredigerstelle als auch die Pfarrei Laaberberg wurden infolge der Säkularisation vom bayerischen König besetzt.(5) Er stand also unter der Kuratel der staatlichen und nicht der kirchlichen Gewalt. Und in kirchlicher Hinsicht hatte er sich nichts zu schulden kommen lassen. Auch der Regensburger Bischof Valentin von Riedel (1841-1857) galt bei König Ludwig I. (1825-1848) als Vertreter der ultramontanen Richtung. Trotzdem hatte Westermayer von ihm keine Hilfe zu erwarten. Es gab keine 30 Pfarreien, in denen der Oberhirte das freie Besetzungsrecht ausübte. Und nur die Versetzung auf eine solche Seelsorgestelle hätte Westermayer der staatlichen Aufsicht entzogen.

Nach dem Urteil des Dekans leistete der ehemalige Domprediger in Laaberberg hervorragende Arbeit und hat darüber hinaus die Muße, ein Predigtwerk mit dem Titel “Bauernpredigten, die auch Stadtleute brauchen können” zu verfassen. Die Hörer waren seine Pfarrkinder. Doch Laaberberg ist Westermayer zu klein. Was tut nun ein bayerischer Pfarrer im 19. Jahrhundert, der unter der Fuchtel der weltlichen Obrigkeit steht und der diesem Zwang entfliehen möchte; er geht in die Politik. Es ist nichts Ungewöhnliches, daß ein Priester im 19. Jahrhundert am politischen und parlamentarischen Leben teilnahm, zumal der Klerus in dieser Zeit einen hohen Anteil der katholischen Elite stellte.

1849 wird er in die bayerische Abgeorndetenkammer gewählt und entfaltet dort sein politisches Talent bis 1855. Als konservativer Charakter befürwortet er den bestehenden Staat, wendet sich aber gleichzeitig gegen staatskirchliche Bestrebungen, welche die Freiheit der Kirche beschränken. Ein Jahr später verläßt er Laaberberg und wird Stadtpfarrprediger bei St. Peter.

Doch nun zu den “Bauernpredigten”!



(Fortsetzung folgt!)


(1) Die Erstauflage war unter dem Titel “Bauernpredigten, die auch manche Statdtleute brauchen können.

(2) Näheres zum Folgenden bei Schrüfer, Werner: Eine Kanzel ersten Ranges, Regensburg 2004, 93.

(3) Westermayer, Glaubenspredigten I, Vorrede XI:
(4) Schrüfer 94.
(5) Matrikel 1916, 81 und 473.
(6) Gatz, Erwin: Priester als Partei- und Sozialpolitiker 376.

(Fortsetzung folgt)

Da damische Kine? – Il Re pazzo? – The crazy King?

Sonntag, 8. Mai 2011
Ludwig II.

Ludwig II.

2011 jährt sich der geheimnisumwobene Tod Ludwigs II. zum 125. Mal. Die Herrschaft, die 1864 so verheißungsvoll begann, endete im Jahre 1886 auf Schloß Hohenschwangau.

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“Wos?” Der König ist doch im Starnberger See ertrunken?! Richtig! Seine Herrschaft endete allerdings nicht am 13 . Juni 1886 im Wasser, sondern “bereits” am 9. Juni infolge seiner Entmündigung.
Glaubt man dem Juristen Wilhelm Wöbking, ist der König – ein guter Schwimmer – in Suizidabsicht in den See gegangen und hat Dr. Bernhard von Gudden, den behandelnden Nervenarzt, der ihn daran hindern wollte, durch Strangulieren mit in den Tod genommen hat. Anhaltspunkte für einen Mord gibt es demnach nicht. Wöbkings Buch ist zum 100. Todestag Ludwigs II., also 1986, erschienen.
Als ich vor kurzem das Buch des Psychiaters Heinz Häfner in die Hand bekam und den Titel “Ein König wird beseitigt” las, dachte ich zunächst, daß die Mordtheorien neuen Auftrieb erhalten haben.
Weit gefehlt! Was die Todesumstände des Königs betrifft, folgt der Psychiater dem Juristen. Am Schluß des fast 550 Seiten umfassenden Werkes faßt Häfner zusammen: “König Ludwig II. war weder geisteskrank noch geistesschwach.”
Ehe ich daran gehe, aus der Fülle des Materials, das Prof. Dr. Häfner zusammengetragen hat, einige Punkte zu erörtern, erlaube ich mir ein paar persönliche Dinge sagen: Wenn mich ein Amerikaner oder ein Italiener fragt, wo ich denn herkomme, antworte ich grundsätzlich: Aus der Holledau! Für “hops” oder “luppolo” hat sich noch jeder interssiert, vor allem, wenn sie im Bier drinnen sind. Scherz beiseite!
Als Holledauer verleugne ich weder meine bayerische Heimat noch mein deutsches Vaterland. Und daß die Niederbayern im Grunde ihres Herzens Kosmopoliten sind, zeigt schon das wittelsbachische Teilherzogtum Straubing-Holland, das Teile des heutigen Niederbayern sowie die niederländischen Grafschaften Hennegau, Holland, Seeland und Friesland umfaßte. Es bestand von 1353 bis 1425/29 und wurde von Straubing und Den Haag aus regiert. Das Herzogtum zerfiel, als die Straubinger Linie der Wittelsbacher im Mannesstamm ausstarb, und nicht an nationalen Gegensätzen.
Obwohl ich mich seit meiner Schulzeit mit König Ludwig II. und seinem rätselhaften Tod beschäftige, bin ich kein Nostalgiker, kein König-Ludwig-Vereins-Mitglied, kein bayerischer Sezessionst und schon gar kein Monarchist. Das Buch von Häfner hat mich in dieser Haltung bestärkt. Dem ausgewiesenen Experten zufolge ist Ludwig nicht entmündigt worden, weil er verrückt, sondern weil er anders war.

Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man großartig auf die äußeren Ursachen der Tragödie eingehen. Ludwig II. geriet durch seine Bausucht in eine finanzielle Krise, der er nicht mehr Herr wurde. Die pekuniären Verhältnisse waren aber den Royals und der Königlichen Regierung längst bekannt; warum haben sie nicht eher reagiert? Zunächst ist festzuhalten, dass zwischen den ersten Baumaßnahmen und dem Baubeginn von Schloß Herrenchiemsee im Frühjahr 1877 war keine Verschuldung der Kabinettskasse vorhanden. Nach Erhalt eines Darlehens in der Höhe von 7,5 Millionen Mark im Jahre 1884 setzte Ludwig II. sein Bauprogramm uneingeschränkt fort. Nachdem aber im folgenden Jahr 6 Millionen Mark weiterer Schulden angefallen waren, begann er erstmals die rechtliche Grenzlinie der Zivilliste zu überschreiten, indem er seinen Finanzminister Emil von Riedel (1877-1904) am 29. August 1885 dazu aufforderte, seine Finanzen zu regeln, um seine Bauten fortführen und vollenden zu können. Knappe zehn Monate später war der König tot.
Unweigerlich drängt sich vor dem Hintergrund des Fortgangs der Geschichte das Sprichwort auf, daß ein Reich leicht, eine Familie schwer zu regieren sei. Ludwig konnte seine Cousins, die Söhne seines Onkels Luitpold, nicht leiden und mit dem Defizit in der Kabinettskasse schwanden auch die pekuniären Zukunftsperspektiven der kinderreichen luitpoldinischen Prinzen dahin. Während Luitpold vom Kaiserprojekt abriet, verscherbelte König Ludwig durch den sogenannten Kaiserbrief die bayerische Souveränität, wofür er von Bismarck insegsamt etwas mehr als sechs Millionen Goldmark erhalten haben dürfte.

Wie dem auch sei: …

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(Fortsetzung folgt!)

“Kann man über die Bewertung des Jahres 1809 streiten?”

Montag, 21. Februar 2011

Diese Frage stellt Egon Johannes Greipl im 149. Band (2009) der “Verhandlungen des historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg”. Im Rahmen dieses Vortrags, der den Titel “Napoleon und Bayern” trägt, stellte der Historiker enthusiastisch fest: “Ich war begeistert, in welch großartiger Weise sich regionale Vereine und Kommunen an den Schauplätzen von 1809, besonders Eggmühl, Schierling, Abensberg und Alteglofsheim, Kelheim, Regensburg und Stadtamhof erinnernd ins Zeug gelegt haben.” Doch was bewog den österreichischen Erzherzog und den Franzosenkaiser nach Rohr zu ziehen? In dem niederbayerischen Marktflecken übernachteten die beiden Feldherrn, am 18. April 1809 Erzherzog Karl und am 20. April Kaiser Napoleon.

Napoleonshügel bei Gaden

Napoleonshügel bei Gaden

Doch was bewog den Habsburger, in Rohr Station zu machen? Seine Entscheidung, die österreichischen Truppen nach Rohr zu führen, ist der Anfang vom Ende der Träume Karls, in Süddeutschland einen nationalen Aufstand gegen den Kleinen Korsen zu entfachen.

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Im Triangel dreier Römerstraßen – das “Dampflgütl”

Sonntag, 9. Januar 2011

Wie wenig die sogenannten Ochsenstraße mit einem kastrierten männlichen Rind zu tun hat, wird deutlich, wenn man man nicht die heutige Aussprache zum Maß aller Dinge macht, sondern das Wort einer diachronen Sprachbetrachtung unterzieht. So wird indogermanisch /au/ wie in “Augustus” im Altsächsischen zu /ō/; und das /g/ wird im Germanischen zum /k/. Überträgt man diesen Befund auf die “Ochsenstraße”, so wird schnell deutlich, daß es sich um eine “Augustenstraße”, also um eine kaiserliche Straße handelt. Sie lief von Eining über Langquaid, Schierling, Rogging und Sünching nach Straubing und kürzte das Donauknie ab. Mit dieser Trasse ist gleichsam die nördliche Grenze des gedachten Dreiecks gezogen.
Die Straße von Regensburg nach Mainburg führt über Dünzling nach Hellring. Den Ort im Osten umgehend läuft die Trasse weiter nach Langquaid und dann in gerader Richtung durch den Sinsbucher Forst. Nachdem die Sraße den Wald verlassen hat, heißt sie bis Rohr “Hochstraß”.

(Fortsetzung folgt!)

Herzog Stephan III. der Kneißel, Italien und das Angelusläuten.

Samstag, 18. Dezember 2010

Kirchliche Bräuche werden oft als uralt angesehen. Man glaubt, sie bis in die Zeit der Apostel zurückführen zu können, und sah bis zur Säkularisierung der Gesellschaft in ihnen gleichsam Gebote, die wie Gesetze befolgt werden müssen. Noch zwischen den beiden Weltkriegen gingen ganze Familien beim Angelusläuten auf die Knie und beteten vor dem Herrgottswinkel gemeinsam den “Engel des Herrn”.

Jean François Millet: Angelus

Jean François Millet: Angelus

Und doch handelt es sich hier nicht um die Beachtung eines kirchlichen Gebots, sondern um die Reaktion auf ein Privileg, das Papst Bonifaz IX. (1389-1404) im Jahre 1391 Stephan III. dem Kneissel, dem Herzog von Bayern-Ingolstadt, verliehen hatte. Es geht also nicht um das Beten müssen, sondern um das Beten dürfen.

Der “Engel des Herrn” geht auf Franz von Assisi (1181/82-1226) zurück. Der Ordensgründer, der im Jahre 1219 eine Missionsreise nach Palästina unternommen hatte, war vom Gebetsruf des Muezzin so sehr beeindruckt, daß er nach seiner Rückkehr diesen Brauch, wenn auch in abgewandelter Form, auch in Italien eingeführt wissen wollte. So schrieb er an die Kustoden seines Ordens: “Und sein Lob sollt ihr allen Leuten so künden und predigen, daß zu jeder Stunde und wenn die Glocken läuten, dem allmächtigen Gott vom gesamten Volk auf der ganzen Erde immer Lobpreis und Dank dargebracht werde.”

Der eigentliche Initiator des “Angelus” war Bruder Benedikt Sinigardi aus Arezzo, der sich im Jahre 1211 den Franziskanern angeschlossen hatte. Als er 1241 in seine Vaterstadt zurückkehrte, führte er bei seinen Mitbrüdern folgende Marienantiphon ein: “Angelus Domini locutus est Mariae.” Dabei ordnete er an, dies am Abend zu beten und mit der Klosterglocke gleichsam ein Zeichen zu geben. Das Beispiel von Arezzo machte Schule; Der hl. Bonaventura, der 8. Generalminister der Franziskaner riet nämlich auf dem Generalkapitel zu Pisa im Jahre 1263 seinen Mitbrüdern: ” Die Brüder sollen die Gläubigen anleiten, am Abend, wenn es in den Klöstern zur Komplet läutet, Maria dreimal zu grüßen. Sie sollen es mit den gleichen Worten tun, mit denen der Engel Gabriel Maria gegrüßt hatte, also mit dem Ave Maria.” Hinter dieser frommen Gebetsempfehlung stand im Mittelalter die Vorstellung, daß es Abend gewesen sei, als der Erzengel Maria die Botschaft brachte. In Rom wird das Gebet erstmals 1327 bezeugt, zu einer Zeit als der Papst nicht am Tiber, sondern in Avignon residierte.

Daß ausgerechnet Stephan III. der Kneissel, was so viel wie der “Prächtige” heißt, das Privileg des Angelus-Läuten erwirkte, ist sicher kein Zufall. Der Ingolstädter Herzog war Halbitaliener. Seine Mutter Elisabeth (1309[?]-1349) war die Tochter des Königs Friedrich III. (1296-1337) von Sizilien aus dem Hause Aragón. Es darf also angenommen werden, daß  Stephan der italienischen Sprache mächtig war. 1364 heiratete er Thaddäa, die Tochter des Mailänder Signore Bernabò Visconti (1354-1385). Dies war eine von vier Ehen zwischen den Wittelsbachern und den Visconti.

Stephan III. (1375-1413)

Stephan III. (1375-1413)

Poltisch motivierte Bündnisse mit dem Mailänder Adelsgeschlecht waren für die bayerischen Herzöge nichts Neues. Die Visconti waren das ganze 14. Jahrhundert hindurch an deutschen Verbündten interessiert, um ihre expansive Politik in Italien abzusichern. Südliches Ziel dieses Strebens war zunächst Bologna, aber auch Mittelitalien. Damit war der Machtbereich des Papstes tangiert; der residierte aber seit 1309 in Avignon. Wie gefährlich Papst Johannes XXII. (1316-1334) die Visconti einschätzte, zeigt sein Kampf gegen Kaiser Ludwig den Bayern (1314-1347), den er 1323 vor ein päpstliches Gericht laden wollte. In der Zitation beschuldigte er ihn unter anderem, mit Galeazzo Visconti (1322-1328) und seinen Brüder Feinde der Kirche unterstützt zu haben. Der hatte nämlich 1324 mit Unterstützung des Kaisers in Vaprio an der Adda der päpstlichen Armee eine vernichtende Niederlage beigebracht. Als 1342 Herzog Ludwig V. (1347-1361) Margarete Maultasch, die Erbin Tirols, heiratete, entstand zwischen Bayern und Mailand eine gemeinsame Grenze. Nach dem Tod des Wittelsbachers im Jahre 1361 erbte sein Sohn Meinhard Oberbayern und Tirol, doch der starb schon zwei Jahre später. Nach den Teilungsverträgen wären alle anderen bayerischen Teilherzöge erbberechtigt gewesen. Trotzdem übergab Margarete, die Witwe Ludwigs, die Grafschaft Tirol ihrem habsburgischen Vetter Herzog Rudolf IV. von Österreich (1358-1365). Da Kaiser Karl IV. (1347-1378) zustimmte, wurde der Übergang Tirols an Habsburg im Vertrag von Schärding am 29. September 1369 besiegelt und war damit endgültig.

Der Verlust der Grafschaft wurde allerdings nicht so leicht weggesteckt, und so wurde die Bündnispolitik der folgenden Jahre stets auf die Rückgewinnung Tirols ausgerichtet. In diesem Sinne verlobte Herzog Stephan II. (1347-1375) seinen Sohn Johann mit Katharina, der jüngsten Tochter des Grafen Meinhard VII. von Görz (1338-1385), der ebenfalls Ansprüche auf Tirol erhob. Wichtiger für den Fortgang der geschichte ist aber seine Entzweiung mit Kaiser Karl IV., an dessen Italienzug im Jahre 1354 er noch teilgenommen hatte, sich aber dann mit ihm zerstritt, als zwei Jahre später mit der Goldenen Bulle Bayerns Rechte auf eine Kurstimme übergangen wurden.

Und auch die Visconti sollten sich alsbald mit dem Kaiser überwerfen. Bereits Innozenz VI. (1352-1362) begann die Rückkehr der Päpste von Avignon nach Rom vorzubereiten. Unter dem Kardinallegaten Gil Álvarez Carillo de Albornoz (um 1310-1367) wurde der Kirchenstaat unter Einsatz erheblicher finanzieller Mittel weitgehend befriedigt; Bologna kehrte 1360 in den Machtbereich des Papstes zurück. Innozenz’ Nachfolger Urban V. (1362-1370) sah die Visconti als seinen Hauptfeind in Italien, exkommunizierte 1363 Bernabò und rief gegen ihn und seine Verwandten, “den Räubern kirchlichen Besitzes”, sogar zum Kreuzzug auf. Im folgenden Jahr hob er den Bann jedoch wieder auf, das besetzte Land ging zurück in den Besitz des Papstes, wofür er allerdings 500000 Florin bezahlen mußte.

1364 erschienen jedoch Kaiser Karl IV., die Dichter Giovanni Boccaccio und Petrarca und die hl. Birgitta von Schweden in Avignon, und bedrängten Urban V. nach Rom zurückzukehren. Dies war die Stunde Herzog Stephans II. Nachdem der Kaiser die Visconti nämlich ihrer Lehen verlustig erklärt hatte, kam es zu einem poitischen Richtungswechsel Mailands: Äußeres Zeichen war die Verlobung zwischen Stephan dem Kneissel und Bernabòs Tochter Thaddäa sowie zwischen dessen Sohn Marco und Herzog Friedrichs Tochter Elisabeth. Tatsächlich traten Kaiser Karl, als er 1368 zu seinem Romzug aufbrach, in Norditalien an der Seite der Visconti und der Scaliger auch die bayerischen Herzöhe entgegen. Da das Richsoberhaupt gegen diesen Bund wenig ausrichten konnte, willigte er in einen Frieden, in dem er sich von seinen papsttreuen Bundesgenossen, den Herren von Padua, Ferrara und Mantua, löste. Während Karl mit kleinem Heer nach Rom weiterzog, fielen die Bayern noch einmal mit aller Gewalt ins Inntal ein und rückten über den Brenner bis zur Eisackenge vor Brixen, bis sie schließlich das Herannahen eines habsburgischen Entsatzheeres zur Umkehr bewegte.

Papst Urban V., der 1367 vorübergehend nach Rom zurückgekehrt war, hatte von dort aus erneut ein Bündnis gegen Mailand vorbereitet. Aber nicht nur die Visconti, auch andere italienische Staaten befürchteten eine Ausdehnung des Kirchenstaates. Als die militärischen Erfolge ausblieben, schloß Urban V. einen enttäuschenden Frieden und er residierte  ab  1370 wieder in Avignon. Im Januar 1377 kehrte Papst Gregor XI.  (1370-1377) nach Rom zurück. Sein Nachfolger, Urban VI. (1378 – 1389) begann verstärkt italienische Prälaten zu Kardinälen zu ernennen. Hierdurch sollte der übermächtige Einfluss Frankreichs auf die Kurie zurückgedrängt werden. Im Herbst 1378 wählte aber eine Gruppe unzufriedener französischer Kardinäle einen neuen Papst, welcher sich Clemens VII. (1378 – 1394) nannte. Die erste entscheidende Maßnahme dieses Gegenpapstes bestand darin, seine Residenz nach Avignon zurückzuverlegen. Kaiser Karl IV. stellte sich ohne Zögern auf die Seite Urbans VI. Die Konsequenzen dieser Entscheidung musste dann allerdings erst sein Nachfolger, König Wenzel (1378-1400), tragen.

Die Wittelsbacher hatten sich bereits 1374 mit dem Luxemburger Kaiser ausgesöhnt. Im Auftrag König Wenzels ging Herzog Stephan dann 1380 nach Oberitalien und Rom um mit Urban VI. über die Kaiserkrönung zu verhandeln.

(Fortsetzung folgt!)

Carl Gandorfer – der Wegbereiter des bayerischen Landwirtschaftsministeriums

Freitag, 19. November 2010

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Es klingt schier unglaublich – der Agrarstaat Bayern hat erst im Jahre 1919 ein Landwirtschaftsministerium erhalten. Die Landwirtschaft stellte nämlich bis weit ins 19. Jahrhundert den wichtigsten Wirtschaftsfaktor dar, in dem der größte Teil der Bevölkerung Brot und Arbeit fand.1 Trotzdem gab es in der bayerischen Staatsverwaltung keine Instanz, die sich speziell oder gar ausschließlich mit der Agrarverwaltung beschäftigte. Die von Staats wegen angestrebte Verbesserung der Wirtschaftsstrukturen war zunächst Aufgabe des 1810 gegründeten “Landwirtschaftlichen Vereins”, der mit seinem Zentralkommitee, dem “Bayerischen Landwirtschaftsrat”, und den Gebiets- und Ortsvereinen in enger Verbindung zu den Behörden der inneren Verwaltung stand. Die temporäre Übertragung der Agrarzuständigkeit auf das Handelministerium – 1848-1871 – änderte daran nichts.

Bei der Auflösung des Handelsministeriums, das infolge der Reichsgründung im Jahre 1871 überflüssig geworden war, ging der Bereich “Landwirtschaft” wieder an das Staatsministerium des Innern zurück.² Schließlich blieb die Landwirtschaft bis zum Ende der Monarchie ein wichtiger Teil des Innenressorts, dessen Minister Max Freiherr von Freilitzsch (1881-1907), Friedrich von Brettreich (1907-1912 und 1916-1918) und Maximilian Graf von Soden-Fraunhofen (1912-1916) durch Herkunft und berufliche Tätigkeit exorbitante Fachkenntnisse wie auch starkes persönliches Interesse für diesen Zweig ihres Verwaltungsbereichs zeigten.³ Für die Königliche Regierung gab es also keine Veranlassung, ein selbständiges Landwirtschaftsministerium zu kreieren. So war es der Legislative vorbehalten,  die Errichtung des fraglichen Ressots zu fordern.

Politische Heimat der bayerischen Bauern war zunächst nahezu ausschließlich die “Patriotenpartei” bzw. das “Zentrum”. Erst als sie sich durch die Caprivischen Handelsverträge (1891-1893) regelrecht in ihrer Existenz bedroht sahen, gewann der Gedanke einer eigenen parlamentarischen Interessensvertretung an Boden. Es ist hier nicht der Ort, die Gründungsgeschichte des “Bayerischen Bauernbundes” nachzuzeichnen, doch soll erwähnt werden, daß sich unter den federführenden Politikern Johann Baptist Sigl (1839-1901) befand, der wie Carl Gandorfer aus der Großgemeinde Mallersdorf-Pfaffenberg stammte.4

Carl Gandorfer

Carl Gandorfer

Ohne die Gründung des Bayerischen Landwirtschaftsministerium aus den Augen verlieren zu wollen, sei es im Folgenden gestattet, kurz auf Sigl einzugehen, zumal der promovierte Jurist die “rote Revolution als die natürliche Erbin”5 des militaristischen Bismarck-Reiches vorausgesehen hatte und in deren Folge das Bayerische Landwirtschaftministerium letztlich gegründet wurde. Wohl nirgendwo wird der Geist, hinter der Art des Niederbayern aus Ascholtshausen Politik zu machen, deutlicher als in einem Redebeitrag zur Amnestierung der Haberfeldtreiber vor der Abgeordnetenkammer des Bayerischen Landtags am 29. November 1897: “Ich bin immer, wie ich es in meinem ganzen Leben gewesen bin, auf Seite derjenigen, welche des Mitleids, der Barmherzigkeit bedürfen, die unter etwas zu leiden haben, die Hilfe bedürfen. Wer meine Geschichte kennt und die Geschichte meines Blattes [Das Bayerische Vaterland], der wird sagen müssen, daß, wenn gar nichts geholfen hat, das ‘Vaterland’ und Dr. Sigl es gewesen sind, die sich um die Unterdrückten und Verfolgten angenommen haben, ohne Rücksicht auf seine Person oder seinen persönlichen Vorteil.”6

Die Wankelmütigkeit der Wählergunst  hatte den glänzenden Stilisten bereits 1893 bereits in den Reichs-, aber nicht in den Landtag berufen. Der Bauernbund konnte in Niederbayern 47,6% erzielen und vier Abgeordnete nach Berlin entsenden. Doch Sigl blieb skeptisch. Was konnten vier Bauernbündler unter 397 Reichstagsabgeordneten schon erreichen? Ihm war, als hätte ihm ein Schaf in den Magen “neig’lampelt”7 . Besonders lagen ihm die Holledauer Hopfenbauern am Herzen. Als er sich für einen Schutzzoll für das Grüne Gold stark machte, stieß er mit seinem Antrag bei den Abgeordneten auf wenig Gegenliebe.

Da ein “Canossagang” nicht gegen Sigls Prinzipien verstieß, beschloß er den Reichskanzler Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1894-1900) persönlich aufzusuchen. Nachdem zwei Interventionsversuche nichts gefruchtet hatten, verabschiedete sich der Vollblutparlamentarier eindeutig zweideutig mit den Worten: “Für die Not der Holledauer Hopfenbauern haben Euer Exzellenz nicht das geringste Verständnis, deshalb bitte ich Sie, mich …”8 In der langen Pause bekam der Reichskanzler einen hochroten Kopf, ehe das Schlitzohr aus Niederbayern fortfuhr: “… im besten Andenken zu behalten.”

Die Anekdote denunziert Sigl nicht als Polit-Clown; sie zeigt vielmehr, daß die Bauernbündler von Anfang an Individualisten – um nicht zu sagen Einzelkämpfer – waren, die ungewöhnliche Wege gehen mußten, um sich angesichts der Mehrheitsverhältnisse in Land- und Reichstag Gehör zu verschaffen. Daß sie dabei die Mentalität ihrer (nieder-)bayerischen Heimat nicht verleugnen konnten oder wollten, hebt sie aus der Masse der Parlamentarier des Königreichs Bayern hervor und bewahrt sie bis heute vor dem Dunkel der Geschichte. Zu nennen sind hier Dr. Georg Ratzinger, ein Großonkel von Papst Benedikt XVI., Georg Eisenberger, der Gründer des Bundes Oberländer Waldbauern, und nicht zuletzt eben Carl Gandorfer aus Pfaffenberg. Diese Männer haben hinreichend bewiesen, daß Bodenständigkeit nichts mit uniformierter Bierseligkeit zu tun hat.

Nachdem 1893 auf Anhieb 9 Abgeordnete des “Bauernbundes” in den bayerischen Landtag einezogen waren, stieg die Zahl der Mandatäre bei den folgenden Wahlen stetig an: 1899 waren es 13, 1905 15 BBB-Abgeordnete, welche die Belange der Bauern in der Zweiten Kammer dezidiert vertraten. 1907 indes war der Verlust von 2 und 1912 sogar von weiteren 5 Mandaten hinzunehmen. Doch nun zu Gandorfer: Der Pfaffenberger Ökonom ist 1913 durch eine Nachwahl in die Abgeordnetenkammer des Landtags gewählt worden, da der bisherige Mandatsträger, der Straubinger Stadtpfarrprediger Jakob Wagner, wegen seiner Bestellung zum Stadtpfarrer von Amberg auf oberhirtliches Geheiß gezwungen war, seinen Sitz im Landtag niederzulegen. Mit großer Vehemenz, mit ehrlichem Wollen und vor allem charakterlicher Selbständigkeit ging der neue Abgeordnete sofort ans Werk. So opponierte er am 31. November 1913 als einziger Bauernbündler gegen die Erhöhung der Zivilliste anläßlich der Krönung Ludwigs III. (1913-1918), dessen Leidenschaft auch nach der Thronbesteigung die Landwirtschaft blieb.

Doch nicht einmal ein Jahr sollte ins Land gehen, bis der Erste Weltkrieg ausbrach. Das blutige Ringen der europäischen Mächte traf die bayerische Landwirtschaft empfindlich. Erträge und Erlöse gingen beträchtlich zurück. So fiel z. B. der Hektarertrag beim Weizen von 16,3 auf 14dz. Noch schlimmer sah es beim Kartoffelanbau aus. Hier fiel der Ertrag während des Krieges von 115 auf 84,6dz. Die Blockade der Entente schnitt nämlich das Deutsche Reich und damit auch Bayern nahezu vollständig von allen Zufuhren ab, was natürlich auch die Landwirtschaft arg in Mitleidenschaft zog, die auf Einfuhren von Düngemitteln angewiesen war. Gleichzeitig  kam die inländische Kunstdüngerfabrikation mehr oder weniger zum Erliegen. Ferner wurden Pferde requiriert und zahlreiche landwirtschaftliche Arbeitskräfte zum Militär eingezogen.

Und der vergleichsweise große Viehbestand hatte zur Folge, daß das Königreich Bayern in der Zeit der Fleisch-Zwangswirtschaft ab Juni 1916 deutlich mehr Schlachtvieh ex- als importierte. Der Ausfuhrüberschuß betrug bis Oktober 1920 allein 41459 Stück Großvieh, 51200 Schafe und Ziegen, dazu kamen über 200000 Stück Geflügel und in etwa 168000dz rohes und verarbeitetes Fleisch. Folglich bezog Gandorfer im Februar 1917 im Rahmen der sogenannten Ernährungsdebatte scharf Stellung gegen den Norden: “Unsere Lebensmittel aber gelangen, wenn sie nicht auf rechtmäßige Weise hinaufkommen, durch Schwindel hinauf, und wir herunten dürfen hungern. Ich stehe ja selbst auf dem Standpunkt, es solle Gleichheit und Einigkeit herrschen; aber die da droben sagen ganz anders, sie sagen, wir greifen zu, wo wir zugreifen können. Ich denke, wir sollen uns einmal sagen, wir müssen uns auf die Füße stellen und müssen den Rücken nach Norden kehren (Heiterkeit).” Eine prophetische Rede im Hinblick auf die Gründung des bayerischen Landwirtschaftsministeriums?

1 Zum Folgenden Volkert, Wilhelm: Die Staats- und Kommunalverwaltung, in: Schmid, Alois (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte IV/2, München 22007, 74-153, hier 117f. – Die “Verspätung” wird umso deutlicher, wenn man bedenkt, daß im Königreich Preußen bereits im Jahre 1848 ein Landwirtschaftsministerium geschaffen worden war.

2 Seidl, Alois/Fried Pankraz: Die Landwirtschaft, in: Schmid, Alois (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte IV/2, München 22007, 155-215, hier 163.

3 Volkert, Wilhelm: Handbuch der bayerischen Ämter, Gemeinden und Gerichte 1799-1980, München 1983, 262.

4 Näheres zur Gründung des “Bayerischen Bauernbundes” bei Albrecht; Dieter: Von der reichsgründung bis zum Ende des Ersten Weltkrieges (1871-1918), in: Schmid, Alois (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte IV/1, München 22003, 319 -438, hier 350f.; siehe auch Sigl, Rupert: Dr. Sigl. Ein Leben für das Bayrische Vaterland, Rosenheim o. J., 295-299.

5 Sigl 300 (wie Anm. 4).

6 Ebd.

7 Ebd. 298. – Sigl spricht fälschlicherweise von 200 Reichstagsabgeordneten. Zu den exakten Zahlen vgl. Hohorst, Gerd/Kocka, Jürgen/Ritter, Gerhard A. (Hgg.): Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch II (Statistische Arbeitsbuch zur neueren deutschen Geschichte), München ²1978, 174.

8 Sigl 301 (wie Anm. 4).

(Fortsetzung folgt!)

Die Schlacht von Bazeilles

Sonntag, 14. November 2010

Nachdem Frankreich am 19. Juli 1870 Preußen den Krieg erklärt hatte, stellte sich für das Königreich Bayern die Frage, ob das Schutz- und Trutzbündnis mit dem  Norddeutschen Bund nun zur Geltung kommen müsse. Die Meinung des Ministerium von der Notwendigkeit des Kriegseintritts wurde nicht von allen Mitgliedern der Abgeordnetenkammer geteilt, die am 18./19. Juli über die Bewilligung der Kriegskredite zu verhandeln hatten. Der damit befaßte Auschuß wollte die Gelder nämlich nur zur Aufrechterhaltung einer bewaffneten Neutralität  bewilligen. Die Entscheidung brachte schließlich der Umschwung einer Gruppe der Patriotenpartei. Der Antrag auf “bewaffnete Neutralität” wurde vom Plenum mit 89 gegen 58 abgelehnt, der Regierungsantrag mit 101 gegen 47 Stimmen angenommen. Die bisher überwiegend preußenkritische Erste Kammer genehmigte am 20. Juli in nationaler Aufwallung einstimmig die Kriegskredite. Damit war über Johann Stöckl aus Rohr gleichsam das Todesurteil gesprochen.

Am 20. Juli 1870 war der Aufmarsch der in drei Armeen gegliederten deutschen Truppen bereits in vollem Gange. Die Südarmee konzentrierte sich bei Landau und bestand aus dem beiden bayerischen Armeekorps, zwei preußischen Korps, je einer württembergischen und badischen Division und einer preußischen Kavalleriedivision. Die beiden bayerischen Korps unter dem Befehl der Generäle Ludwig von der Tann (1815-1881) und Jakob von Hartmann (1795-1873) waren anfangs August an den Siegen von Weißenburg und Wörth beteiligt, anschließend auch an der Schlacht von Sedan, wobei sie bei Bazeilles und Balan schwere Verluste erlitten. Der Kampf um Bazeilles war ein wichtiges Gefecht der Schlacht von Sedan, das am 1. September 1870 um 4 Uhr morgens begann, als Teile der 1. Bayerischen Division in das französische 2000-Seelen-Dorf Bazeilles südlich von Sedan einrückten.

Die bayerische Vorhut hatte am 31. August die Sprengung der Eisenbahnbrücke südlich von Bazeilles verhindert, war aber bei der Verfolgung der Franzosen im Ort selbst auf heftigen Widerstand gestoßen. Am Abend hatte sie sich unbehelligt auf den Brückenkopf nördlich der Maas zurückgezogen. In der folgenden Nacht hatte die französische Armee Bazeilles durch Infanterie und Marineinfanterie der „Blauen Division“ sichern lassen, die Befehl hatte, den Ort bis zum letzten Schuß zu verteidigen. Straßen und massive Häuser waren zur Verteidigung ausgebaut. Die bayerischen Einheiten erlitten in den Häuserkämpfen in kurzer Zeit hohe Verluste und mußten im Laufe des Vormittags immer weiter verstärkt werden, so daß schon um 9 Uhr die gesamte 1. Division und Teile der 2. Division in Bazeilles im Kampf standen. Auch auf der französischen Seite griffen Verstärkungen ein. Um 11 Uhr begannen sich die Franzosen nach wechselvollen Kämpfen zurückzuziehen oder zu ergeben. Diese Entscheidung fiel, als der nördlich zwischen Bazeilles und Sedan gelegene Ort Balan nicht länger gegen die Bayern und Preußen, die von Osten her angriffen, gehalten werden konnte. An den Kämpfen in Bazeilles beteiligten sich auch bewaffnete Zivilisten aus dem Hinterhalt, was große Erbitterung bei den Bayern hervorrief. Sie erschossen viele von ihnen und zündeten Häuser an, aus denen sie beschossen wurden. 39 Einwohner von Bazeilles – Männer wie Frauen – fanden nach französischen Angaben den Tod, weitere 150 (10% der Einwohner) starben an Verletzungen in den Folgemonaten. Am Mittag stand der ganze Ort in Flammen. Die bayerische Armee beklagte den Verlust von 64 gefallenen Offizieren und etwa 1000 tote Soldaten. Unter den Opfern befand sich Johann Stöckl aus Rohr, einer von 130000 Bayern, die französichen Boden betreten hatten, und einer von mehr als 12000, die in ihre Heimat nie mehr zurückkehrten. Stöckl hatte in der 12. Kompanie des 2. Infanterieregiments Kronprinz gedient und war im Alter von 27 Jahren in Bazeilles von fünf Kugeln getroffen worden. Dies läßt vermuten, daß er in einen Hinterhalt von Zivilisten, die ihre Heimatstadt verteidigen wollten, geraten war.

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Bayerische Truppen beim Häuserkampf

Bayerische Truppen beim Häuserkampf

Darf man den lokalen Überlieferungen Glauben schenken, haben 32 Rohrer an dem Feldzug teilgenommen. Sie wurden mit einem feierlichen Gottesdienst, den Pfarrer Wolfgang Geltinger (1866-1886) zelebrierte, verabschiedet.

Am 10. August 1870 hielt der Geistliche eine Predigt, die später unter dem Titel “Worte des Trostes und der Ermunterung” gedruckt wurde. Die Begeisterung, die infolge des Krieges hochschwappte, war Geltinger völlig fremd. Für ihn war das blutige Ringen keine Frage der nationalen Ehre, sondern eine Folge “Unsere[r] Sünden … unsere[r] himmelschreiende[n] Ungerechtigkeiten”. Dadurch wurde, so der Rohrer Pfarrer weiter, “die göttliche Rache herausgefordert und Gottes Gerechtigkeit gleichsam gezwungen, die Zuchtruthe über uns zu schwingen und uns mit schweren, ja – mit schrecklichen und furchtbaren Heimsuchungen zu strafen.” Trotzdem machte er seinen Pfarrkindern Hoffnung: “… wißet, daß nicht alle Kugeln treffen, und daß eure jungen Männer … von Gott dem Allmächtigen bewahrt, von Maria beschützt und von den heil. Engeln des Herrn euch wieder zugeführt werden.”Die Predigt endete schließlich mit dem Aufruf, sich von Haß, Feindschaft und Zwietracht zu bannen.

Was für ein Mann in einer Zeit, in der innerhalb von sechs Jahren drei Kriege geführt wurden, um Recht und Freiheit der Einheit zu opfern!

Johann Stöckl wurde schließlich in fremder Erde begraben. Am 11. November 1870 hielt Pfarrer Geltinger für den Gefallenen einen Trauergottesdienst. Die Predigt ist gedruckt und liegt im Staatsarchiv in Landshut. Sie ist zwar nicht so neutral wie die erste, doch auch sie läßt erkennen, daß er den Sieg der deutschen Waffen nicht auf Tapferkeit oder militärische Weitsicht zurückführte, sondern auf die religiöse Gleichgültigkeit des Feindes. Dabei beruft er sich auf einen französichen Bischof, der gesagt haben soll: “Niemand will beten und seine Zuflucht bei Gott nehmen, darum sind auch unsere Waffen nicht siegreich. Die Deutschen aber gehen in die Kirchen, zum Empfang der hl. Sakramente, und erfechten einen Sieg um den anderen.” Pfarrer Geltinger zog daraus den Schluß, daß das Strafgericht Gottes über die Franzosen hereingebrochen sei. Man findet aber kein Wort des Triumphes  in seiner Predigt. Auch jeglicher Siegestaumel ist ihm fremd. Auch die Deutschen müssen leiden. Seine Botschaft lautet: Betet und empfangt die Sakramente, dann bleibt uns dieser Irrsinn erspart! Stöckl, so der Pfarrer, “starb in blutiger Schlacht und furchtbarem Kampfgewühle”.

Heute erinnert an Johann Stöckl und vier weitere Feldzugsteilnehmer noch die Rohrer Mariensäule, die im September 1873 nach einem geradezu grotesk anmutenden Kompetenzgerangel endlich eingeweiht werden konnte. Kaspar Sedlmeier aus Sallingberg, der seit der Schlacht von Beaumont vermißt wurde, und Josef Marklstorfer aus Helchenbach, Josef Pritsch und Josef Lehner, die den “Kriegsstrapazen” erlegen sind. Die beiden letzten gehörten nicht zu den Linientruppen, sondern zu Landwehrbataillonen; einer der wenigen Hinweise, daß es in Rohr eine Landwehr gegeben hat.

“Im Krieg verlieren alle, auch die Sieger”, sagt ein spanisches Sprichwort. Davon zeugen auch die fünf Namen auf der Rohrer Mariensäule.

Der Sockel der Rohrer Mariensäule mit den Namen der Kriegsopfer

Der Sockel der Rohrer Mariensäule mit den Namen der Kriegsopfer

Der “Campanile” der Stiftskirche von Rohr

Samstag, 16. Oktober 2010

Wer bewundert sie nicht – die italienischen Kirchturme? Der “Campanile”, von ital. campana “Glocke”, steht im Gegensatz zu den Kirchtürmen nördlich der Alpen frei. Bedeutende Beispiele sind der “Schiefe Turm” zu Pisa, der Campanile am Dom in Florenz von Giotto (1266-1337) oder der Turm der Markuskirche in Venedig.

Campanile der Markuskirche in Venedig

Campanile der Markuskirche in Venedig

In Bayern waren Kirchtürme dieser Art eine Seltenheit. Lediglich auf der Fraueninsel im Chiemsee hat sich ein Campanile erhalten. Auch in Rohr i. NB hat nach der Gründung des Augustinerchorherrenstifts im Jahre 1133 offensichtlich ein freistehender Turm zum Gottesdienst gerufen. Jedenfalls lassen die bildlichen Quellen einen solchen Schluß zu. Die älteste erhaltene Darstellung des Rohrer Kirchturms ist auf dem Grabmal des Stifters, des edlen Adalbert von Rohr, zu sehen. Es stammt aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und zeigt eine romanische Basilika.(1) Der frei stehende Turm wirkt schlank und hoch. Er zeiht allerdings bereits die stark horizontale Gliederung der einzelnen Geschosse und jeweils ein Fenster nach den vier Himmelsrichtungen in jeder Etage von der zweiten aufwärts. Das oberste Geschoß zeigt je zwei Rundbogenfenster auf jeder Seite und führt durch Spitzgiebel in ein hohes Spitzdach über.

Adalbert von Rohr

Grabmal des Stifters des Augustinerchorherrenstifts Rohr, des Edlen Adalbert von Rohr (Kupferstich in Dalhammers "Canonia Rohrensis" 1784)

Im Jahre 1443 wurde der Turm neu gedeckt.(2) Die um die Mitte des 15. Jahrhunderts erreichte Gestalt des Turms dürfte in den folgenden 150 Jahren ihre Form wohl kaum verändert haben.

Im Jahre 1632 wurde das Augustinerchorherrenstift ein Opfer des Dreißigjährigen Krieges.(3) Die Klostergebäude gingen in Flammen auf, die Kirche indes blieb verschont. Nach den Schweden steckten am 21. Mai 1648, also in den letzten Kriegsmonaten, kaiserlich-katholische  Truppen das Kloster abermals in Brand. Erst gegen Ende des Jahrhunderts hatte sich das Stift soweit erholt, daß mit dem Bau notwendiger Wirtschaftsgebäude begonnen werden konnte. 1696 ließ Propst Patritius II. Freiherr von Heydon (1682-1730) das Obergeschoß des Turmes in barocker Form neu aufführen. Er erhielt die Form, wie sie im wesentlichen heute noch besteht. Damals saß auf dem eigenartigen Helm, der dem Turm bekrönt, noch ein kleines Türmchen. Dem Stich Michael Wenigs zufolge war noch vor dem Jahre 1701 dan die Westfassande eine barocke Vorhalle gebaut worden.(4)

(1) Näheres zum Folgenden bei Zeschick, Johannes: Zur Baugeschichte der ersten Stiftskirche, in: Bayerns Assunta. Marienkirche und Kloster in Rohr, hg. v. der Abtei der Benediktiner zu Rohr in Niederbayern, Landshut 2. Aufl. 1973, 33-42, hier 34.

(2) Ebd. 38.

(3) Zum Folgenden ebd. 40.

(4) Ebd. 39f.

(Fortsetzung folgt!)

Petrus Pustet – der letzte Propst des Augustinerchorherrenstifts Rohr

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Was mag ein Mann wohl empfinden, wenn er erfährt, daß unter seiner Ägide eine Tradition von 670 Jahren schlagartig zu Ende geht, und er, der die Verantwortung trägt, ohnmächtig zusehen muß, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Diese Frage kann im Hinblick auf jeden Ordensoberen gestellt werden, der im Jahre 1803 einem bayerischen Kloster oder Stift vorstand. Die folgenden Zeilen sind einem dieser Klostervorsteher gewidmet, nämlich Petrus Pustet, dem letzten Propst des Augustinerchorherrenstift Rohr. Abgesehen von lokalpatriotischen Gründen ist diese Arbeit durch den weiteren Lebensweg des Herrn Peter motiviert. Der Ex-Konventuale wurde nämlich 1824 von König Maximilian I. Joseph zum Bischof von Eichstätt ernannt. Damit steht er in einer Reihe mit dem Regensburger Oberhirten

Propst Petrus Pustet (1801-1803)

Propst Petrus Pustet (1801-1803)

Johann Michael Sailer und dessen Schülern Ignaz Albert von Riegg, Johann Maria Manl und Franz Xaver Schwäbl.(1)

Petrus Pustet (Buchstett) wurde am 16. März 1764 zu Hemau in der Oberpfalz geboren und auf den Namen Johann Jakob Josef getauft.(2) Sein Vater Johann Georg war Lehrer und Chorregent. Die Mutter, eine geborenen Baklin, hieß Maria Anna. Wohl im Jahre 1784 trat Pustet in das Augustinerchorherrenstift Rohr ein. Am 4. November wurde er eingekleidet und am 7. November 1785 legte er die Profeß ab. Die Priesterweihe empfing er am 23. September 1787 in Regensburg.  Drei Jahre später promovierte er an der Universität Ingolstadt zum Magister und Doktor der Freien Künste und der Philosophie. Schon vor Beendigung seiner Studien wurde er  1789 zum Pfarrvikar der dem Stift inkorporierten Pfarrei Eschenhart bestellt. Nach der promotion wurde er jedoch sofort zum Professor der Höheren Grammatik an der Universität Ingolstadt berufen. Dort blieb er bis 1795. Ein Jahr später wurde er Pfarrvikar von Laaberberg. …

(1) Der einstige Pollinger Augustinerchorherr Riegg erhielt 1824 das Bistum Augsburg; der Benediktiner Manl wurde 1827 Bischof von Eichstätt; den Jesuitennovizen Sailer ernannte König Ludwig I. zum Bischof von Regensburg; und Schwäbl, der frühere Bartholomäer, wurde 1833 sein Nachfolger. Vgl. Albert, Marcel: Ordensleben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Kontinuität, Restauration und Neuanfänge, in: Gatz, Erwin (Hg.): Klöster und Ordensgemeinschaften (= Geschichte des kirchlichen Lebens in den deutschsprachigen Ländern seit dem Ende des 18. Jahrhunderts VII), Freiburg – Basel – Wien 2006, 149-204, hier 157.

(2) Zum Folgenden siehe Zeschick, Johannes: Die Rohrer Chorherren vom Jahre 1700 bis zur Aufhebung des Stiftes, in: Ders. (Hg.): Kloster in Rohr. Geschichte und Gegenwart, Landshut 1986, 75-123, hier 113.

(Fortsetzung folgt!)